Ein Kokain-Drogentest bei der Untersuchung beschlagnahmter Drogen (Symbolbild von 2016). | picture alliance / dpa

EU-Drogenbericht 2021 Drogen-Boom trotz Pandemie

Stand: 09.06.2021 11:33 Uhr

Der heute veröffentlichte EU-Drogenreport zeigt: Das zweite Pandemiejahr tut dem illegalen Handel in Europa keinen Abbruch. Heroin, Crack und Kokain sind auf dem Vormarsch - und auch der Beruhigungsmittelkonsum steigt.

Von Stefan Schaaf, ARD-Studio Madrid

Hat die Corona-Pandemie den Drogenkartellen und den Dealern das Geschäft vermasselt? Das könnte man zunächst einmal vermuten angesichts weltweiter Lockdowns, geschlossener Grenzen, vielfach unterbrochener Handelsströme. Doch das Gegenteil ist der Fall - so stellt es jedenfalls die Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht der Europäischen Union (EMCDDA) fest, die ihren Sitz in Lissabon hat. Die Behörde kommt in ihrem heute veröffentlichten "Europäischen Drogenbericht 2021" zu folgendem Ergebnis: Der Drogenmarkt ist robust geblieben und funktioniert sogar im digitalen Bereich immer besser.

Stefan Schaaf ARD-Studio Madrid

Die Drogenhändler haben sich angepasst an Grenzschließungen und Reisebeschränkungen: beim Schmuggel haben sich Routen und Methoden verändert. Es wird weniger auf menschliche Kuriere gesetzt, dafür umso mehr auf den Transport der Drogen in Containern und über kommerzielle Lieferketten. Beim Straßenverkauf von Drogen haben sich die Corona-Maßnahmen anfangs sehr wohl ausgewirkt, aber nur kurzfristig. So wurde der schnelle Deal auf der Straße durch Online-Märkte im sogenannten Darknet, verschlüsselte Nachrichtendienste und verstärkte Aktivitäten in den sozialen Netzwerken sowie durch Paket- und Heimlieferdienste ersetzt.

Immer mehr hochdosierte Substanzen auf dem Markt

Und so stellt der diesjährige Bericht der europäischen Behörde die Frage, ob nicht eine Auswirkung der Pandemie die weitere Digitalisierung der Drogenmärkte sein könnte. Keine besonders ermutigenden Aussichten, findet der EMCDDA-Direktor Alexis Goosdeel: "Wir erleben derzeit einen dynamischen und anpassungsfähigen Drogenmarkt, der den Covid-19-Beschränkungen standhält", berichtet er. "Wir sehen auch Muster des Drogenkonsums, die immer komplexer werden, da Konsumierende einer breiteren Palette hochpotenter, natürlicher und synthetischer Substanzen ausgesetzt sind."

Denn auch das ist eine weitere besorgniserregende Erkenntnis: Im europäischen Markt tauchen verstärkt hochreine und sehr wirksame Substanzen auf, erhältlich im Straßenhandel oder eben im Internet. Allein 2020 sind 46 neue Substanzen in der EU entdeckt worden. Darunter sind auch neue synthetische Cannabinoide und synthetische Opioide. Insgesamt hat die EMCDDA 830 psychoaktive Substanzen im EU-Raum erfasst.

In einigen europäischen Städten sind während der Corona-Krise Abwasserproben genommen worden, um das Virus nachweisen zu können. Über solche Abwasser-Proben konnte auch gezeigt werden, dass sich der Konsum von Drogen nach einem anfänglichen Einbruch zu Beginn der Pandemie, wieder auf altem Niveau stabilisiert hat.

Gefälschte Beruhigungsmittel im Umlauf

Es deutet einiges darauf hin, dass sich der Verbrauch von Crack in mehreren Ländern erhöht hat. Gleiches gilt wohl auch für Kokain. Im Jahr 2019 konnte mit 213 Tonnen eine Rekordmenge beschlagnahmt werden. Im vergangenen Jahr, darauf deuten vorläufige Daten hin, war das weiße Pulver weiterhin auf hohem Niveau verfügbar. Die Reinheit des Kokains, so der Bericht, habe sich erhöht, mehr Menschen mussten sich erstmals in medizinische Behandlung geben.   

In den letzten Jahren wurden auch große Mengen Heroin sichergestellt: Allein 2019 waren es etwa 7,9 Tonnen. Auch hier sehen die Verantwortlichen der Beobachtungsstelle Potenzial für einen erhöhten Verbrauch. Der Cannabiskonsum ist stabil geblieben, allerdings wirft der erhöhte THC-Gehalt gesundheitliche Bedenken auf. So warnen Experten vor allem vor Cannabis, das mit hochpotenten synthetischen Stoffen gestreckt wird.

Sorgen macht den Experten auch der missbräuchliche Konsum sogenannter Benzodiazepine, also Beruhigungsmitteln wie Diazepam, früher Valium genannt. Sie haben ein hohes Suchtpotential. Bei ihnen wurde ein erhöhter Konsum beobachtet - möglicherweise liegt das an ihrer breiten Verfügbarkeit, niedrigen Kosten und pandemiebedingten psychischen Problemen. "Kriminelle Gruppen lassen gefälschte Versionen von häufig verschriebenen Benzodiazepinen herstellen", erklärt EMCDDA-Experte Gregor Burkhart. "Die werden dann illegal verkauft; die Konsumenten wissen dann oft nicht, welche Substanzen sie in welcher Dosis einnehmen."

Mexikanische Kartelle auf dem Vormarsch

Corona hat also nicht zu einer Entspannung an der Drogenfront geführt, der Handel und der Konsum haben sich auf dem Niveau der Vor-Pandemie-Zeit eingependelt. Und bei der Drogenproduktion in Europa treten neue Player auf: "Die mexikanischen Kartelle haben jetzt Crystal-Meth-Labore in den Niederlanden und zum Teil in Belgien aufgebaut", sagt Burkhart. "Die bisherigen Produktionsstätten in Tschechien wurden durch die Massenproduktion in den Niederlanden überholt, von hier aus wird auch der deutsche Markt versorgt." 

Die Pandemie führt dazu, dass sich der illegale Drogenhandel neue Wege sucht - im Darknet und in sozialen Netzwerken. Er wird digitaler. Das schmutzige Geschäft mit den gefährlichen Substanzen wird in Zukunft noch schwieriger zu kontrollieren sein.

Über dieses Thema berichtete WDR5 imMittagsecho am 09. Juni 2021 um 13:07 Uhr.