Grenzpfosten zwischen Finnland und Russland. | ARD-Studio Stockholm
Reportage

Finnland und Russland Alles ruhig im Grenzgebiet

Stand: 17.05.2022 15:34 Uhr

Finnlands lange Grenze zu Russland war in den vergangenen Jahren eine überwiegend ruhige Gegend. Nun will das Land in die NATO. Wie reagieren die Menschen darauf?

Von Sophie Donges, ARD-Studio Stockholm

Die Straße, die bis auf wenige Meter an die russische Grenze führt, ist nicht asphaltiert. Kaum ein Auto ist hier unterwegs, nur ein paar Ornithologen halten am Straßenrand ihre Ferngläser in den Himmel auf der Suche nach Vögeln. 

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Die 82-jährige Irma Koskela wohnt hier, im Süden der finnisch-russischen Grenze in der Region Kymenlaakso, in einem kleinen Holzhäuschen am Fluss, direkt neben dem Hof ihres Sohnes. Auf der anderen Seite des Flusses ist Russland. Beide Gebäude liegen im Sperrgebiet. Alle paar Meter stehen an der Straße große gelbe Schilder: "Ab hier Zutritt nur noch mit Genehmigung". Für die 82-Jährige ist das schon seit vielen Jahren Alltag.

Der Kalte Krieg war anders

Hier sei es gut zu leben, sagt sie. Als sie geheiratet habe und aus dem Nachbarort hierher gezogen sei, sei jeden Tag geschossen worden. Und dann seien da noch die Suchscheinwerfer gewesen, die herumgeleuchtet hätten.

Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg - auf sowjetischer Seite wurden damals einige Militärübungen abgehalten. Inzwischen sei es dort aber ganz ruhig, so Koskela, die einen bunten Trainingsanzug und eine Fleecemütze trägt. Sie strahlt so viel Ruhe und Fröhlichkeit aus - man kann glatt vergessen, hier an einem Ort zu sein, der gerade im Mittelpunkt sicherheitspolitischer Debatten steht.

Doch, sagt sie, seit dem Ukraine-Krieg habe sich etwas geändert. Auf einmal seien mehr Grenzschützer auf finnischer Seite unterwegs - mit dem Auto und mit Hubschraubern. Die Grenze werde gut bewacht. Früher seien die Grenzschützer vielleicht zweimal am Tag gekommen, jetzt kämen sie öfter.

Irma Koskela | ARD-Studio Stockholm

Irma Koskela lebt im Grenzgebiet zwischen Finnland und Russland. Den geplanten NATO-Beitritt sieht sie positiv. Bild: ARD-Studio Stockholm

Wachsam im Umfeld der Übergänge

Hier soll niemand die Grenze unerlaubt übertreten. Das Gebiet in der Nähe von Grenzübergängen gilt als besonders gefährdet, erklärt später ein Grenzschützer. Der nächste Übergang ist nur 15 Minuten Fahrt entfernt. Hier ist die Straße wieder breit, mehrspurig und in gutem Zustand. Fast menschenleer auch dieser Abschnitt; der riesige Grenzübergang taucht fast wie aus dem Nichts auf.

Nur vereinzelt kommen ein paar Autos, die von Jari Huttonen und seinen Kollegen kontrolliert werden. Ja, es sei ziemlich ruhig, sagt auch Huttonen, vor allem wegen der Corona-Restriktionen. Seitdem seitdem sei der Verkehr um 70 Prozent zurückgegangen. Das Auto einer jungen Familie mit Baby ist okay, die Papiere auch, sie dürfen weiterfahren.

Einige wenige Pkw kommen noch vorbei, vor den Schaltern der Grenzschützer bilden sich kaum Schlangen. Lastwagen? Fehlanzeige. Seit den Sanktionen gegen Russland blieben diese weg. Viel mehr habe sich seitdem nicht verändert, so der Grenzschützer. Und es sei Teil ihrer Arbeit, immer vorbereitet zu sein. Und eine nationale Bereitschaft gebe es immer.

