Viktor Orban | REUTERS

Orban zu Regenbogenfarben bei EM "Das ist keine staatliche Entscheidung"

Stand: 23.06.2021 11:10 Uhr

In der Debatte um die Beleuchtung der Münchner EM-Arena steht Ungarns Ministerpräsident Orban in der Kritik - nun hat er sich geäußert und die deutsche Politik vor Einmischung gewarnt. Das umstrittene Homosexuellen-Gesetz verteidigte er.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban hat an die deutsche Politik appelliert, das UEFA-Verbot für eine Beleuchtung des Münchner EM-Stadions in Regenbogenfarben zu akzeptieren. "Ob das Münchner Fußballstadion oder ein anderes europäisches Stadion in Regenbogenfarben leuchtet, ist keine staatliche Entscheidung", sagte Orban der Nachrichtenagentur dpa. Auch in Budapest gehören Orban zufolge "die Regenbogenfarben selbstverständlich zum Straßenbild".

Orban sagte laut dpa-Informationen seine Reise zum EM-Spiel zwischen Deutschland und Ungarn ab. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es aber nicht. Offenbar plant Orban stattdessen eine Reise nach Brüssel.

Zuvor hatte die Europäische Fußball-Union UEFA einen Antrag von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) abgelehnt, die Münchner Arena am Mittwoch beim Spiel der deutschen Mannschaft gegen Ungarn in Regenbogenfarben zu erleuchten. Sie sei "aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage - eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen Parlaments abzielt - muss die UEFA diese Anfrage ablehnen", teilte sie mit.

Die Regenbogenfahne steht als Symbol für die Akzeptanz und Gleichberechtigung von Menschen, die sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren.

Streit um ungarisches Gesetz

Hintergrund der Debatte ist ein Gesetz, das die Informationsrechte von Jugendlichen im Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität in Ungarn einschränkt und in der vergangenen Woche vom ungarischen Parlament gebilligt wurde. Das Gesetz gilt als besonderes Anliegen von Ministerpräsident Orban. Dazu sagte Ungarns Regierungschef der dpa: "Im kommunistischen Ungarn wurden homosexuelle Menschen verfolgt. Heute garantiert der Staat nicht nur die Rechte von Homosexuellen, sondern er schützt sie aktiv. Die Freiheit des Einzelnen ist das höchste Gut." Jeder Mensch müsse sich "fraglos" frei für seinen Lebensweg entscheiden dürfen. Die Aufklärung heranwachsender Kinder gehöre aber ins Elternhaus. "Wir schützen diese Aufgabe der Eltern", sagte Orban.

Zahlreiche EU-Staaten hatten das Gesetz dagegen als diskriminierend kritisiert. Rund die Hälfte der 27 EU-Staaten einschließlich Deutschland forderten die Europäische Kommission auf, umgehend dagegen vorzugehen. Die Behörde müsse "alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente" gegen das "diskriminierende" Gesetz nutzen, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung, die von Belgien, Luxemburg und den Niederlanden initiiert wurde. Notfalls solle die Kommission demnach auch vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.

Heftige Kritik und Aktionen geplant

In Deutschland hatte die UEFA-Entscheidung gegen die Beleuchtung des Münchner Stadions für heftige Kritik und Enttäuschung gesorgt. Münchens Oberbürgermeister nannte sie "beschämend". Auch weitere Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil zeigten sich verärgert über das Verbot. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock von den Grünen twitterte: "Lasst uns ein starkes Zeichen der Vielfalt setzen und den Regenbogen durchs Land tragen."

Eine Reihe anderer deutscher Fußballstadien und öffentlicher Gebäude soll am Mittwochabend in Regenbogenfarben erleuchtet werden. Der Lesben- und Schwulenverband Bayern kündigte Protestaktionen vor der Münchner Arena an. Die Menschrechtsorganisation Amnesty International erklärte, sie wolle in Zusammenarbeit mit Christopher Street Day Deutschland 10.000 Regenbogen-Fahnen am Stadion verteilen. Der Deutsche Fußball-Bund kündigte an, diese Aktion zu unterstützen. Zahlreiche Stadien in Deutschland wollen heute in Regenbogenfarben leuchten.

"Uns sind die Hände gebunden"

Christian Rudolph von der DFB-Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt begrüßte die Aktionen. Im nachtmagazin sagte er aber, dass dem DFB beim Stadion in München die Hände gebunden seien. Er sei damit selber unzufrieden. "Die Nationalmannschaft wird wieder mit der Regenbogen-Armbinde auflaufen", sagte er. Und er gehe davon aus, dass die Regenbogen-Fahnen, die vor dem Spiel verteilt werden, auch im Stadion zu sehen seien.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Juni 2021 um 10:05 Uhr.