Tiertransport mit Kälbern  | Animal Welfare Foundation e.V.

Europäische Union Tiertransporte auf dem Prüfstand

Stand: 17.01.2022 08:14 Uhr

Die EU-Tierschutzregeln bei Transporten gelten als einer der höchsten Standards weltweit, eingehalten werden sie aber häufig nicht. Ein EU-Untersuchungsausschuss empfiehlt Änderungen - die kommen nicht überall gut an.

Von Tobias Dammers, ARD-Studio Brüssel

Rund 60 Milchkühe sind in der Nacht auf dem Hof von Viehtransporteur Markus Krümpel in Wettringen angekommen, am nächsten Morgen sollen sie rund 50 Kilometer weiter in die Niederlande gefahren werden. Dorthin fährt Krümpel die meisten Transporte, aber auch nach Polen, Italien oder Spanien - in viele Länder der EU. Deswegen, so Krümpel, sei fast jeden Tag sei ein Veterinär bei ihm zur Kontrolle. "Tierwohl ist wichtig", sagt Krümpel, "das fordert auch jeder Kunde heutzutage".

Seine Fahrzeuge sind mit GPS-Trackern und Sensoren ausgestattet, die Fahrer sorgfältig geschult, Ruhezeiten würden respektiert, so Krümpel. Auf seinen Fahrten sieht er aber auch: Nicht überall in der EU werden Tierschutz-Regeln bei Transporten so kontrolliert wie in Deutschland. Obwohl seit 2007 überall die gleiche EU-Verordnung in Kraft ist.

Aktivisten halten einen Tiertransport vor einem Schlachthof auf. | picture alliance/dpa

Tiertransporte treffen vielerorts in der EU auf Proteste - nun drängt das Europaparlament darauf, die Vorschriften noch einmal zu verschärfen. Bild: picture alliance/dpa

Untersuchungsausschuss erkennt Mängel

Ein EU-Untersuchungsausschuss mit Abgeordneten unterschiedlicher Parteien hat nun 18 Monate lang mutmaßliche Verstöße gegen die Vorschriften überprüft. Das Ergebnis: Die EU-Tierschutzregeln gehören laut Ausschuss zwar zu den höchsten Standards der Welt, eingehalten würden sie aber nicht immer.

Denn auch Tierschützer wie Iris Baumgärtner von der Animal Welfare Foundation dokumentieren seit Jahren immer wieder systematische Rechtsverstöße. Dazu gehören unter anderem zu lange Fahrtzeiten, Tiere, die in ungeeigneten Schiffen oder LKW transportiert werden, verletzt unterwegs sind oder nicht ausreichend getränkt werden.

Weniger Lebendtransporte, mehr Kontrollen

Langfristig empfiehlt der EU-Ausschuss den Übergang vom Transport lebender Tiere hin zum Transport von Schlachtprodukten und Samen. "Wo immer das machbar ist, gerne", sagt Heinz Osterloh vom Deutschen Vieh- und Fleischhandelsbund. Aber absehbar sei das nicht, denn für eine erfolgreiche Zucht sei lebendige, weibliche Genetik nötig.

In einem konkreteren Schritt fordern die Ausschussmitglieder die EU-Kommission auf, die Einhaltung der Tierschutzregeln von den Mitgliedsländern systematischer überprüfen zu lassen, eine vorgeschriebene Mindestanzahl von Kontrollen zu etablieren und ein einheitliches Sanktionssystem einzuführen. Tiertransporter sollen mit Kameras ausgestattet werden - insbesondere um Be- und Entladevorgänge zu dokumentieren.

Tierschützerin Iris Baumgärtner hält diese Maßnahme nicht für zielführend, da die für Kontrollen zuständigen Behörden, wie die Veterinärämter, "heute schon überlastet sind". Außerdem kritisiert sie, dass sich trotz der klaren Benennung von Problemen manche Forderungen in den Empfehlungen nicht wiederfänden - wie eine generelle Begrenzung aller Straßentransporte von Tieren auf acht Stunden.

Tiertransporter im Stau | Animal Welfare Foundation e.V.

Eingepfercht und lange unterwegs: Solche Tiertransporte soll es eigentlich in der EU nicht mehr geben. Bild: Animal Welfare Foundation e.V.

Kein Kontrollsystem bei Exporte in Drittstaaten

Besonders scharf ist die Kritik des Ausschusses hinsichtlich der Exporte von Tieren in Länder außerhalb der EU. Derzeit sei "kein Kontrollsystem vorhanden", um diese Exporte zu überprüfen, so die Parlamentarier. Laut einem europäischen Gerichtsurteil dürfen diese Exporte nur stattfinden, wenn sichergestellt ist, dass die EU-Tiertransportverordnung auch unterwegs und in den Zielländern eingehalten wird.

Zwar macht der Export nur einen geringen Anteil der EU-Tiertransporte aus, trotzdem wurden 2019 über 236 Millionen Tiere ins außereuorpäische Ausland transportiert - größtenteils Geflügel. Rinder, Schweine oder Ziegen wurden insbesondere nach Libyen, Jordanien, Israel, Saudi Arabien Libanon und in die Türkei exportiert.

Aufnahmen von Tierschutzorganisationen zeigen aber gerade in einigen dieser Länder gravierende Verstöße gegen das europäische Tierschutzrecht. Gemeinsam mit Luxemburg und den Niederlanden hat Deutschland im vergangenen Jahr deswegen auch ein Verbot von Lebendtierexporten in Drittstaaten gefordert.

Kälbertransport nach fünf Wochen

Aber auch innerhalb der EU gibt es Streit über die Frage, welche Tiere unter welchen Bedingungen transportiert werden dürfen - insbesondere Jungtiere. Tierschützer halten wenige Tage alte Tiere für nicht transportfähig, für Landwirte erhöhen sich hingegen Kosten und Aufwand, wenn die Tiere länger im Stall bleiben.

Kälber dürfen laut aktueller EU-Verordnung beispielsweise 14 Tage nach ihrer Geburt über längere Strecken transportiert werden. Der EU-Ausschuss empfiehlt nun, den Transport sehr junger Tiere erst ab einem Alter von 35 Tagen zu erlauben. Heinz Osterloh vom Deutschen Vieh- und Fleischhandelsbund nennt  dies einen "dämlichen Vorschlag", da er nicht wissenschaftlich fundiert sei.

Allerdings: Auch die Bundesregierung hält einen Transport zwei Wochen nach der Geburt für zu früh. Sie hat die EU-Regeln eigenständig verschärft: Hierzulande dürfen Kälber bald erst ab einem Alter von 28 Tagen transportiert werden.

Kommission will neue Regeln bis Ende 2023

Über die Empfehlungen des Untersuchungsausschusses muss nun das Europaparlament abstimmen. Eine Änderung der geltenden Verordnung ist in Sicht: Die EU-Kommission hat eine Überarbeitung der Tierschutzgesetze bei Transporten bis Ende 2023 angekündigt.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 16. Januar 2022 um 12:45 Uhr.