Bergung Wrackteile Estonia | AP

"Estonia"-Katastrophe Unerwünschter Film, verstörende Bilder

Stand: 08.02.2021 05:36 Uhr

"Verletzung des Grabfriedens" - wegen dieses Vorwurfs stehen der schwedische Journalist Evertsson und der Filmer Andersson in Göteborg vor Gericht. Dabei soll nach ihren Aufnahmen vom Wrack der "Estonia" neu ermittelt werden.

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

September 2019. Mit einem Roboter taucht ein Journalistenteam zum Wrack der "Estonia". Auf dem Grund der Ostsee gelingen ihnen Bilder von einem vier Meter langen und ein Meter breitem Loch auf der auf der Steuerbordseite der Fähre. Die Bordwand und auch der Fender der Fähre wurden offenbar mit großem Druck nach innen gebogen. Welche Rolle spielte dieses Loch beim Untergang der Fähre?

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

Für einen Dokumentarfilm recherchiert Hendrik Evertsson mit seinem Team fast zwei Jahre lang. Es spricht mit Überlebenden und zeigt die Aufnahmen mehreren Experten. Die Vermutung: Das Loch entstand womöglich durch einen Zusammenstoß.

Der Fall "Estonia", so der schwedische Journalist, müsse deshalb neu aufgerollt werden. "Unter anderem, weil das Schiff früher in Schlagseite geriet, als es der Untersuchungsausschuss annimmt. Wir sprechen hier von 14 Minuten. Das ist ziemlich viel", so Evertsson. "Gleichzeitig gab es Zeugen, die Wasser unter dem Autodeck gesehen haben. Dieses Wasser kam also nicht vom Autodeck."

Ostsee-Fähre Estonia  | dpa

Ein undatiertes Bild der "Estonia" - ihr Untergang am 28. September 1994 wirft noch heute Fragen auf. Bild: dpa

Zweifel am Untersuchungsbericht

Die "Estonia" sank im September 1994 auf ihrem Weg von Talinn nach Stockholm. Als mitten in der Nacht Wasser ins Schiff eindringt, schlafen die Passagiere. Mehrere Schiffe beteiligen sich an der Rettungsaktion: Und doch können nur wenige aus dem kalten Wasser gerettet werden.

852 Menschen sterben in der Ostsee. Experten versuchen über Jahre, den Untergang aufzuklären. Doch bis heute bleibt er rätselhaft. Als offizielle Ursache gilt der Abriss der Bugklappe des auf der deutschen Meyer-Werft gebauten Schiffes. In der Folge sei Wasser ins Autodeck eingedrungen und die Fähre gesunken.

Augenzeugen berichten in der Dokumentation nun, in der Nacht etwas anderes gesehen zu haben. Carl Eric Reintamm hat das Unglück überlebt. Er sagt dem Dokumentarfilmer: "Ich habe etwas Weißes gesehen, mehrere Meter groß, Es hat sich nach links bewegt und gleichzeitig schlugen die Wellen darüber."

Angehörige wollen Aufklärung

Die Filmaufnahmen des Schiffswracks geben vielen Hinterbliebenen nun neue Hoffnung. Lasse Johnsen verlor seine Tochter beim Untergang. Er will, dass der Untergang endlich aufgeklärt wird. "Da der Dokumentarfilm nun veröffentlicht wurde, verspüren wir Hoffnung, dass jetzt genauer untersucht wird, was dahinter liegt. Wie konnte so etwas Schlimmes passieren? Die Antwort haben wir nicht bekommen. Dem Bericht des Untersuchungsausschusses glauben wir nicht, kein bisschen."

Der Unglücksort liegt in internationalen Gewässern. Bis auf Deutschland hatten alle Ostseeanrainer Tauchgänge zum Wrack verboten, um die Totenruhe zu wahren. Henrik Evertsson nutzte deshalb ein deutsches Schiff, um zur Unglücksstelle zu fahren und am Wrack zu filmen.

Bergung der Bugklappe der "Estonia" | AP

Im November 1994 wurde die Bugklappe der "Estonia" aus der Ostsee gehoben. Bild: AP

"Wir haben den Rumpf des Schiffs mit einem gewissen Abstand gescannt. Wir waren zum Beispiel nie im Schiff drin", sagt er. "Wir meinen, kein Verbrechen begangen zu haben."

Seine Aufnahmen haben nun dazu geführt, dass der Fall neu aufgerollt wird. Schweden, Finnland und Estland erklärten, dass im Sommer wieder zum Wrack getaucht werden soll. Dennoch dämpfen sie die Hoffnung, dass die schwerste Schiffskatastrophe der europäischen Nachkriegsgeschichte jemals zweifelsfrei aufgeklärt wird.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Februar 2021 um 14:00 Uhr.