Bergung der Bugklappe der "Estonia" (Archivbild: 18.11.1994) | AP

Bericht zu Havarie von 1994 Neue Erkenntnisse zum Estonia-Untergang

Stand: 16.11.2021 14:27 Uhr

Vor gut einem Jahr zeigte ein Dokumentarfilm bislang unbekannte Schäden am Rumpf des Wracks der "Estonia". Daraufhin leitete eine Havariekommission neue Untersuchungen ein. Erste Zwischenergebnisse wurden nun präsentiert.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

In diesem Sommer waren wieder Forschungsboote an der Unglückstelle im Einsatz. Acht Tage lang filmten Spezialkameras und Drohnen in etwa 80 Meter tiefem Gewässer. Die neuen Aufnahmen konnten bestätigen, was ein schwedischer Dokumentarfilmer schon vor einem guten Jahr veröffentlicht hatte: Es gibt bislang unbekannte Schäden an der Außenwand der "Estonia".

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Waren Felsen die Ursache des Untergangs?

Heute präsentierte Martin Jacobsen von der Universität Stockholm eine erste Erklärung für diese Risse, Löcher und Verformungen und zeigte dazu die neuen Aufnahmen:

Für uns und unsere Geologen sieht es so aus - und wir haben versucht, uns so weit wie möglich zu nähern - es sieht danach aus, als ob es hier felsiges Gebiet im Boden in direkter Nähe zu diesen großen Löchern gibt.

Man sehe keine andere Erklärung dafür, berichtet Jacobson weiter. Es fehlten zwar noch Proben, aber an der Struktur und an den Fugen erkenne man, dass es sich um Felsen handele.

Ein weiterer Zugang wurde entdeckt

Das ist die wichtigste Neuigkeit des Zwischenberichts der Havariekommission: Bisher war man nämlich davon ausgegangen, dass der Boden an der Unglücksstelle sehr weich sei. Für die neu entdeckten langen Risse gab es deshalb zunächst keine Erklärung. Ob allerdings die Steine für alle Schäden in der Außenwand verantwortlich sind, ließe sich noch nicht abschließend sagen.

Und noch eine Neuigkeit konnten die Forscher präsentieren: Es gibt inzwischen einen Zugang zu einem Parkdeck - ungefähr 40 bis 45 Meter weit in das Innere des Schiffes, erläuterte Rene Arikas von der Havariekommission in Estland: "Wir haben entdeckt, dass die Rampe sich komplett geöffnet hat. Wir hatten Zugang zu den Fahrzeugen, die Rampe hat sich nämlich vom Schiff gelöst."

Untersuchungen starten im Frühjahr

Noch war es nicht möglich, Aufnahmen von innen zu machen. Lastwagen und andere Fahrzeuge lägen durcheinander, es sei mit den vorhandenen Untersuchungsgeräten schlicht zu gefährlich gewesen. Im kommenden Frühjahr wollen die Wissenschaftler wieder zur Unglücksstelle fahren, um die letzten Fragen zu klären: Gesteinsproben des Untergrunds sollen helfen, die Schäden an der Außenwand zu verstehen.

Und auch die Rampe des Parkdecks soll untersucht werden, die sich vom Schiff gelöst hat. Der Untergang der Estonia 1994 gilt als schwerstes Schiffsunglück in der europäischen Nachkriegszeit, 852 Menschen kamen dabei ums Leben.  

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. November 2021 um 14:05 Uhr.