Adam Black | Christoph Prössl

Geothermie in Nordengland Von der industriellen zur grünen Revolution

Stand: 22.08.2021 09:42 Uhr

Großbritannien - Gastgeber des nächsten Klimagipfels - hat sich auf den Weg zur Klimaneutralität gemacht. In Nordengland sollen künftig mit warmem Wasser aus alten Kohlestollen Häuser geheizt werden.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Adam Black steht in einer riesigen Lagerhalle, um ihn herum Paletten und Kartons. "Hier lagern 20 Millionen Flaschen. Lanchaster Wines ist einer von vier großen Abfüllern im Vereinigten Königreich", sagt er. Weine aus Südafrika, Australien, Chile kommen in Tanks an und werden erst hier in Flaschen abgefüllt - für Supermärkte, Restaurants, Pubs, andere Händler. Das Besondere: Das Lagerhaus wird beheizt mit der Wärme aus Wasser, das tief aus dem Boden geholt wird, aus alten Stollen, hier in Gateshead bei Newcastle.

Christoph Prössl ARD-Studio London

"Vor zehn Jahren hat sich die Firma entschieden, CO2-neutral zu werden", erzählt Black. Zunächst sei es um Strom aus erneuerbaren Energien gegangen. Dann kam vor fünf Jahren die Idee mit den Wärmepumpen. Eine isländische Firma unterstützte das Projekt.

"Unter diesem Lagerhaus ist ein riesiges Netzwerk an Stollen", berichtet Black. Auf vier Ebenen sei dort Kohle abgebaut worden. "Wir holen das Wasser auf einer Ebene raus und pumpen es zurück in eine andere Ebene. Das sind große Mengen an Wasser - 15 Grad warm, wenn wir es heraus pumpen, 12 Grad, wenn es wieder herein pumpen." Die Differenz reicht aus, um mit Hilfe von Wärmepumpen die Energie zu komprimieren und zu heizen.

Black ist begeistert von erneuerbaren Energien. Im Jahr 2000 hat er die Solaranlage auf dem Dach seines Hauses als erster in der Gegend ans Netz angeschlossen.

Kein Nischenthema

Doch die Wärme aus der Tiefe ist längst kein Nischenthema mehr für Technologie-Begeisterte. Hier im Norden von England befinden sich sehr viele Siedlungen auf ehemaligem Minengelände. In vielen stillgelegten Stollen steht Wasser.

Charlotte Adams beschäftigt sich mit dem Thema "Geothermie" schon seit 20 Jahren. Erst an der Universität, nun arbeitet sie für die "Coal Authority", eine Behörde, der die alten Minen gehören und die den Nachlass des Bergbaus verwaltet.

In einem Industriegebiet von Seaham, direkt am Meer, nicht weit von Gateshead, steht eine Filteranlage für Wasser aus der dortigen Mine. Hier wird schon seit Jahren Wasser aus dem Boden gepumpt, um es zu filtern, vor allem um das Eisen rauszuziehen. Wenn an dieser Stelle die Stollen volllaufen würden, träte das Wasser verunreinigt an anderer Stelle aus und würde der Umwelt schaden. Und weil hier eh schon gepumpt wird, 150 Liter Wasser pro Sekunde, ist der Ort für Geothermie-Projekte sehr interessant.

Wasserfilteranlage | Christoph Prössl

DIe Filteranlage in Seaham - neben Eisen könnte man hier dem Wasser auch Wärme entziehen. Bild: Christoph Prössl

Heizwärme für 1500 Wohnungen?

"Der nächste Schritt für uns ist, mit der Verwaltung des Kreises Durham zusammen zu arbeiten. Hier sollen 1500 Wohnungen entstehen. Und die sollen mit dem Wasser geheizt werden, das wir hochpumpen", erklärt Adams. Das Wasser hier ist etwa 20 Grad warm. Zum Heizen reicht das nicht.

