Französische Soldaten in Kabul | AFP

Treffen der Außenminister Was kann die EU jetzt noch tun?

Stand: 17.08.2021 08:45 Uhr

Jahrzehntelanges Engagement in nur wenigen Tagen zunichtegemacht: In der EU blickt man fassungslos auf die Lage in Afghanistan. Heute kommen die Außenminister zusammen. Doch welchen Handlungsspielraum hat die EU noch?

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Die Stimmung dürfte gedrückt sein, wenn sich Europas Außenminister am Nachmittag zusammenschalten. Das Gefühl, ein furchtbares Debakel zu erleben, verbindet alle. Und die bittere Erkenntnis, dem Siegeszug der islamistischen Taliban im Grunde nichts entgegengesetzt zu haben.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Bundesaußenminister Heiko Maas jedenfalls zeigte sich gestern selbstkritisch: "Es gibt auch nichts zu beschönigen. Wir, alle Bundesregierungen, die Nachrichtendienste, die internationale Gemeinschaft - wir haben die Lage falsch eingeschätzt." Die Nachrichtendienste haben versagt, so sieht man das in mehreren Ländern.

"Keine militärische Niederlage"

Fassungslos steht man vor dem Zusammenbruch der afghanischen Regierung - obwohl die NATO seit Jahren fast nichts anderes getan hat, als die 300.000-Mann-Armee zu trainieren und mit modernen Waffen auszurüsten. Aber die Niederlage war gar keine militärische, das ist die Analyse des Experten für Sicherheitspolitik Johannes Varwick: "Natürlich hätte eine gut ausgerüstete Armee von 300.000 Mann gegen 70.000 bis 80.000 Taliban militärisch eine Chance gehabt. Die afghanischen Streitkräfte haben sich aber entschieden, nicht zu kämpfen und das hat damit zu tun, dass sie eine politische Situation erwarten, wo sie auf Dauer nicht gewinnen können."

Varwick lehrt internationale Beziehungen an der Universität Halle-Wittenberg. Der Westen habe unterschätzt, dass die Taliban durchaus Rückhalt in der Bevölkerung haben. Und der Rückhalt für die afghanischen Streitkräfte sei mit der Entscheidung der NATO für einen Abzug der Truppen weggebrochen:

"Auf dieser Basis haben sie entschieden, dass ein Kampf sich nicht lohnt, um in einer künftigen afghanischen Ordnung irgend eine Rolle zu spielen. Das wird sehr schwierig, aber ein aussichtsloser Kampf mit vielen Toten und Verwundeten wäre noch schwieriger gewesen. Und das war die Abwägung", sagt der Experte.

Gegen die Zeit

In der Krisensitzung wollen die Außenminister über die Evakuierung der Europäerinnen und Europäer aus Afghanistan beraten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Botschaften sollen so schnell wie möglich ausgeflogen werden, dabei will man zusammenarbeiten. Wichtig aus deutscher Sicht: die Ortskräfte. Dolmetscher, Handwerker, Informanten - Afghanen, die jahrelang die Bundeswehr oder Nichtregierungsorganisationen unterstützt haben. Andere Länder hätten mehr Ortskräfte längst in Sicherheit gebracht, sagen Kritiker. Jetzt laufe die Zeit davon.

Und tatsächlich ist es völlig unklar, wie viele Flugzeuge zum Evakuieren überhaupt noch in Kabul landen können. Dass die Bundesregierung lange gezögert hat, die Ortskräfte herauszuholen, könnte Folgen haben, sagt der Politikwissenschaftler Varwick.

"Das wird dazu führen, dass Deutschland in künftigen Einsätzen, wo auch immer die stattfinden werden, natürlich ein Vertrauensproblem hat. Wenn sich herumspricht, dass die Deutschen unsichere Kantonisten sind, auf die man sich nicht verlassen kann, dann wird es sehr, sehr schwierig,Ortskräfte in künftigen Einsätzen zu bekommen."

Strategie für neue Flüchtlingsbewegung gesucht

Die Bilder vom Flughafen in Kabul, wo Menschen verzweifelt versuchen rauszukommen, geben einen Eindruck von der Fluchtbewegung, die kommen wird. Präsident Emmanuel Macron kündigte gestern an, dass Frankreich bedrohte Menschen willkommen heißt, er nannte Verteidiger der Menschenrechte, Künstler und Journalisten.

Aber was ist mit den vielen anderen, die nach Europa wollen? Möglichst viele sollen schon vorher aufgenommen werden, in den Nachbarländern Afghanistans. Die Außenminister sollen nach einer gemeinsamen Strategie suchen, das ist die Vorgabe aus Berlin und Paris.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. August 2021 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.