Stadion der Fußball-EM in Baku (Aserbaidschan) | AFP
Europamagazin

Fußball-EM Zu Gast bei Populisten und Despoten

Stand: 12.06.2021 17:40 Uhr

Ein Sportfest quer über den Kontinent - das soll die Fußball-EM auszeichnen. Doch was bleibt vom Fest, wenn die Spielorte in der Kritik stehen, die Auslastungszahlen heikel und die Sponsoren umstritten sind?

Von Robert Kempe und Fabienne Rink, WDR

"Wir werden die größte Party aller Zeiten haben, in ganz Europa im Sommer 2020", verkündete Gianni Infantino, damaliger Generalsekretär der UEFA, im Jahr 2012. Die Erwartungen waren hoch, zum 60. Jubiläum der Fußball-EM sollte es ein großes Spektakel geben.

Doch mancher "Party-Ort" steht in der Kritik: Gespielt wird unter anderem im Land von Viktor Orban. Ungarns Ministerpräsident garantierte der UEFA als bisher einziger Ausrichter eine Stadionauslastung von 100 Prozent. Und das bereits zu einer Zeit, als die Pandemiewelle in Ungarn auf Rekordhoch war.

Kritik an Orban, der zunehmend Justiz und Medien kontrolliert und die Rechte von Minderheiten einschränkt, hört man vom europäischen Fußballverband nicht.

Die grüne Europaparlamentarierin Viola von Cramon kann nicht verstehen, "dass die UEFA einen solchen Austragungsort noch unterstützt, weil Ungarn mit der Gesundheit seiner eigenen Bevölkerung spielt und Zusagen macht, die aus Pandemie-Bedingungen oder aus gesundheitlichen Bedingungen eigentlich nicht haltbar sind. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man so skrupellos sein kann und sich für so einen Austragungsort entscheidet."

Gastgeber der harten Hand

Auch Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew zeigt sich gern als Sportfreund. Alijew regiert das Land mit harter Hand. Meinungs- und Versammlungsfreiheit gibt es nicht, dafür Einschüchterungen und Verhaftungen von Oppositionellen und Aktivisten.

Sport ist für Alijew Bühne und Kalkül: etwa die sogenannten Europa-Spiele 2015 oder das jährliche Formel-1 Rennen. In Baku sollen vier Spiele der EURO 2020 stattfinden.

Alijew, davon ist die Grünen-Abgeordnete von Cramon überzeugt, "wird genau diese Fußballeuropameisterschaft mit den vier Spielen nutzen, um seine Macht weiter zu zementieren, um seine Macht zu legitimieren".

Hohe Auslastung, mehr Spiele

Eine Stadt bekam sogar einen Bonus von drei Spielen mehr: St. Petersburg. Hier sollen im Stadion des Fußballklubs Zenit nun insgesamt sieben Spiele stattfinden mit mindestens 50 Prozent Zuschauerauslastung - das gibt noch mehr Geld für die UEFA.

Dieses Geld kommt vor allem vom russischen Erdgas-Unternehmen Gazprom, einem der größten Rohstofflieferanten der Welt. Seit 2012 ist das Unternehmen Sponsor der UEFA Champions League und seit Kurzem auch offizieller Sponsor der Europameisterschaft.

Ein Deal zur rechten Zeit, erklärt der russische Journalist Vasily Konow: "Für Gazprom bedeutet das eine visuelle Präsenz an den europäischen Spielorten. Ich denke, dass es besonders in der Situation, die sich jetzt um die Pipeline Nordstream 2 abzeichnet, wichtig ist, dass man das Logo von Gazprom in den Stadien sehen kann."

Sponsoren unter Verdacht

Doch Gazprom ist nicht der einzige EURO-Sponsor, der aus einem Land kommt, das es mit den sogenannten "europäischen Werten" nicht so genau nimmt. Von den zwölf Hauptsponsoren bietet die UEFA neben Katars staatlicher Fluglinie Qatar Airways allein vier Unternehmen aus China eine Plattform. Mit Hisense und dem Handyhersteller Vivo stehen zwei dieser Sponsoren im Verdacht, von der Zwangsarbeit von Uiguren zu profitieren.

Die ethnische Minderheit wird in China systematisch unterdrückt. Mehr als eine Million Uiguren sitzen in massiv gesicherten Internierungslagern. Die EU verhängte im März wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen erstmals seit 30 Jahren Sanktionen gegen China.

Zu den Hintergründen der Auswahl chinesischer Sponsoren teilte die UEFA mit, dass der Verband das beste Angebot auf dem Markt annehme. Alle unterzeichneten Verträge würden eine Klausel zur sozialen Verantwortung enthalten. Begründete Verstöße könnten zu einem internen Prozess führen.

Macht und Verantwortung der Fans

Andreas Schwab, Europaabgeordneter der CDU, fordert nun einen stärkeren Austausch zwischen der EU-Kommission und den Fußballverbänden. Diese müssten sicherstellen, dass es einen echten Wertekanon gebe, den alle Sponsoren einhalten müssten: "Das ist auch eine große Möglichkeit für uns alle, mit dieser Macht, die wir haben, verantwortungsvoll umzugehen - und zu zeigen, dass wir eben den Versuchungen günstiger Angebote, die Menschenrechte missachten oder die Meinungsfreiheit einschränken, nicht hinterherlaufen, sondern als mündige Verbraucher und tolle Fans das Richtige entscheiden."

EU-Sportkommissarin Mariya Gabriel wollte weder Fragen zur Kritik an den Spielorten noch der Auswahl der Sponsoren beantworten. Sie sei sehr aber sehr zufrieden mit der UEFA-Zusammenarbeit".

Viel Kritik an der UEFA

Kritiker fühlen sich auch durch den Umgang mit den Sponsoren und mit einigen Gastgeberländern der EM in einem schon lange bestehenden Eindruck bestätigt: Die UEFA scheint bei ihrem Turnier über den gesamten Kontinent vor allem eine Sache im Kopf zu haben - ihre Einnahmen.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag im "Europamagazin" - um 12.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin im Ersten am 13. Juni 2021 um 12:45 Uhr.