Der niederländische ESC-Vertreter Jeangu Macroo vor dem Veranstaltungsgebäude in Rotterdam. | EPA
Europamagazin

ESC in Rotterdam Mehr Botschaften, weniger Pomp

Stand: 15.05.2021 04:40 Uhr

Politische Botschaften haben in den vergangenen Jahren beim ESC eine immer größere Rolle gespielt. In diesem Jahr prägen die Nachwirkungen der Black-Lives-Matter-Bewegung und von #MeToo den Wettbewerb. 

Von Gudrun Engel, ARD Studio Brüssel, zurzeit Rotterdam  

"Yu no man broko mi, mi na afu sensi" singt Gastgeber-Teilnehmer Jeangu Macrooy in seinem Refrain. Es ist ein bekanntes surinamisches Odo, ein Sprichwort aus der Sklavenzeit, das frei übersetzt bedeutet: "Ich kann nicht gebrochen werden, auch wenn du mich für minderwertig hältst!"

Gudrun Engel ARD-Studio Brüssel

Jeangu Macrooy stammt aus der ehemaligen niederländischen Kronkolonie Surinam und singt deshalb Teile seines Liedes in Sranantongo, das neben der Amtssprache Niederländisch die Lingua franca in Surinam ist. "Birth Of A New Age" heißt die Soulnummer, die sich laut den Wettquoten bei den Buchmachern zwar keinerlei Chance auf den Gewinn beim Eurovision Song Contest (ESC) ausrechnen darf. Aber das sei ihm egal, sagt der 34-Jährige: "Es wird sicher nicht jedem gefallen, was ich zu sagen habe, aber es ist an der Zeit dafür." Inspiriert hätten ihn die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung.  

Dass Sranantongo über den ESC bald eine internationale Bühne bekomme und von Millionen von Menschen in Dutzenden von Ländern gehört werde, sei ein Meilenstein für diese Kreolsprache mit afrikanischen, englischen, niederländischen und portugiesischen Einflüssen, freut sich Christine van Russel-Henar. Sie ist Schriftstellerin und Direktorin des Kotomisi-Museums in Surinam. Denn die Sprache habe eine lange Geschichte der Unterdrückung und Stigmatisierung.  

Das Thema Herkunft 

Während viele Länder in den vergangenen Jahren beim ESC auf große Show mit Kostümwechseln, Akrobatik-Nummern, aufwändigen Choreographien und Lichteffekten gesetzt haben, wollen jetzt viele Teilnehmer eher eine Botschaft platzieren. In diesem Jahr setzen sich viele Künstlerinnen und Künstler mit ihrer Herkunft auseinander und machen genau das zum Thema.  

Auch der schwedische Teilnehmer Tusse. Der 19-Jährige, der eigentlich Tousin Michael Chiza heißt und als unbegleiteter Flüchtling im Alter von acht Jahren aus der Demokratischen Republik Kongo nach Schweden kam, tritt mit dem Popsong "Voices" an - Stimmen also, die schwarze Menschen in seinem Begleitvideo auf der Bühne erheben: gegen Unterdrückung und Hass. Beim Vorentscheid in Schweden wurde das Lied frenetisch gefeiert - ESC-Experten sehen Tusse in Rotterdam im vorderen Mittelfeld. 

Schwedens ESC-Vertreter Tusse in Stockholm | REUTERS

Von Stockholm nach Rotterdam: Schwedens ESC-Vertreter Tusse Bild: REUTERS

Für Frauen-Rechte 

Einen Flüchtlingshintergrund hat auch Manizha aus Russland: Die junge Frau wurde in Tadschikistan geboren, kam als Flüchtlingskind mit ihren Eltern nach Moskau. Ihr Rapsong "Russian Woman" mit Folklore-Elementen prangert häusliche Gewalt in Russland an. "Kämpfen und nicht beten", singt Manizha, "und das Schicksal selbst in die Hand nehmen".

In ihrer Heimat hat sie damit die schärfsten Kritiker: Das offizielle Ermittlungskomitee ließ den Liedtext untersuchen, orthodoxe Christen forderten die Absetzung. Doch Manizha wird antreten. Sie will die große internationale Bühne nutzen - immerhin verfolgen fast 100 Millionen Zuschauer weltweit das Event am Fernsehschirm. 

Um die Rolle und die Stärke von Frauen geht es auch in den Songs aus Lettland, Aserbaidschan und Malta. Für den Inselstaat tritt Destiny mit "Je me casse" an. "Den Song widme ich all diesen Frauen da draußen, die sich im Abseits fühlen. Wir können es schaffen, wenn wir an uns glauben", sagt sie.

Russlands ESC-Vertreterin Manizha vor einem Mikrofon | AFP

Ein Lied, das nicht jedem passt: Russlands ESC-Vertreterin Manizha Bild: AFP

Gegen den Hass 

Dem deutschen Teilnehmer Jendrik ringt das Respekt ab. Er findet es gut, wenn Künstlerinnen und Künstler etwas zu sagen haben, auch beim ESC. Der Songcontest sei weit mehr als Federboas und Windmaschinen. Er selbst präsentiert zwar einen Gute-Laune-Song mit Ukulele - doch ein gesellschaftliches Statement hat der 26-Jährige auch: "I don't feel hate!"

Es ist ein Aufruf, dem Hass, egal ob im Netz oder in der Realität, keinen Platz einzuräumen. "Als ich diesen Song geschrieben habe, war ich selbst Opfer von Cyber-Mobbing. Ich möchte ausdrücken, dass Hass uns spaltet, wir sollten besser im Gespräch bleiben." 

Deutschlands ESC-Teilnehmer Jendrik Sigwart posiert mit Ukulele auf der Hamburger Alster | dpa

Der Mann mit der Ukulele: Jendrik Sigwart geht für Deutschland ins Rennen. Bild: dpa

Spaß - und eine Botschaft

Und er sagt, es gehe zwar natürlich auch um den Spaß, beim Songcontest dabei zu sein, aber eben auch um die Botschaft: "Wenn ich schon die Chance habe, auf einer Bühne vor Millionen Menschen aufzutreten, will ich die auch nutzen, um den Menschen etwas zu sagen."

Dabei will der ESC eigentlich unpolitisch sein. Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind untersagt, heißt es in den Regeln. Belarus wurde ausgeschlossen, weil sein Beitrag aus Sicht der Veranstalter dagegen verstößt und nach Ansicht von Kritikern die Opposition im Land verhöhnt. Eine Haltung zeigen ist dagegen auch beim ESC möglich und hat den Wettbewerb in den vergangenen Jahren immer wieder mit geprägt.

Ob das in der kommenden Woche auch ankommt? Am Ende entscheiden in 39 Teilnehmerstaaten die Jurys - und die Zuschauer.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtet das Erste im Europamagazin am 16. Mai 2021 um 12:45 Uhr.