Frans Timmermans | OLIVIER HOSLET/EPA-EFE/REX

Corona-Impfstrategie EU-Kommission räumt Fehler ein

Stand: 14.03.2021 15:31 Uhr

Die EU-Kommission steht wegen der Bestellung und Verteilung von Corona-Impfstoffen in der Kritik. Nun gibt Vizepräsident Timmermans Fehler zu. Zu Verzögerungen wegen der geringeren Lieferung von AstraZeneca soll es aber nicht kommen.

EU-Kommissionsvize Frans Timmermans hat Versäumnisse im Hinblick auf die Impfstrategie der Europäischen Union eingeräumt. "Es stimmt, dass bei der Bestellung der Impfstoffe sowohl in Brüssel als auch in den Mitgliedstaaten Fehler gemacht wurden", sagte Timmermans dem "Tagesspiegel am Sonntag". "Ich bin bereit, am Ende der Pandemie eine Bilanz zu ziehen. Dann können wir ja sehen, was wir falsch und was wir richtig gemacht haben."

In der jetzigen Situation gehe es aber erst einmal darum, "dass ganz Europa Impfstoff bekommt", so Timmermans. Ein europäisches Vorgehen sei "auch im Interesse der reicheren Staaten" wie Deutschland erfolgt, ergänzte der Stellvertreter von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit Blick auf die gemeinschaftliche Impfstoff-Bestellung durch die EU.

Österreichs Kanzler unter den schärfsten Kritikern

Die EU-Kommission hat bislang von den vier in der EU zugelassenen Corona-Impfstoffen insgesamt mindestens 1,4 Milliarden Dosen geordert - eigentlich mehr als genug für die rund 450 Millionen Europäer. Allerdings steht die EU-Kommission seit längerem in der Kritik, unter anderem weil ihr zögerliches Handeln und strategische Fehler bei der Bestellung von Impfstoffen vorgeworfen werden. Auch die Verteilung der Impfstoffdosen auf die Mitgliedstaaten wird in manchen Hauptstädten der EU als ungerecht empfunden.

Einer der schärfsten Kritiker in diesem Zusammenhang ist der österreichische Kanzler Sebastian Kurz. Er hatte gesagt, er habe gemeinsam mit anderen Regierungschefs überraschend festgestellt, dass die Impfstoff-Lieferungen an die Mitgliedsstaaten nicht nach Bevölkerungsschlüssel erfolgt seien. Die EU-Kommission wies diese Kritik zurück. Ein Sprecher erklärte, tatsächlich seien die Impfstoffe nach den Bevölkerungszahlen zugeteilt worden. Es stehe den EU-Staaten aber frei, anderen, besonders betroffenen Ländern einen größeren Anteil zu überlassen.

BioNTech/Pfizer soll Astrazeneca-Verzögerungen wettmachen

Für großen Unmut in der EU sorgt unterdessen auch die Ankündigung des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca, die Impfstoff-Lieferungen erneut drastisch zu kürzen.

Die EU-Kommission will dennoch an ihren Impfzusagen festhalten. Industriekommissar Thierry Breton sagte dem französischen Radiosender Europe 1: "Die gute Nachricht ist, dass obwohl es Verzögerungen bei Astrazeneca gibt, wir mit unserem Impfprogramm im ersten Quartal nicht in Verzug kommen." Denn der BioNTech-Partner Pfizer werde für Ausgleich sorgen, da er "viel mehr als geplant" produzieren und an die EU liefern werde.

EVP-Fraktionschef Weber für Exportstopp

Zuvor hatte EVP-Fraktionschef Manfred Weber Konsequenzen gefordert: "Es entsteht der Eindruck, dass andere Länder gegenüber der EU bevorzugt werden", sagte der CSU-Politiker der "Welt am Sonntag". Solange AstraZeneca seine Zusagen nicht erfülle, "sollte die EU einen grundsätzlichen Exportstopp von in der EU produzierten Impfstoffdosen des Unternehmens verhängen".

AstraZeneca hatte am Freitag mitgeteilt, statt der zuletzt avisierten 220 Millionen Dosen nur noch 100 Millionen bis zur Jahresmitte an die EU-Staaten liefern zu können. Der Konzern begründete dies unter anderem mit Exportbeschränkungen, ohne allerdings Details zu nennen.

WHO und EMA halten AstraZeneca-Impfstoff für sicher

Der Impfstoff von AstraZeneca sorgt aber auch deshalb für Diskussionen, weil mehrere Staaten seinen Einsatz wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen ausgesetzt haben. Nach Dänemark, Norwegen, Island und Bulgarien entschied sich nun auch Irland für diesen Schritt. Das für Impfungen zuständige Beratungskomitee NIAC empfahl, die Impfungen vorübergehend zu stoppen, wie der stellvertretende Chef der irischen Gesundheitsbehörde, Ronan Glynn, mitteilte.

Es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme, die nach einem Bericht der norwegischen Arzneimittelbehörde über vier neue Fälle von Blutgerinnseln bei Geimpften ergriffen worden sei, sagte Glynn. Zuerst hatte Dänemark auf Berichte über schwere Fälle von Blutgerinnseln bei Geimpften verwiesen. Die dänische Gesundheitsbehörde betonte aber, es sei noch nicht abschließend geklärt, ob es einen Zusammenhang zwischen den Impfungen und den Gerinnungsstörungen gebe.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) traten den Zweifeln an der Sicherheit des Impfstoffs ebenfalls entgegen. Bislang sei in keinem Fall ein ursächlicher Zusammenhang zwischen einem Todesfall und der Impfung nachgewiesen worden, sagte eine WHO-Sprecherin. Die EMA erklärte, nach bisherigen Erkenntnissen sei "die Zahl der thromboembolischen Ereignisse bei geimpften Menschen nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. März 2021 um 09:58 Uhr.

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