Feuerwehrleute entfernen die Trümmer eines zerstörten Einkaufszentrums in Krementschuk (Ukraine). | EPA

Einkaufszentrum in Krementschuk Russland bestreitet direkten Angriff

Stand: 28.06.2022 11:40 Uhr

Ein Angriff auf ein Waffendepot soll die Zerstörung in dem Einkaufszentrum im ukrainischen Krementschuk ausgelöst haben. So zumindest beschreibt Russland die Attacke, bei der gestern mindestens 18 Menschen starben. Die Ukraine widerspricht deutlich.

Das russische Verteidigungsministerium hat den Angriff auf die zentralukrainische Stadt Krementschuk bestätigt. Es habe einen Luftangriff auf Hallen gegeben, in denen aus den USA und Europa gelieferte Waffen und Munition gelagert worden seien, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Die Detonation der Munition habe dann einen Brand "in einem nicht mehr betriebenen Einkaufszentrum" in der Nähe ausgelöst.

Ukraine spricht von gezieltem Angriff

Die Ukraine hatte dagegen von einem Raketenangriff auf das Einkaufszentrum gesprochen und Russland dafür verantwortlich gemacht. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, es handele sich "nicht um einen zufälligen Treffer, sondern um einen kalkulierten russischen Angriff auf genau dieses Einkaufszentrum". Selenskyj betonte, das Gebäude habe keinerlei strategische Bedeutung. Russland versuche, das Alltagsleben der Ukrainer zu sabotieren. "Russland lässt seine Unfähigkeit weiter an der Zivilbevölkerung aus. Es ist sinnlos, von seiner Seite auf Anstand und Menschlichkeit zu hoffen." Die Aktion sei einer "der dreistesten Terrorangriffe in der europäischen Geschichte".

Nach jüngsten Angaben der ukrainischen Behörden wurden bei dem Angriff mindestens 18 Menschen getötet und 60 verletzt. Mehr als 35 Menschen werden vermisst. Das Gebäude wurde zu großen Teilen zerstört. Zum Zeitpunkt des Angriffs am Montag sollen mehr als 1000 Menschen in der Mall gewesen sein.

Angehörige versammelten sich in der Nähe des Einkaufszentrums. Augenzeugen schilderten drastische Szenen. "Ich flog nach oben, mit dem Kopf zuerst, Splitter trafen meinen Körper", sagte die 43-jährige Ludmyla Mychailets, die nach eigenen Angaben mit ihrem Mann in dem Einkaufszentrum war, als die Rakete einschlug. "Es war die Hölle", sagte ihr Mann Mykola. Beide wurden in der Klinik von Krementschuk behandelt.

Feuerwehrleute entfernen die Trümmer eines zerstörten Einkaufszentrums in Krementschuk (Ukraine). | AP

Feuerwehrleute durchsuchen die Reste des Einkaufszentrums in Krementschuk. Große Teile des Gebäudes sind zerstört. Bild: AP

Beschuss aus Kursk?

Nach Angaben der ukrainischen Luftstreitkräfte sollen bei dem Angriff Luft-Boden-Raketen des Typs X-22 eingesetzt worden sein. Diese seien von Tu-22-Langstreckenbombern aus dem russischen Gebiet Kursk abgefeuert worden, hieß es. Der Sekretär des Sicherheitsrats, Olexij Danilow, sagte, dass eine zweite Rakete in ein örtliches Sportstadion eingeschlagen sei.

Zahlreiche Angriffe auf zivile Ziele

In einer ersten Reaktion hatte der russische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Dmitri Poljanskij, die Ukraine beschuldigt, mit dem Vorfall vor dem NATO-Gipfel Mitleid erregen zu wollen. Er bezeichnete die Attacke als eine Provokation der Ukraine und erklärte, dass es mehrere Ungereimtheiten in der Darstellung der Ereignisse gebe. Russland hat wiederholt bestritten, zivile Ziele zu attackieren.

Bei russischen Angriffen wurden jedoch schon zuvor Einkaufszentren, Theater, Kindergärten und Wohngebäude getroffen. So sorgte beispielsweise Mitte März ein Angriff auf eine Geburtsklinik im südukrainischen Mariupol für Entsetzen. Russland erklärte damals, das Gebäude habe zu dem Zeitpunkt nur noch als Rückzugsort für ukrainische Kämpfer gedient. Die Ukraine sowie die Vereinten Nationen hingegen betonten, zum Zeitpunkt der Attacke seien dort Patienten behandelt worden.

G7 sprechen von "Kriegsverbrechen"

Die Teilnehmer des G7-Gipfels verurteilten den Angriff auf das Einkaufszentrum in Krementschuk: "Willkürliche Angriffe auf unschuldige Zivilistinnen und Zivilisten sind Kriegsverbrechen. Der russische Präsident Putin und die Verantwortlichen werden dafür Rechenschaft ablegen müssen", hieß es in einer Erklärung.

US-Präsident Joe Biden schrieb bei Twitter: "Wie beim G7-Gipfel gezeigt, werden die USA gemeinsam mit unseren Verbündeten und Partnern Russland weiterhin für solche Gräueltaten zur Rechenschaft ziehen und die Verteidigung der Ukraine unterstützen." Wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hatte die Biden-Regierung am Montag weitere Strafmaßnahmen der USA und der anderen G7-Staaten gegen Moskau angekündigt.

Die EU verurteilte die Zerstörung "aufs Schärfste". Der fortgesetzte Beschuss von Zivilisten und zivilen Gebäuden sei nicht hinnehmbar und komme Kriegsverbrechen gleich, erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Er sprach von einem "weiteren verabscheuungswürdigen Akt" und verwies auf jüngste Raketenangriffe auf Wohngebiete in Kiew. Russland werde zur Rechenschaft gezogen, sagte Borrell.

Angriff auf Einkaufszentrum in Ukraine beschäftigt UN-Sicherheitsrat

Der Raketenangriff auf das Einkaufszentrum soll auch den UN-Sicherheitsrat beschäftigen. Das mächtigste UN-Gremium will heute um 21.00 Uhr MESZ zu dem Thema beraten, wie Diplomaten in New York mitteilten. Das Treffen war auf Bitten der Ukraine anberaumt worden.

Krementschuk liegt etwa 250 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kiew. Die Gegend war bislang von den Kämpfen weitgehend verschont geblieben. Dort befindet sich die größte Ölraffinerie des Landes. In unmittelbarer Nähe des Einkaufszentrums befinden sich mehrere Industrieanlagen, darunter eine Fabrik für Straßenbaumaschinen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Juni 2022 um 11:00 Uhr.