Fans sitzen und stehen dicht gedrängt auf den Zuschauerrängen eines EM-Stadions. | dpa

Zuschauerzahl bei EM-Finalrunde "Alles andere als optimal"

Stand: 27.06.2021 19:54 Uhr

Trotz steigender Infektionszahlen wegen der Delta-Variante plant London die EM-Finalrunde mit Zehntausenden Zuschauern. Nationalspieler Robin Gosens findet das "grenzwertig". Deutlich schärfer fällt die Kritik von Politikern aus.

Das halb volle Wembley-Stadion im EM-Achtelfinale und die angekündigte weitere Zuschauer-Erhöhung für die Halbfinale und das Endspiel werden auch im Kreis der deutschen Nationalmannschaft mit Skepsis gesehen. "Ich finde es schon grenzwertig", sagte Robin Gosens im Trainingslager in Herzogenaurach.

Während für das erste Achtelfinale in London zwischen Italien und Österreich am Samstag 21.500 Besucher zugelassen waren, dürfen beim Klassiker England gegen Deutschland am Dienstag 45.000 Fans in die insgesamt 90.000 Zuschauer fassende Arena. Ab der Halbfinal-Runde hat der europäische Fußballverband UEFA die Kapazität dann auf 60.000 Fans festgesetzt.

Havertz über Corona: "Ich wünsche es niemandem"

Er mache sich keine Sorgen, sagte Gosens: "Aber das ist eine Thematik, mit der man sich zumindest auseinandersetzt." Immerhin spiele man in dem Land, in dem die Inzidenzwerte wieder hoch seien. "Wir wissen, dass wir in der Bubble leben und weitgehend abgeschottet sind. Wir fühlen uns schon sicher", so der Profi-Fußballer von Atalanta Bergamo. Aber wenn man das Gesamtbild sehe, "ist es sicher alles andere als optimal".

Kai Havertz vom FC Chelsea erinnerte sich an seine Corona-Infektion im November des Vorjahres. "Das hat einige Zeit gedauert, bei mir war es etwas härter", berichtete der Champions-League-Sieger. "Ich wünsche es niemanden." Die Nachwirkungen seien hart gewesen, erst nach vier, fünf Wochen habe er wieder mit 100 Prozent auf dem Trainingsplatz stehen können.

Nur 2000 deutsche Fans zugelassen

In Großbritannien ist die Zahl der Coronavirus-Fälle aufgrund der Delta-Variante zuletzt auf den höchsten Stand seit Anfang Februar gestiegen. Am Samstag vermeldeten die Behörden 18.270 neue Fälle. Damit hat sich die Zahl der Neuinfektionen im Vergleich zur Vorwoche etwa verdoppelt. Die Impfkampagne geht unterdessen zügig voran. Gut 60 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien sind bereits vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Mehr als 80 Prozent haben ihre erste Dosis erhalten.

In Wembley werden unter den 45.000 nur 1500 bis 2000 Fans der DFB-Auswahl sein, die Tickets werden nur an Besucher vergeben, die in Großbritannien oder Irland leben. Bundestag-Vizepräsidentin Claudia Roth von den Grünen antwortete auf die Frage, ob das Spiel mit so vielen Zuschauern vertretbar sei: "Nein. Ganz, ganz klares Nein. Ich bin wirklich riesengroßer Fußball-Fan. Aber man kann unter diesen Bedingungen, in dieser angespannten Situation nicht eine Europameisterschaft so durchführen, wie sie durchgeführt wird."

Finale in München statt in London?

CSU-Generalsekretär Markus Blume forderte die UEFA auf, ihr Stadionkonzept "noch einmal genau zu prüfen". Niemandem sei geholfen, "Europameister im Inzidenz-Höhenflug zu werden", sagte der CSU-Politiker. In München waren bei den bisherigen drei EM-Spielen zwölf positive Schnelltests gemeldet worden. Das Viertelfinale steigt am kommenden Freitag.

Die UEFA müsse Vorbild für Großereignisse sein, sagte Blume. "Dazu gehört auch, die Maskenpflicht in Stadien durchzusetzen." Der 46-Jährige bekräftigte das Angebot, dass München als Ersatz bereit stünde, sollte die Ausrichtung Finalrunde in London wegen der steigenden Zahlen doch nicht möglich sein. "Wir sind in München zu allem bereit." Eine Verlegung ist wegen der erwarteten Zugeständnisse der Londoner Regierung aber derzeit unwahrscheinlich.

Delta-Variante auch in St. Petersburg

Sorgen bereitet aber nicht nur die Situation in Großbritannien. Auch der russische EM-Austragungsort St. Petersburg ist zunehmend im Griff der Delta-Variante. Mehr als 1300 Corona-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden wurden aus der Stadt gemeldet, in der am kommenden Freitag ebenfalls ein Viertelfinale stattfinden soll. Gestern hatte die Millionenmetropole mit 107 Todesfällen einen neuen Höchststand registriert.

Bislang gab es in St. Petersburg kaum Corona-bedingte Einschränkungen. Tausende besuchten die Fanzonen. Viele trugen keine Masken oder hielten den Mindestabstand nicht ein. Mehr als 100 finnische Fans, die das Spiel ihrer Mannschaft gegen Russland vor Ort besucht hatten, infizierten sich nachweislich mit Corona.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juni 2021 um 11:05 Uhr.