Menschen mit Atemschutzmasken in der Waterloo Station in London. | AP

Corona-Lockerungen in England Die Restriktionen enden, die Sorge wächst

Stand: 17.07.2021 12:34 Uhr

Mit dem Wochenbeginn enden in England viele Corona-Regeln, etwa die Maskenpflicht. Gleichzeitig steigt die Zahl der täglichen Neuinfektionen stark. Das Land streitet über den richtigen Umgang mit den Freiheiten.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Mit der Zahl der Neuinfektionen wächst auch die Kritik am Kurs der Regierung. Viele Ärzte und Wissenschaftler halten die geplante Aufhebung der Corona-Restriktionen in England für einen Fehler.

Imke Köhler ARD-Studio London

"Bitte behalten Sie die guten Verhaltensweisen bei"

Nikki Kanani, die das Impfprogramm des Gesundheitsdienstes NHS mitverantwortet, sagt, dass sie keine Politik mache, aber ihr Appell an die Bevölkerung ist unmissverständlich:

Meine Botschaft ist eindeutig: Bitte behalten Sie ab Montag all die guten Verhaltensweisen bei, die wir uns über die letzten 18 Monate angeeignet haben. Eine Maske zu tragen, ist eine großartige Idee, vor allem in geschlossenen Räumen. Und halten Sie Abstand zu anderen Leuten, das wird dazu beitragen, dass sich auch andere wohlfühlen.

Auf die vielen Appelle haben inzwischen auch zahlreiche Unternehmen reagiert. So werden Sainsbury’s und Tesco, zwei der größten Supermarktketten in Großbritannien, ihre Kunden auch über den Montag hinaus auffordern, beim Einkaufen eine Maske zu tragen. Auch die Betreiber von öffentlichen Verkehrsmitteln in London, Manchester und anderen Städten behalten die Maskenpflicht bei, ebenso der Flughafen Heathrow.

52.000 Neuinfektionen täglich

Aktuell liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei knapp 52.000. Sie wird offiziellen Schätzungen zufolge über den Sommer auf bis zu 100.000 steigen. Chris Whitty, der medizinische Chefberater der britischen Regierung, räumt ein, dass sich das Land überraschend schnell wieder in Schwierigkeiten befinden könnte.

Über Schwierigkeiten klagen viele Arbeitgeber schon jetzt. Ihnen macht der Quarantänezwang zu schaffen, der noch bis Mitte August für Personen gilt, die mit einer infizierten Person Kontakt hatten. Allein in der ersten Juli-Woche wurden mehr als 500.000 Menschen in England und Wales vom NHS benachrichtigt, dass sie sich wegen eines solchen Kontakts isolieren müssten.

Die Ärztin Alley Hobbs von Pitsmoore Surgery in Sheffield steht kurz davor, ihre Praxis schließen zu müssen, weil sich bereits vier ihrer Mitarbeiter in Selbstisolation befinden. Sie hat nun eine Petition gestartet und fordert, dass auch der Quarantänezwang aufgehoben wird. "Wenn die Pandemie weiter wütet, stecken sich mehr und mehr Leute mit Covid an, und dadurch steigt die Zahl der Kontaktpersonen", sagt sie. "Es ist absurd, dass unser Personal, das zweifach geimpft ist, nun nicht zur Arbeit kommen kann."

Nissan und Rolls-Royce warnen vor Quarantänezwang

Die Autobauer Nissan und Rolls-Royce haben davor gewarnt, dass es ihre Produktion beeinträchtigen wird, wenn sich immer mehr Angestellte in Quarantäne begeben müssen. Medienberichten zufolge sollen im Nissan-Werk im nordenglischen Sunderland schon etwa 900 Mitarbeiter betroffen sein; das wären zehn Prozent der Belegschaft. Wie soll das erst werden, fragen Unternehmer und Arbeitgeberverbände, wenn alle Corona-Restriktionen aufgehoben sind und sich das Virus noch schneller verbreitet?

Der Gesundheitsdienst NHS bemüht sich unterdessen, noch mehr Menschen zu impfen. Mit dem Programm "Grab a jab", was so viel heißt wie "Im Vorbeigehen eine Impfung mitnehmen", soll es für die Bürgerinnen und Bürger noch einfacher werden, sich impfen zu lassen. Wer nicht ins Impfzentrum kommen kann oder mag, kann sich auf dem Weg zum Supermarkt oder beim Spaziergang im Park impfen lassen.

Dieser Beitrag lief am 17. Juli 2021 um 13:20 Uhr auf B5 aktuell.