Ein durch Überschwemmungen zerstörtes Haus in der Gemeinde Pepinster in Belgien | Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Hochwasser in Belgien Die große Ratlosigkeit nach der Katastrophe

Stand: 14.08.2021 03:20 Uhr

Seit dem Hochwasser vor vier Wochen gleichen viele der betroffenen belgischen Orte Geisterstädten - die Menschen können oder wollen nicht zurück. Die Aufräumarbeiten stocken. Oft ist unklar, ob der Wiederaufbau lohnt.

Von Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel, zurzeit Pepinster

Das belgische Königspaar war da, der belgische Regierungschef Alexander de Croo und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sie alle marschierten vor vier Wochen in Gummistiefeln und mit entsetzt aufgerissenen Augen durch die Trümmer im ostbelgischen Pepinster und kündigten Hilfen an.

Gudrun Engel ARD-Studio Brüssel

Es sei das schlimmste Hochwasser, das Belgien je erlebt habe, gab Premier de Croo zu Protokoll und löste den europäischen Katastrophenschutz-Mechanismus aus. Das bedeutet, dass Hilfsgelder aus dem EU-Fond für den Wiederaufbau fließen können. Und auch die Wallonie hat zwei Milliarden Hilfsgelder angekündigt.

Der Ort gleicht einer Geisterstadt

Doch angekommen sei bislang noch nichts, ärgert sich Marc de Taille. Er steht mit einem Hochdruckreiniger vor seinem Haus und spritzt die Wände ab. Er ist einer der wenigen Bewohner, die noch da sind. Pepinster gleicht einer Geisterstadt. Mehr als 50 Häuser haben die Wassermassen hier komplett mitgerissen oder irreparabel zerstört.

Zwei Flüsse vereinigen sich in dem Ort in der Wallonie - die Weser und die Hoegne - und wurden zur Todesfalle. Insgesamt gibt es 38 Opfer zu beklagen. Ganze Bäume und Schutt hatten sich an den Brücken zu Dämmen aufgestaut und das Wasser so mit voller Wucht in den Ortskern geleitet.

Bei einigen Häusern kann man durch die zerstörten Wohnungen gucken: Kinderbetten in denen noch Stofftiere sitzen, Badewannen, halb aus der Wand gerissen. Und von den ehemaligen Bewohnern keine Spur. Die Polizei kontrolliert an allen Zufahrten, um Katastrophen-Touristen abzuhalten.

Zerstörte Häuser in der Gemeinde Pepinster in Belgien | Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Der Wiederaufbau stagniert, weil unklar ist, ob das sinnvoll ist. Bild: Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Viele ohne neue Bleibe

Mehrere Hundert Menschen sind obdachlos. Das ist auch nach vier Wochen immer noch das Hauptproblem. Viele sind bei Freunden und Verwandten untergekommen. Aber bei weitem nicht alle.

Marie-Therese Brandenberg hat keinen Unterschlupf gefunden. Die 70-Jährige harrt deshalb ohne Strom und Gas in ihrem nassen Haus aus. Ein gespraytes "OK" vor ihrer Tür signalisiert, dass das Haus stabil steht. Ihr Mann habe in den Fluten sein Gebiss verloren, erzählt sie. Die Zahnarztpraxis sei auch komplett verwüstet - fünf Kilo habe er schon abgenommen.

Das Rote Kreuz bringt täglich Versorgungspakete für die, die noch da sind. Aus dem ganzen Land sind die Helfer angereist. In der Turnhalle gibt es einen Spendenbasar: Kleidung, Lebensmittel, Spielzeug. Es gibt aber nur wenig Nachfrage. Etwa 1000 Einwohnerinnen und Einwohner bekommen zwei Mal täglich eine warme Mahlzeit. Klassische belgische Hausmannskost, um auch die Seele ein bisschen zu wärmen sagt der Koch.

Kleiderspenden lagern in einer Halle. | Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Den Betroffenen wird geholfen: Mit Kleidung für den Körper ... Bild: Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Menschen stehen in der Gemeinde Pepinster in Belgien vor einem Imbissstand in einer Schlange an. | Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

... und belgischer Hausmannskost für die Seele. Bild: Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Platz für die Menschen - oder die Flüsse?

Aurore Degré ist Professorin für Hydrologie an der Universität Lüttich. Sie hat das Katastrophengebiet mehrfach mit ihren Kollegen besucht und kann Frust und Verzweiflung verstehen. Es gebe eine Menge dringender Fragen nach der Zukunft. Dennoch: "Wir müssen uns jetzt die Zeit nehmen, gründlich darüber nachzudenken, ob und wie ein Wiederaufbau möglich ist, damit diese Menschen in Zukunft nicht in Gefahr sind."

Ein Hauptproblem auch in Belgien ist die wachsende Flächenversiegelung. Überschwemmungsgefahren werden bei Bauverfahren und Genehmigungen erst seit Kurzem berücksichtigt. Die meisten der in Belgien beschädigten Häuser in den engen Tälern aber stehen bereits seit mehr als 100 Jahren. Aurore Degré rät von einem Wiederaufbau in den Tälern ab. Man müsse den Flussläufen mehr Platz lassen.

Noch immer fassungslos

Wiederaufbau, daran sei ohnehin nicht zu denken, weder finanziell noch emotional, erzählen Michel Pielette und Anne Garnier. Ein Trümmerhaufen - mehr ist von ihrem Haus von nicht mehr übrig. Alle drei bis vier Tage kommen sie zur Unglücksstelle - jedes Mal verschlägt es ihnen aufs Neue die Sprache.

Wie nach einem Bombeneinschlag sehe es aus, sagen sie. Nichts mehr da von dem Zuhause, dass sie gerade noch frisch renoviert hatten. "Zum Glück ist bei uns niemand gestorben!", schüttelt Anne Garnier immer noch fassungslos den Kopf. Ihr Sohn und ihr Enkel waren zum Glück nicht zu Hause.

Ihre Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben das Hochwasser nicht überlebt. Die Menschen in Pepinster - viele können oder wollen nicht zurückkommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Juli 2021 um 18:22 Uhr.