"Wir sind der russische Donbass" steht auf einem Plakat, das im besetzten Donezk an einem Gebäude hängt. | picture alliance/dpa/TASS

Separatistengebiete In Donezk und Luhansk regiert die Angst

Stand: 09.02.2022 11:27 Uhr

Aus den Separatistengebieten im ukrainischen Donbass dringen kaum Nachrichten - denn die Bevölkerung lebt in Angst. Immer wieder verschwinden Menschen. Zurückgekehrte berichten von Willkürhaft und Folter.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Ihor Koslowskyj bringt gerade den Müll hinaus, als ihn Ende Januar 2016 Bewaffnete einfach mitnehmen. Erste Station seiner fast zwei Jahre langen Gefangenschaft in Donezk ist ein dunkler eiskalter fensterloser Keller. Mit einem Sack über den Kopf wird er kurz darauf zu einem Verhör gebracht. "Ich habe sie ja nicht gesehen und der erste Satz, den ich gehört habe, war: 'Bist du schon einmal gefoltert worden?' Und dann haben sie damit angefangen", erzählt er. "Sie haben sich abgewechselt mit Schlägen, Elektroschocks, die Luft abschnüren, Aufhängen und dem Nachahmen von Schießen. Es waren viele Stunden."

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Nach der Folter sind Arme und Beine taub und Koslowskyj verliert immer wieder das Bewusstsein. Die Folterer selbst hätten sich mit dem berüchtigten sowjetischen Geheimdienst der 1930er-Jahre verglichen. Über erlebte Folter zu reden ist ein seelischer Kraftakt - diesem ruhig und freundlich wirkenden Religionswissenschaftler scheint er zu gelingen.

Ihor Koslowskyj | ARD-Studio Moskau

Ihor Koslowskyj hat im besetzten Donezk Folter überlebt: Er habe Studierende gegen die Separatisten aufgehetzt, lautete der Vorwurf. Bild: ARD-Studio Moskau

"Bei Verhören haben sie Denunziationen eines gewissen 'Moskito' vorgelesen", berichtet er. Die Vorwürfe: Er, Ihor Anatoljewitsch Koslowskyj, habe die Maidan-Proteste unterstützt und viele großartige Studenten zu einer "proukrainischen politischen Position" gebracht; er habe Einfluss auf die Menschen und sei ein Feind der selbsternannten 'jungen Republik'. "Alle sind gefoltert worden, sowohl Frauen als auch Männer. Sie haben alle gefoltert und vergewaltigt, auch die Männer", erinnert sich Koslowskyj.

Eingesperrt in Keller, Zwinger, Schächte

Seine Familie ist damals schon aus Donezk geflohen und Koslowskyj will so schnell wie möglich nachkommen - mit seinem älteren Sohn, der eine Behinderung hat und nach der Entführung des Vaters alleine ist. "Sie haben definitiv einen Plan: das Ziel, die aktive Minderheit verschwinden zu lassen und zu verdrängen und die passive Mehrheit einzuschüchtern", meint er.

Diese bittere Wahrheit kennt auch Oleksandra Matwitschuk aus Hunderten Gesprächen mit Menschen, die bei den kremltreuen Separatisten um Donezk und Luhansk gefangen waren - in Kellern, Lagern, Garagen, Zwingern, Schächten, Hallen, einst offiziellen Gefängnissen oder alten Fabrikgebäuden wie dem Isolationsgefängnis in Donezk.

Die Juristin leitet das Zentrum für Bürger-Freiheiten in Kiew, das illegale Inhaftierung, Zwangsarbeit, Folter und Tötung dokumentiert. Sie berichtet von Grausamkeiten: Gefangenen würden Gliedmaßen abgetrennt, in Holzkisten eingenagelt, einem Menschen sei mit einem Löffel ein Auge herausgerissen worden. Am häufigsten treffe es Zivilisten: "Es gibt kein System, wie man sich verhalten soll, um sich davor zu schützen: Man kann ein Putin-Porträt anbeten, aber gleichzeitig vor einem Auto über die Straße gehen, in dem der Vertreter einer illegalen bewaffneten Gruppe sitzt. Und wenn ihm das nicht gefällt, kommst du in einen Keller", sagt sie.

"Unser Leben ist irgendwie surreal"

Menschen könnten für drei Tage, drei Monate oder drei Jahre verschwinden, berichtet die Menschenrechtlerin. Kontakte zu Angehörigen oder gar einem Anwalt sind nicht möglich. Matwitschuk ist oft die einzige Anlaufstelle für verzweifelte Angehörige. In langwierigen Bemühungen wendet sie sich auch an die Vereinten Nationen, damit diese an Stellen in Russland oder de facto Behörden der kremltreuen Separatisten appellieren.

Ihr Telefon brummt: Es ist der Vater einer Ärztin, die seit drei Jahren gefangen ist und dringend operiert werden müsste. Die Operation wird vorerst nicht erlaubt, aber Matwitschuk gibt nicht auf. "Unser Leben ist irgendwie surreal", meint sie leise. "Ich weiß sehr gut: Wenn eine neue russische Offensive beginnen würde, werden ich und meine Kollegen die ersten Opfer sein, weil wir die aktive Minderheit sind, die physisch vernichtet oder verdrängt werden muss. Weil wir zu gewaltfreiem Widerstand fähig sind."

Oleksandra Matwitschuk | ARD-Studio Moskau

Die Juristin Oleksandra Matwitschuk setzt sich für die Gefangenen in den besetzten Gebieten ein. Bild: ARD-Studio Moskau

Ihor Koslowskyj schätzt, dass mehrere Tausend Menschen bereits in Gefangenschaft waren oder sind. In Freiheit bekämen sie keine psychologische Hilfe, bedauert der 68-Jährige. Er selbst kam Ende 2017 bei einem Gefangenenaustausch frei. Das ukrainische Fernsehen zeigte damals ihn und andere. Alle stehen da, blass und ernst, Koslovskyj lächelt - schon damals.

"Ein Mensch überlebt solche Bedingungen, wenn er einen Sinn sieht im Leben", sagt er. "Als ich nach den ersten Folterungen in die Zelle zurückgebracht wurde und mir der Sack von Kopf gezogen wurde, habe ich geblutet und jemand fragte mich: 'Warum lächelst du?' Ich konnte nicht antworten, weil ich nach der Folter dehydriert war. Aber innerlich dachte ich mir: Erstens habe ich keine Angst zu sterben und zweitens werde ich leben, weil ich meine Familie, meine Lieben und mein Land liebe. Aber das ist nicht die Hauptsache. Denn das Wichtigste ist: Sie lieben mich."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Februar 2022 um 05:51 Uhr.