Dominique Blanchet, Eric de Moulins-Beaufort, Olivier Leborgne | AFP

Fonds für Missbrauchsopfer Frankreichs Bischöfe wollen Immobilien verkaufen

Stand: 08.11.2021 19:23 Uhr

Seit 1950 wurden in Frankreich mindestens 216.000 Minderjährige von katholischen Priestern und Ordensleuten sexuell missbraucht. Nun will die Kirche die Opfer entschädigen - dafür will sie Immobilien verkaufen.

Die katholische Kirche in Frankreich will einen Fonds einrichten, um Opfer des Missbrauchsskandals entschädigen zu können. Eine Kommission soll Immobilen verkaufen, um die notwendigen Gelder aufzubringen, erklärte der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Eric de Moulins-Beaufort, zum Abschluss der Herbstvollversammlung der Bischöfe in Lourdes.

Die Höhe der Entschädigungen sei noch nicht entschieden. Es handele sich um individuelle Entschädigungen. "Jedes Opfer wird berücksichtigt", betonte der Erzbischof. "Wir greifen auf die Reserven der Kirche zurück." Auch die Aufnahme eines Kredits sei denkbar. "Wir nutzen dafür keine Spenden unserer Anhänger", betonte de Moulins-Beaufort.  

Trennung von Staat und Kirche

Falls einzelne Gläubige in den Entschädigungsfonds einzahlen wollten, so sei dies möglich, ergänzte Dominique Blanchet, der Vizevorsitzende der Bischofskonferenz. Aber es würden keine allgemeinen Spenden der Gemeindemitglieder benutzt. "Da gibt es keine Durchlässigkeit", betonte er. Wegen der strengen Trennung von Kirche und Staat gibt es in Frankreich keine Kirchensteuer. Die Gemeinden werden durch freiwillige Abgaben der Gläubigen finanziert.

Eine nationale Instanz unter dem Vorsitz einer Beamtin des Justizministeriums solle sich mit den Anträgen der Opfer befassen, kündigte der Vorsitzende der Bischofskonferenz an. Bislang haben sich nur einige Tausend Opfer der Taten gemeldet, die oft Jahrzehnte zurückliegen.

"Erwarten, dass gehandelt wird"

Die Pläne der katholischen Kirche in Frankreich sind für Yolande du Fayet de la Tour von der Opfer-Vereinigung "De La Parole aux Actes" gute Nachrichten. "Da wollten wir als Opfer hinkommen. Wir erwarten, dass gehandelt wird und man nicht mehr nur redet, so wie zu Beginn", sagte sie, die selbst Missbrauchsopfer ist.

Yolande du Fayet de la Tour arbeitete mit der unabhängigen Kommission zusammen, die am 5. Oktober den Bericht über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in der katholischen Kirche Frankreichs vorstellte. Demnach sollen seit 1950 rund 216.000 Kinder und Jugendliche Opfer sexueller Übergriffe durch Priester, Ordensleute und Kirchenmitarbeiter gewesen sein. Die katholische Basis reagierte erschüttert auf diesen Befund.

Visitatoren sollen Arbeit bewerten

Die Bischöfe hatten sich auf ihrer siebentägigen Vollversammlung erstmals geschlossen zur institutionellen Verantwortung der Kirche für die Missbrauchsfälle bekannt. Es habe sich nicht um Einzelfälle gehandelt, sondern der Missbrauch sei systematisch gewesen, betonte de Moulins-Beaufort. Die Kirche habe die Opfer "weder angehört noch begleitet", sagte er. 

Arbeitsgruppen unter Einbeziehung von Laienvertretern und Opfern sollen nun die Ursachen für sexuelle Gewalt in der Kirche untersuchen. Außerdem sollten Vorschläge für eine Begleitung der Geistlichen gemacht werden, um solche Taten künftig zu verhindern, sagte der Erzbischof. Zur Bewertung der Aufarbeitung wurde der Papst um das Entsenden von Experten, sogenannten Visitatoren, gebeten.

Mit Informationen von Linda Schildbach, ARD-Studio Paris

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Oktober 2021 um 19:30 Uhr.