Flüchtlingslagers auf der Insel Samos | picture alliance/dpa

Flüchtlinge in Griechenland Geschlossene Lager, fern der Städte

Stand: 24.11.2021 15:58 Uhr

Nach der Katastrophe von Moria unterstützt die EU den Bau neuer Flüchtlingslager auf griechischen Inseln. Sie sind modern, aber geschlossen und fern der Orte. Kritiker erinnern die Bauten an Gefängnisse.

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen

Daniela Steuermann kann sich noch sehr gut daran erinnern, als sie das neu gebaute Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Samos zum ersten Mal gesehen hat: "Man fährt auf der Straße und hat auf der linken Seite dieses massive Camp, umgeben von Stacheldraht. Dann sieht man eine riesengroße Straße, auf der die Polizeiautos patrouillieren und dann kommt der nächste hohe Zaun", sagt Steuermann. "Ich fand das sehr, sehr beklemmend. Und es hat mich tatsächlich auch an ein Freiluftgefängnis erinnert."

Verena Schälter

Steuermann ist Krankenschwester und medizinische Projektleiterin für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen auf Samos. Seit März ist sie dort im Einsatz und kennt daher auch das alte Lager bei Vathi gut. Das Camp war für 650 Personen ausgerichtet. Als Daniela Steuermann angekommen ist, lebten dort 2500 Menschen, vor einem Jahr waren es sogar rund 4600 Menschen.

Ratten, Schlangen, Skorpione  

Die Lebensbedingungen dort waren äußerst schwierig. "Gerade, weil es doch viele Probleme mit der Müllentsorgung gab. Das heißt also, die Menschen haben natürlich auch sehr viel Kontakt zu Ratten, Schlangen und Skorpionen gehabt, was zum einen eben ein großes gesundheitliches Problem dargestellt hat."

Weil das Camp überfüllt war, haben die Menschen in selbstgebauten Hütten oder in Zelten gelebt. Es mangelte an Duschen und Toiletten. Außerdem sind immer wieder Brände im Lager ausgebrochen, weil Bewohner Feuer entfacht haben, um Zelte zu heizen oder Tee zu kochen. Zustände wie in einem Slum - und das mitten in Europa.

Sicherheitsschleusen und NATO-Draht

Die Antwort der griechischen Regierung lässt sich nun hinter einem Berg etwa fünf Kilometer entfernt begutachten, abgeschirmt von NATO-Stacheldraht und Sicherheitsschleusen.

"Die heutige Veranstaltung markiert nicht nur die Schließung des Lagers in Vathi, sondern eine völlig neue Phase. Mit großer Freude und Zufriedenheit begrüße ich Sie in der ersten modernen, geschlossenen und kontrollierten Anlage auf Samos", so Notis Mitarakis, der griechische Migrationsminister bei der Eröffnung des neuen Camps im Beisein der stellvertretenden EU-Generalsekretärin für Migration und Inneres, Beate Gminder.

Denn das Lager auf Samos dient Griechenland und der EU als Pilotprojekt: In den kommenden Monaten sollen vier weitere solcher Camps auf den ägäischen Inseln Lesbos, Kos, Chios und Leros gebaut werden. Die EU hat dafür 276 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die neue Anlage auf Samos gewährleiste sowohl die Sicherheit seiner Bewohner, als auch die Sicherheit der lokalen Bevölkerung.

"Wie in einem Gefängnis"

In der Praxis bedeute dies aber: Die Menschen im Camp werden wie Gefangene behandelt, so Steuermann. "Das fängt damit an, dass die Menschen durch eine riesige Metalltür gehen müssen. Auf der anderen Seite warten die Polizisten, dann werden ihre Taschen durchsucht, jedesmal beim Reingehen", so Steuermann. "Sie werden mit einem Metalldetektor abgefragt, ob sie irgendwelche Messer oder Waffen dabeihaben. Und müssen sich dann der Untersuchung unterziehen. Das ist für mich wie in einem Gefängnis."

Dazu kommt: Das neue Lager liegt weit abseits jeglicher Ortschaften. Das nächste Dorf ist etwa fünf Kilometer entfernt, die Busfahrt hin und zurück kostet 3,60 Euro - für viele im Camp zu teuer.

Doch dass das Camp so weit außerhalb liegt, ist kein Zufall: Die anfängliche große Hilfsbereitschaft der lokalen Bevölkerung auf den griechischen Inseln zu Beginn der Flüchtlingskrise hat sich im Laufe der Jahre vielerorts in Ablehnung verwandelt - auch, weil der Tourismus gelitten hat.

Für Mitsotakis geht es auch um Imagefragen

Doch das soll sich nun ändern: "Das Image, nicht nur von Samos, sondern in der gesamten Nördlichen Ägäis und Östlichen Ägäis hat nichts mehr mit dem Bild gemein, das wir hatten, als uns das griechische Volk vor 27 Monaten die Regierung des Landes anvertraute", so der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis bei seinem Besuch auf Samos.

Seine Regierung ist mit dem Versprechen angetreten, den Inseln zu helfen, ihr Image als Flüchtlingshotspots loszuwerden und dazu gehört auch: Neue Flüchtlingslager werden, wenn überhaupt, nur außerhalb von Städten und Gemeinden errichtet.

Auch auf der Insel Lesbos konnte man sich monatelang nicht auf eine Fläche einigen, auf der ein neues Camp gebaut werden soll, nachdem das berüchtigte Lager in Moria vor über einem Jahr vollständig abgebrannt war.

Mittlerweile haben sich die Gemeinden auf ein Gelände geeinigt: Es befindet sich etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt Mytilini entfernt in einem Waldgebiet, direkt neben der Müllkippe. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. November 2021 um 12:35 Uhr.