Die Bewohner von "Village Alzheimer" im südfranzösischen Dax. | Sabine Rau
Weltspiegel

Frankreich Selbstbestimmt leben im "Village Alzheimer"

Stand: 20.06.2021 09:10 Uhr

Im südfranzösischen Dax ist ein außergewöhnliches Dorf entstanden: 120 Einwohner mit verschiedenen Formen von Demenz führen im "Village Alzheimer" so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben.

Von Sabine Rau, ARD-Studio Paris

Die Bungalows sind nagelneu: Mit offener Küchenzeile, behaglichen, modernen Sofas und Sesseln im Salon mit TV und Computer - und alle Zimmer haben einen Zugang zum Garten. Marie-Christiane hat ihr Zimmer mit Familienfotos und ein paar eigenen Möbeln dekoriert, auf ihrem kleinen Schreibtisch liegt ihr Planer: "Darin schreibe ich mir alles auf, damit ich nichts vergesse", erklärt sie mit einem kleinen Lachen, "aber leider passiert mir das öfter."

Sabine Rau ARD-Studio Paris

Abgesehen davon ist die 84-Jährige bemerkenswert fit. Sie hat als junge Frau Fremdsprachen studiert und wollte Stewardess werden. Sie ist so etwas wie die Anführerin ihrer kleinen WG. Zwischen sechs und acht Männer und Frauen leben jeweils zusammen in einem Bungalow, rund um die Uhr begleitet von zwei Betreuerinnen.

"Kein Vergleich zu einem normalen Altersheim", sagt Marie-Christine Pascal, eine der WG- Betreuerinnen. "Es gibt hier nur kleine Wohneinheiten und das erste, was einem auffällt, wenn man die Menschen hier sieht, ist ihre Freiheit."

Ein Bilderbuch-Dorf mit Zaun

Die Betreuerinnen sorgen dafür, dass ihre Schützlinge im Alzheimer-Dorf aktiv am Leben teilnehmen - so lange und so gut wie möglich. Denn das ist das Programm des Pilotprojekts: Ein Alltagsleben in Selbstständigkeit - auch wenn das Gedächtnis nicht mehr richtig funktioniert.

Marie-Christiane ist heute mit Einkaufen dran: Im Kühlschrank wird geschaut, was zum Mittagessen fehlt, sie notiert alles auf ihrer Einkaufsliste, dann geht’s los, zusammen mit zwei Mitbewohnern, zum Lebensmittelladen, der zum Dorf gehört. Genauso wie der Frisörsalon, das Bistro, der kleine Marktplatz und der Park mit dem Teich.

Ein Bilderbuchdorf - allerdings mit einem Zaun drumherum, zum Schutz der Bewohner: Denn alle dürfen sich hier frei bewegen, niemand wird eingesperrt. Marie-Christiane zieht mit der kleinen Truppe nach dem Einkauf - typisch Südfrankreich - erstmal in die Kneipe.

Ein Lokal im "Village Alzheimer" ist gut besucht. | Sabine Rau

Nach dem Einkaufen geht's erst einmal auf einen Abstecher in ein Lokal. Bild: Sabine Rau

Lebensqualität statt purer Medikamente

"Wir treffen hier die Bewohner aus den anderen Häusern", erklärt sie. Alkohol gibt es natürlich nicht - aber man vertreibt sich ein bisschen die Zeit mit Plaudern und Kartenspielen. Die 120 Dorfbewohner sind unterschiedlich fit, die Jüngste ist gerade vierzig Jahre alt. "Wir versuchen, eine Beziehung zu jedem einzelnen herzustellen, ihn so zu nehmen, wie er ist: mit seiner Geschichte, seiner Persönlichkeit", sagt Alzheimer-Spezialistin Dr. Gaelle Marie-Bailleul, die regelmäßig ins Dorf kommt. "Wir lassen hier jeden in seinem eigenen täglichen Rhythmus leben und setzten nicht einfach nur auf Medikamente."

Bewusst achtet man in Dax auch darauf, dass die Bewohnerinnen und Bewohner aus unterschiedlichen sozialen und gesellschaftlichen Schichten kommen. Das "Village Alzheimer" soll kein Elite-Dorf werden.

Das Projekt wird subventioniert vom Staat: Die Bewohner zahlen 2000 Euro im Monat. Wer das nicht aufbringen kann, bezahlt weniger. So kommt es, dass hier Bankiersgattinnen und Verkäuferinnen, Computerexperten und Landwirte gemeinsam ihren Lebensabend verbringen.

Besuch aus Dax - und Ausflüge für die Bewohner

Für Béatrice Destruhaut ist das Alzheimer-Dorf ein Geschenk. Sie wohnt in Dax und kommt einmal in der Woche vorbei. Ihre Mutter Claudette lebt seit etwa einem Jahr im Alzheimer-Dorf. Früher war sie Geschäftsfrau mit einer eigenen Metzgerei. Heute weiß sie sich nicht mehr alleine zu helfen.

Eine Seniorengruppe sieht gemeinsam fern. | Sabine Rau

Zu sechst bis acht leben die Senioren in WGs zusammen - gemeinsam mit zwei Betreuerinnen. Bild: Sabine Rau

"Meine Mutter wird hier mit ihrer Krankheit gut versorgt", sagt Destruhaut. "Sie ist sicher hier, und das Personal ist wirklich sehr gut." Sie habe kein schlechtes Gewissen, die Mutter hier untergebracht zu haben, im Gegenteil: Sie weiß sie hier in guten Händen.

Marie-Christiane hat unterdessen ihren Koffer gepackt. Die Betreuerin hat ein wenig geholfen, sorgfältig Hosen, T-Shirts und Schuhe zu verstauen. Marie-Christiane ist ein bisschen aufgeregt, denn am Wochenende wird sie abgeholt: zu einem Ausflug in die Berge. Sie freut sich auf ihre Familie, die Söhne und die Enkel. Und diese gute Nachricht teilt sie nun erst einmal - so weit wie möglich - mit ihrer WG im Alzheimer-Dorf in Dax.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel - am Sonntag um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 20. Juni 2021 um 19:20 Uhr im Weltspiegel.

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KOMMENTARE

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Grossfamilienberater 20.06.2021 • 14:27 Uhr

Zu Quakbuedel 11.50

Die Frage nach den Kosten ist durchaus berechtigt und nicht per se so inhuman, wie es manche Foristen versuchen Ihnen zu unterstellen. Das Experiment findet in der Peripherie eines bekannten franzoesischen Kurortes statt, dessen Kurbetrieb nach meiner Erinnerung in Zusamnenhang mit dem Vincentinertum steht, ein katholischer Orden, der sich um Obdachlose und andere Randgruppen der Gesellschaft kuemmert. Ich vermute mal, dass der Standort, suedlich meiner Lieblingsgegend, des wundervollen Perigord, nicht zuletzt deshalb gewaehlt wurde, weil dort eine Betreuungsinfrastruktur vorhanden ist. Von daher koennte ich mir durchaus eine qualitativ hochwertige Betreuung in angenehmer Umgebung dort vorstellen, die kostenmaessig auch nicht exorbitant von den auch hohen Kosten vergleichbarer Pflegeheime abweicht. Jedenfalls ein zumimdest im Ansatz gut durchdachtes Experiment. Damit aber kein Missverstaendnis aufkommt. Mit Inklusion kann eine Alzheimerbetreuung nichts zu tun haben. Leider.