Der französische Präsident Emmanuel Macron legt auf der Bezons Brücke im Großraum Paris einen Kranz nieder. | AFP

Massaker vor 60 Jahren Macron verurteilt "unverzeihliche Verbrechen"

Stand: 17.10.2021 10:08 Uhr

Brutal schlugen im Oktober 1961 französische Polizisten den Protest algerisch-stämmiger Einwanderer nieder. Das Massaker wurde lange vertuscht. Julia Borutta über ein schwieriges Gedenken.

Von Julia Borutta, ARD-Studio Paris

Die Demonstranten hatten sich extra fein gemacht - etwa 25.000 Männer, Frauen und Kinder zogen am Abend des 17. Oktober 1961 in Sonntagskleidern durch die regennassen Straßen von Paris, um würdevoll für ihre Rechte und gegen die nächtliche Ausgangssperre für algerisch-stämmige Einwanderer zu demonstrieren.

Julia Borutta ARD-Studio Paris

Diese rassistische Auflage war von der Polizeipräfektur verhängt worden - als Reaktion auf Bombenattentate der algerischen Befreiungskämpfer in Paris. Doch was würdevoll und friedlich begann, endete grausam und in vielen Fällen tödlich.

"Zusammengepfercht wie Schafe"

Ein Zeitzeuge berichtet: "Sie schlugen mit allem zu, was sie nur in die Finger bekamen. Ich weiß nicht. Waren es Eisenstangen oder Gummiknüppel oder Gewehrkolben?"

Ein anderer Mann ergänzt: "Sie brachten uns in Bussen in eine Art Lager nach Vincennes. Viele von uns waren blutverschmiert - am Kopf, an den Händen oder am Rücken. Mir blutete das Ohr. Wir waren vier Tage lang wie Schafe zusammengepfercht. Es war einfach furchtbar."

Am 17. Oktober 1961 warten diese festgenommenen Demonstranten mit ihren Händen auf den Köpfen in einem Bus. | AFP

Augenzeugen berichten, dass sie nach ihrer Festnahme tagelang festgehalten wurden. Für den Transport requirierte die Polizei Busse wie diesen. (Archiv) Bild: AFP

Von der Polizeiführung gedeckt

Mit "sie" sind Polizisten gemeint, die von ihrem Vorgesetzten Maurice Papon, einem berüchtigten Kolonialbeamten und früheren Vertreter des Vichy-Regimes, gedeckt wurden.

"Was da passiert ist, war ein Massaker", erinnert sich ein Passant, der nur per Zufall Augenzeuge wurde. "Ich höre immer noch das Geräusch der Schlagstöcke auf den Köpfen. Eine Meute von Polizisten schlug auf die Leute ein. Mein Freund neben mir beschimpfte die Polizisten und schrie 'Mörder!'. Da kamen sie auch auf uns zu. Doch ein Vorgesetzter hielt sie auf: Nein, nicht die Weißen!"

Tote trieben in der Seine

Wie viele Menschen genau in dieser Nacht starben, ist bis heute nicht geklärt. Die Polizei spricht am nächsten Morgen von drei Toten, die Angehörigen der Demonstranten aber vermissen Dutzende ihrer Landsleute.

Gesichert ist, dass selbst im Hof der Pariser Polizeipräfektur Menschen misshandelt, getötet und in die Seine geworfen wurden. Das jüngste Opfer, das man Tage später aus dem Fluss zog, war 15 Jahre alt.

Zum 60. Jahrestag

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat die Taten im Oktober 1961 als unentschuldbar verurteilt. "Die Verbrechen, die in dieser Nacht (...) begangen wurden, sind für die Republik unverzeihlich", heißt es in einem Schreiben des Élyséepalasts. Frankreich erkenne seine eindeutige Verantwortung an.

Auf das Massaker folgt die Vertuschung

Inzwischen gehen Historiker von bis zu 200 Toten und Hunderten Verletzten aus. "Es ist der Staat, der Gewalt anwendete", stellt der Politikwissenschaftler Olivier La Cour Grandmaison fest. "Denn Maurice Papon wurde vom Premierminister gedeckt. Aber der Staat hat nicht nur das Massaker verübt, sondern sich auch einer Staatslüge schuldig gemacht und die Ereignisse dieser Nacht verschleiert."

Die Toten werden weder registriert noch gezählt. Kein Polizist wird wegen der brutalen Übergriffe verurteilt. Die Archive der Polizeipräfektur bleiben über Jahrzehnte gar nicht oder nur für ausgewählte Personen zugänglich.

Dieses Foto zeigt festgenommene Demonstranten am 17. Oktober 1961. Sie werden von Polizisten mit Schlagstöcken bewacht. | AFP

Tausende Menschen wurden am 17. Oktober 1961 festgenommen. Viele Einzelheiten über die Ereignisse sind noch immer ungeklärt. Bild: AFP

Die Kinder stellen Fragen

Erst Jahre später beginnen Historiker, aber auch Kinder der Demonstranten Fragen zu stellen. So wie Mehdi Lellaoui und Samia Messaoudi, Gründer der Vereinigung Au nom de la Memoire. Sie sagen: "Wenn es Tote gibt, gibt es auch Mörder und die Verantwortlichen müssen benannt werden: Die Pariser Polizei, der damalige Innenminister, der Premierminister, und schlussendlich der damalige Präsident Charles de Gaulle."

Das war ein Staatsverbrechen, ein Massaker. Das sind vielleicht Worte, die der Politik Angst machen können, aber sie sind unerlässlich für das kollektive Gedächtnis.

Macron: "Verbrechen sind unentschuldbar"

Ihre Erwartungen hat Emmanuel Macron am Wochenende enttäuscht. Der Präsident, der die Aufarbeitung des französischen Kolonialismus zu Beginn seiner Amtszeit zur Chefsache erklärt hatte, ging zwar einen Schritt weiter als seine Vorgänger und nahm persönlich an einer Gedenkveranstaltung teil. Doch sprach er weder von einem Staatsverbrechen, noch erwähnte er explizit die politisch Verantwortlichen von damals.

In einer Bekanntmachung teilte er nach der kurzen Zeremonie lediglich mit: "Die Verbrechen, die in jener Nacht unter Polizeichef Papon begangen worden sind, sind für die Republik unentschuldbar." Für die Hinterbliebenen der Opfer reicht das nicht. In einem Radio-Interview auf France Info beklagte Lellaoui, die ganze Wahrheit sei immer noch nicht benannt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Oktober 2021 um 22:00 Uhr in den Nachrichten.