Eine Gruppe gerade Geimpfter wartet unter Aufsicht einer Sanitäterin im französischen Chauvigny im Departement Vienne. | picture alliance / Hans Lucas

Pandemiebekämpfung in Frankreich "Können es besser machen als der Staat"

Stand: 20.04.2021 15:49 Uhr

Kommt Frankreichs Zentralismus in der Pandemie an seine Grenzen? Viele Departements klagen: Paris habe zu spät auf die zweite Welle reagiert - nun müssen sie die Krise stemmen und fühlen sich alleingelassen.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Angela Merkel wolle das Kommando über die Länder übernehmen, titelt die französische Presse: mit dem neuen Infektionsschutzgesetz. Eine bundeseinheitliche Notbremse je nach Inzidenz, obwohl Gesundheit Ländersache ist. Das nimmt das zentralistische Frankreich sehr wohl zur Kenntnis.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Im Auftrag von Präsident Emmanuel Macron untersucht hier der Schweizer Infektiologe Didier Pittet seit dem vergangenem Sommer, wie Frankreich die Corona-Krise bewältigt und beschäftigt sich unter anderem mit den Unterschieden zwischen Frankreich und seinen föderalen Nachbarstaaten.

Die Schweiz und Deutschland hätten im Vergleich durch ihre föderalistische Struktur bei der Pandemiebekämpfung Probleme gehabt, stellt Pittet fest, schränkt aber ein: "Das heißt nicht, das ein zentralistisches Land alle Vorteile hat. Hier sind einige Entscheidungen leichter zu fällen, aber ihre Umsetzung ist dann manchmal etwas schwieriger."

Spät und heftig reagiert

Derzeit gelten in ganz Frankreich zum dritten Mal weitgehende Corona-Beschränkungen. Die Intensivstationen sind überlastet, die Impfkampagne schleppt sich dahin, mehrere Virusvarianten grassieren. Immerhin hat das Land die Schulen zuvor mit am längsten in Europa offen gehalten.

Der frühere Landwirtschaftsminister Dominique Bussereau sagt, im vergangenen Frühjahr habe der Staat Probleme gehabt, Masken zu verteilen - "jetzt passiert das Gleiche mit dem Impfstoff". Bussereau leitet die Vereinigung der Departements in Frankreich und blickt vom Zentrum aus auf die Peripherie. Der Staat wolle "alles allein machen, sich nicht lokal helfen lassen", kritisiert er. "Eine schlechte französische Tradition, die uns politisch, sozial und wirtschaftlich schwächt. Wir können es besser machen als der Staat, das wissen wir, aber der Staat weiß es nicht."

Der Staat hat sich zumindest bemüht, lokaler zu entscheiden: Hotspots nach Departments ausgewiesen, Ausgangssperren zuerst regional verhängt. Um fast jeden Preis sollte die Wirtschaft am Laufen gehalten und eine Balance zwischen Lebensstil und Pandemie-Erfordernissen gefunden werden.

Doch als sich seit Anfang des Jahres die Zahlen rapide verschlechterten, als Lokalpolitiker händeringend strengere Maßnahmen erbaten, versuchte Paris die Sache auszusitzen. Um dann spät, aber hart durchzugreifen - etwa mit einem Wochenend-Lockdown in einigen Städten und Regeln wie: für Freizeit und Sport nur einmal am Tag für eine Stunde und im Umkreis von fünf Kilometer raus.

"Der Premierminister ist nach Nizza und Metz gereist, und in Dunkerque fühlten wir uns verlassen. Ein Leben hier ist doch aber genauso viel wert wie eins in Nizza", klagt Martial Beyaert, Bürgermeister einer Kleinstadt am Ärmelkanal. "Die Inzidenz lag bei über 600, dann bei über 900. Wir haben zehn Tage verloren. Man muss die lokale Kompetenz nutzen." Die Regierung aber habe zuerst nur kleine Maßnahmen beschlossen, die das Virus hier an der Küste nicht aufgehalten hätten.

Ein Impfzentrum im französischen Béziers. | EPA

Ein Impfzentrum im französischen Béziers. Bild: EPA

Warnungen aus der Peripherie

Es hat sich Frust angesammelt. Der parteilose Robert Ménard ist Bürgermeister in Béziers am Mittelmeer. Unterstützt wird er unter anderem von der extremen Rechten, die mit Marine Le Pen nächstes Frühjahr eine aussichtsreiche Präsidentschaftskandidatin ins Rennen schicken will. "In Beziers haben wir eine hohe Inzidenz, aber fast niemanden im Krankenhaus. Vielleicht könnte man einmal keinen Pariser Reflex haben und uns anhören", sagt Ménard - und warnt: "Man muss aufpassen: Ich denke, es könnte Rebellionen geben von Menschen, von denen man keine Proteste erwartet hätte, so müde sind sie!"

Ohne Umdenken in Paris kehren sich Vorteile zentraler Entscheidungen in ihr Gegenteil: Ohne Feingefühl und Vertrauen der Regierung bleiben lokale Lösungen ungenutzt - sozialer Zündstoff. Schon im Juni aber wird in den Regionen gewählt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. April 2021 um 14:51 Uhr.