Huttonen will sich nicht in die Karten schauen lassen - auch auf mehrfache Nachfragen, wie man beispielsweise mit den Drohungen aus Russland umgehe, wiederholt er diese Antwort: Man sei wie immer vorbereitet.

Der Weg in die NATO

Der Weg eines Landes in die NATO kann nur Schritt für Schritt gegangen werden: Zuerst muss der Beitrittskandidat in Brüssel offiziell sein Interesse anmelden. Von Finnland und Schweden wird das in den nächsten Tagen erwartet. Dann prüft die Allianz, ob die Bewerber die Voraussetzungen erfüllen.

Neue NATO-Mitglieder müssen nämlich europäische Länder und Demokratien sein, die Minderheiten fair behandeln, sich für friedliche Konfliktlösungen stark machen und sowohl den Willen als auch die Fähigkeiten haben, sich militärisch im Bündnis zu engagieren.

Ist das der Fall und sagen alle Nato-Staaten "Ja", werden die Kandidaten zu formellen Beitrittsgesprächen eingeladen. Der NATO-Erweiterung, in diesem Fall nach Norden, müssen dann am Ende ebenfalls alle 30-Mitgliedsländer zustimmen. In Deutschland entscheidet darüber der Bundestag.

Von Stephan Ueberbach, ARD-Studio Brüssel

Busse ersetzen Flüge

Dann rollt ein großer Reisebus aus Russland an. Etwa 20 Menschen steigen aus, ihre Pässe in der Hand. Viele von ihnen haben eine doppelte Staatsbürgerschaft oder besitzen ein Haus in Finnland, deshalb können sie einreisen.

Seit es keine Flüge mehr gibt, ist der Bus nach Helsinki für manche die einzige Option, nach Europa zu kommen. So etwa für Marius, einen schick gekleideten Mann in den 40-ern. Sein Ziel ist London - eine Reise, für die er bislang mit dem Flugzeug von Moskau aus zweieinhalb Stunden brauchte. Jetzt braucht er einen Tag. Marius, der seinen Nachnamen nicht verraten möchte, ist in Russland geboren, lebt aber seit vielen Jahren in London. Er kennt beide Länder, hat Freunde und Familie an beiden Orten und pendelt regelmäßig.

Über den geplanten NATO-Beitritt Finnlands kann er nur mit dem Kopf schütteln: Eine unglückliche Situation sei das. Die Welt sei doch - auch durch den Kapitalismus - kleiner geworden, und jetzt mache man einen Schritt zurück. Dabei sollte man gerade jetzt doch deeskalieren - nein, das sei "nicht die beste Entscheidung". Die Kontrolle seiner Papiere geht schnell. Schon sitzen alle wieder im Bus in Richtung Helsinki.

Marius | ARD-Studio Stockholm

Marius pendelt zwischen Sankt Petersburg und London - früher dauerte die Reise ein paar Stunden, jetzt einen ganzen Tag. Bild: ARD-Studio Stockholm

"Immer alles gutgegangen"

Irma Koskela ist für den geplanten NATO-Beitritt Finnlands: Sehr gut sei das, meint die Rentnerin aus dem Dorf mitten im Wald, zwei Stunden von Helsinki entfernt.

Dann biegt sie in den Weg ein, der zu ihrem Haus führt, folgen darf man ihr dabei nicht mehr: Ohne Genehmigung, sagt Koskele, dürfe man nicht bis zum Fluss gehen. Sie winkt noch einmal und geht nach Hause.

Auch wenn Irma Koskela die Grenze zu Russland aus dem Fenster sehen kann, habe sie keine Angst, sagt sie. Seit 60 Jahren wohnt sie hier - und es sei ja immer alles gut gegangen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Mai 2022 um 12:41 Uhr.