Emmanuel Macron | REUTERS

Macron zur Corona-Impfkampagne Klare Ansage an Ungeimpfte

Stand: 05.01.2022 17:04 Uhr

Die Corona-Zahlen in Frankreich steigen, mit der Einführung eines Impfpasses sollen die Regeln für Ungeimpfte verschärft werden. Nun hat Präsident Macron diese Debatte weiter angeheizt - mit einem einzigen Wort.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Er stecke sie nicht ins Gefängnis und werde sie nicht zwangsimpfen, sagt Emmanuel Macron. Aber: "J'ai très envie de les emmerder", so der französische Präsident. Er habe große Lust, die Ungeimpften zu nerven. Das werde man bis zum Ende auch tun. Das sei die Strategie.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Es ist die Antwort Macrons auf die Frage einer der Leserinnen, die ihm in der Zeitung "Le Parisien" Fragen stellen durften. Emmerder - im Wortstamm steckt "merde" - mit Verlaub: das französische Wort für "Scheiße". Dennoch ist es in Frankreich ein umgangssprachliches Wort. Man könnte es auch mit: "auf den Senkel gehen" oder "piesacken" übersetzen. Doch so umgangssprachlich kam es nicht rüber, bestätigt eine Ungeimpfte im Radio:

Ich habe gezittert, war schockiert und verletzt. Wie kann ein Präsident in diesem Ton reden! Er ist doch so etwas wie der Vater der Nation, der uns alle verteidigt! Die fünf Millionen Ungeimpften machen das doch nicht, weil sie etwas gegen ihn haben, sondern, weil sie etwas befürchten und verzweifelt sind. Unsere Sorgen sind legitim. Ich hätte mich vielleicht trotz Zweifel impfen lassen. Aber jetzt: nie im Leben!

Macron kommt nicht zum ersten Mal forsch daher - hatte aber im Dezember Besserung geschworen. "Es gibt Worte, die verletzen können. Das ist inakzeptabel. Der Respekt ist Teil des politischen Lebens. Ich habe dazugelernt", sagte er damals. "Mit einigen meiner Äußerungen habe ich Menschen verletzt. Das mache ich nie wieder. Man kann Dinge voranbringen, ohne Menschen zu verletzen."

Mehr als 270.000 Neuinfektionen

Als Macron das "Parisien"-Interview gibt, melden die Behörden einen neuen Tageshöchstwert der Corona-Neuinfektionen: mehr als 270.000. Inhaltlich spricht der Präsident für die Mehrheit seiner Landsleute, die strengere Corona-Regeln will. Sechs von zehn Französinnen und Franzosen befürworten sogar einen Lockdown für Ungeimpfte.

Auf einem Markt in Nordfrankreich hört man diese Stimmen. "Man muss die Dinge doch beim Namen nennen", sagt einer. Macron habe die Nase voll. "Wir sind eingeschränkt von diesen finsteren Leuten. Ja, sein Ausdruck ist für einen Präsidenten heftig, aber schockiert hat mich das nicht."

Ein anderer sagt: "Er hat Recht mit Inhalt und Form. Ich bin Händler und, wissen Sie, für uns ist die Lage brenzlig. Deshalb müssen sie die Ungeimpften weiter drängen."

Neue Regeln ab Mitte Januar

Vom 15. Januar könne man nicht mehr ins Restaurant gehen, keinen Rotwein oder Kaffee mehr trinken gehen, nicht mehr ins Theater, ins Kino, warnt Macron im "Parisien". Das sehe der Impfpass vor. Darüber hätten vergangene Nacht die Abgeordneten der Nationalversammlung debattiert.

Doch als das Interview die Runde macht, brechen sie die Debatte ab. Macron gehe die Ungeimpften vulgär an, um sich für die Präsidentenwahl im April die Stimmen der vollständig Geimpften zu sichern, - immerhin 90 Prozent der Wahlberechtigten - lautet ein Vorwurf der Opposition von ganz links bis ganz rechts.

"Die Franzosen vereinen und sie nicht spalten"

Valerie Pecresse formuliert einen weiteren Vorwurf. Sie ist Präsidentschaftskandidatin der konservativen Republikaner, liegt inzwischen nach Macron auf Umfrage-Platz zwei - und könnte somit in die Stichwahl einziehen. Pecresse kommentiert Macrons Interviewpassage, wer mit seinem eigenen Verhalten die Freiheit der Anderen bedrohe, verhalte sich unverantwortlich und sei somit kein Bürger.

Ein Präsident der Republik müsse aber "die Franzosen vereinen und sie nicht spalten", so Pecresse. "Wir müssen heute unbedingt die Einheit der Nation wiederherstellen. Der Präsident hat nicht auszuwählen, wer Bürger ist und wer nicht. Man muss diese Präsidentschaft der Missachtung beenden. Und ich werde das tun!"

Pandemie als Wahlkampfthema

Im Elysée hat man das Interview gegengelesen und ohne Änderungen freigegeben. Also kein Fauxpas, sondern politisches Kalkül. "Reden wir offen: Wer verdirbt heute wem das Leben? Etwa unseren Pflegekräften, die auf den Intensivstationen seit zwei Jahren bis zum Hals in Arbeit stecken, um Patienten zu retten, die heute im Wesentlichen ungeimpft sind", sagte Regierungssprecher Gabriel Attal nach einer Tagung des Pandemie-Krisenstabs. "Das sind die, die sich nicht impfen lassen."

Der Wahlkampf hat sein großes Thema - die Pandemie. Und einen Präsidenten, der nicht nur Lust hat, Ungeimpfte zu nerven. Sondern auch die Lust äußert, wieder anzutreten.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 05. Januar 2022 um 17:50 Uhr.