Vor der Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray liegen nach dem Überfall Blumen
Reportage

Anschlag auf Pfarrer in Saint Etienne Wo Terror Christen und Muslime vereint

Stand: 26.07.2021 05:36 Uhr

Nizza, Ansbach, Würzburg - kurz nach diesen Anschlägen 2016 töteten Islamisten in einer Kirche in Nordfrankreich einen katholischen Geistlichen. Seither fühlen sich Christen und Muslime dort enger verbunden als zuvor.

Von Cai Rienäcker, ARD-Studio Paris, zzt. Saint-Etienne-du-Rouvray

Die Glocken der kleinen Kirche Saint Etienne sind in diesem Vorort von Rouen weit zu hören. Der historische Bau aus schweren Kalksteinen liegt im überschaubaren Zentrum des gleichnamigen Städtchens Saint-Etienne-du-Rouvray, einen knappen Kilometer von der Seine entfernt. In der Kirche steht Pfarrer Gauthier Mapana am Altar aus Holz und zeigt auf einige Einkerbungen an der Oberfläche: "Hier haben die beiden Täter ihre Messer auch in den Altar gebohrt", sagt der aus dem Kongo stammende Pfarrer. Und dann zeigt er auf die Stelle vor dem Altar, an der sein Vorgänger, der 85-jährige Jacques Hamel, brutal ebenfalls mit dem Messer getötet wurde: "Die beiden jungen Männer haben mit dem Messer auf ihn eingestochen, unter anderem am Hals. Und dann ist er hier, an dieser Stelle, zusammengebrochen."

Cai Rienäcker ARD-Studio Paris

Plötzlich der Mittelpunkt der Welt

18 Messerstiche sollen es gewesen sein. Die Täter: zwei 19-jährige Franzosen, die sich sehr schnell radikalisiert hatten. Der sogenannte Islamische Staat bekannte sich noch am selben Tag zum Attentat in diesem Terrormonat Juli 2016, zwölf Tage nachdem ein Lkw in Nizza in feiernde Menschen raste und wenige Tage nach Anschlägen in Ansbach und Würzburg. Die kleine Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray in der Normandie stand auf einmal im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Nach den Trauerfeierlichkeiten kamen jede Menge Besucher: "Die Leute kamen wirklich von überall her, große Busse mit Pilgern. Wir haben hier so ein goldenes Buch ausgelegt, in das sich jeder eintragen kann. Das müssen wir jetzt jeder Jahr austauschen, weil es voll ist."

In der Kirche ist eine Ecke zum Gedenken an den ermordeten Pfarrer eingerichtet worden, an "Père Hamel", wie er in Frankreich genannt wird. Papst Franziskus soll diese Verehrung mit Bildern des Verstorbenen persönlich erlaubt haben. Im Vatikan ist bereits ein Verfahren zur Seligsprechung angelaufen. Auch ein Gerichtsverfahren soll es noch geben. Da beide Attentäter beim Anschlag vor Ort von der französischen Polizei erschossen wurden, wird es vor allem um die Mitverantwortung der französischen Behörden gehen, da die Täter bereits als Gefährder eingestuft waren.

"Eine Art frohe Botschaft"

Nur wenige Kilometer vom Ort des Anschlags entfernt gibt es eine Ferienbetreuung für die Kinder aus dem Viertel. Viele Nationalitäten sind dabei; einige Christen, aber auch Muslime. Die Kinder spielen auf einem größeren Rasengelände, das zur selben Seelsorgeeinheit gehört. Direkt daneben, durch eine Mauer getrennt, die örtliche Moschee. Schon einige Jahre vor dem Attentat auf Jacques Hamel hatte die katholische Gemeinde einen größeren Teil ihres Grundstücks an die muslimische Nachbargemeinde für einen symbolischen Euro verkauft, damit die ihre Moschee bauen konnte.

Das Attentat hat die Beziehung nicht abreißen lassen, im Gegenteil, wie Pfarrer Pierre Belhache berichtet. Er kümmert sich für die Diözese von Rouen um die Beziehungen mit den Muslimen. "Uns ist bewusst geworden, dass das, was wir hier machen und erleben, nicht so alltäglich ist", sagt Belhache. "Die vielen Journalisten, die hier vorbeikamen, sagten immer: 'Oh, das ist ja interessant, was ihr hier macht.' Für uns war das vollkommen selbstverständlich, weil wir hier alle zusammen am selben Ort wohnen. Also haben wir gesehen, dass wir darüber sprechen können, daraus eine Art frohe Botschaft machen können."

Katholiken und Muslime noch stärker verbunden

Der Kontakt zum Imam der Moschee sei noch enger geworden, berichtet der katholische Pfarrer Belhache. Da werde am Telefon auch mal geweint, wenn es wieder ein schweres Attentat im Namen Allahs gegeben habe. Auch vor fünf Jahren in Saint-Etienne-du-Rouvray kam einer der Attentäter direkt aus dem Ort. "Man merkt, dass es in der muslimischen Gemeinde eine gewissen Bitterkeit gibt, dass schon seit einigen Jahren von außerhalb extremistische Strömungen hereingetragen werden", berichtet der Pfarrer. "Material wird verteilt, radikale Reden wurden da gehalten. Und das macht es schwierig für die Islamvertreter hier in Frankreich."

Seit dem Attentat auf Jacques Hamel haben die Gemeindevertreter ihre Kontakte noch verstärkt. Freitags treffen sich Katholiken und Muslime von Saint-Etienne-du-Rouvray in der Moschee, samstagabends in der katholischen Kirche. Jeder Jahrestag der für Père Hamel tödlichen Messerstiche direkt am Altar erinnert sie daran, wie wichtig diese Treffen sind.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. Juli 2021 um 14:15 Uhr.

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Moderation 26.07.2021 • 14:19 Uhr

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