"Wir benutzen Wärmepumpen", sagt Adams. "Mit Elektrizität wird ein Kompressor betrieben, der einen Kreislauf in Gang setzt, um die Temperatur auf 60 Grad zu erhöhen. Und für ein Kilowatt Strom, das eingesetzt wird, erhält man vier Kilowatt Wärme. Das ist effizient. Verglichen mit einem Gasboiler reduzieren sich die Emissionen um drei Viertel."

Dort, wo jetzt die Filteranlage steht, könnte also bald ein Werk mit Wärmepumpen entstehen. Das heiße Wasser soll dann in die neue Siedlung gepumpt werden.

Klimaneutralität bis 2050 geplant

In den vergangenen Jahren wurden in Häusern im Vereinigten Königreich vor allem Gasheizungen eingebaut, weil Gas billig ist. Kohle als Energieträger ist fast verschwunden. Der Ausstoß von klimaschädlichem Gas wie beispielsweise CO2 im Bereich der Gebäude geht zwar zurück, ist aber noch immer auf einem hohen Niveau. Bis 2050 will das Vereinigte Königreich klimaneutral sein, bis 2035 sollen 78 Prozent der klimaschädlichen Gase eingespart werden. Die Regierung Johnson definiert ehrgeizige Ziele.

Im November findet in Glasgow die Klimakonferenz COP26 statt. Boris Johnson will, dass das internationale Treffen ein Erfolg wird. Auch das ist ein Grund, warum die Geothermie gefördert wird.

Bewusstseinswandel hat eingesetzt

Laut Adams gibt es viele Gründe, weshalb dieser Wandel jetzt einsetzt: "Es gibt lokale Behörden, die erklären den Klimanotstand. Wir sehen die Auswirkungen des Klimawandels in ganz Europa - auch in diesem Sommer. Und dann gibt es Förderprogramme der Regierung, die den Städten und Gemeinden hilft, diese Technologie voran zu treiben."

Von der Förderung profitiert beispielsweise die Stadt Gateshead. Über ein staatliches Förderprogramm wurde der Ausbau des Leitungsnetzes finanziert. 2019 rief die Stadt den Klimanotstand aus und kündigte an, bis 2030 klimaneutral zu werden. Auf einem Stück Bauland zeigt der Stadtrat John McElroy, was die Stadt vorhat.

Noch steht hier eine große Bohrmaschine, die Schächte aushebt. Wenn die richtigen Röhren verlegt sind und das Wasser an die Oberfläche gepumpt werden kann, sollen hier auch noch Solaranlagen aufgestellt werden. Nicht weit entfernt liegt eine Energie-Zentrale, ein Art Kraftwerk. "Die Zentrale erzeugt Wärme und Strom für viele Unternehmen in der Gegend - auch für die Gemeindeverwaltung, Hotels, viele öffentliche Gebäude und die Kunsthalle, das Musik-Zentrum", berichtet McElroy. "Aber im Moment wird diese Energie-Zentrale mit Erdgas betrieben, also mit einem fossilen Brennstoff. Und wir wollen das nachhaltig machen."

John McElroy | Christoph Prössl

Stadtrat McElroy auf der Baustelle: Geothermie soll hier bald Erdgas ersetzen. Bild: Christoph Prössl

Das Erbe der industriellen Revolution

Noch wird aber nach den richtigen Stollen gesucht. Eine Firma hat mehrere Löcher gebohrt. Es gibt zwar alte Karten der Minen, viele Stollen sind aber gar nicht verzeichnet oder die Karten sind ungenau. Das Erbe der industriellen Revolution ist kein einfaches.

"Wir waren sehr stolz darauf, dass dieser Teil der Welt in der industriellen Revolution eines der führenden Gebiete war. Alles auf der Basis von Kohle. Jetzt wollen wir bei der neuen grünen Revolution führend mit dabei sein", sagt Stadtrat John McElroy.

Und für ihn gibt es noch einen weiteren gewichtigen Grund, auf neue Technologien zu setzen: "Es gibt für diese Entwicklung auch gute wirtschaftliche Gründe. Wenn Firmen da jetzt einsteigen und Jobs schaffen, dient das den Menschen - auch wirtschaftlich."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. August 2021 um 18:48 Uhr.

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Moderation 22.08.2021 • 17:30 Uhr

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