Im Parlament des bosnischen Landesteils Republika Srpska. | AP

Republika Srpska "Abspaltung hat keinen Sinn"

Stand: 18.12.2021 04:54 Uhr

Will der serbische Landesteil sich wirklich von Bosnien-Herzegowina abspalten? Serben wie Bosniaken winken genervt ab - und haben doch Angst: Das Land, für das sie gekämpft haben, könnte verschwinden.

Von Eldina Jašarević und Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Wien

Für Radenka Šljivić, 57, ist klar, was sie machen würde, wenn es Milorad Dodik gelingen sollte, das Land zu spalten: "Ich würde den Kindern die Pässe in die Hände drücken. Ich würde auch meinen Pass nehmen und meinen Mann fragen: Alter, gehst Du mit?" Ihr "Alter", Željko Šljivić sitzt mit auf dem Sofa. Ja, dann wäre es wohl soweit. Er schüttelt trotzdem den Kopf, fragt: "Abspaltung? Wir leben nebeneinander, wir leben miteinander, wir sind aufeinander angewiesen. Abspaltung hat keinen Sinn."

Wolfgang Vichtl ARD-Studio Wien

Familie Šljivić lebt in Pale, nur 20 Kilometer entfernt von Sarajevo, Hauptstadt des Gesamtstaates Bosnien und Herzegowina. Pale liegt im Landesteil Republika Srspka und war im Krieg Hauptquartier des bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers Radovan Karadžić. Die Šljivić sind Serben, "aber keine Nationalisten": Was Milorad Dodik, seit 16 Jahren der starke Mann in Banja Luka, da an Getöse von sich gibt, geht ihnen hörbar auf die Nerven.

"Ohne Sarajevo wären wir wie Kalinovik"

Die erst angekündigten Gesetze, die Dodik mit seiner Mehrheit im Parlament in Banja Luka auf den Weg bringen ließ, die dem Zentralstaat Kompetenzen absprechen - bei den Finanzbehörden, der Justiz, auch in der gemeinsamen Armee -, sind auch vielen Serben suspekt. Je weiter sie von Banja Luka entfernt leben, desto mehr. Radenka Šljivić erklärt das so: "Das können die in Banja Luka so sehen. Wir hier sind oft in Sarajevo, treffen uns dort mit Freunden. Ohne Sarajevo wären wir wie Kalinovik." - Kalinovik? Ein Synonym für: finsterste Provinz, wo der Hund begraben liegt.

20 Kilometer weiter liegt Prača - ein Dorf, das seit dem Krieg zerschnitten von der Grenze zwischen den beiden Landesteilen Republika Srpska und dem Gebiet der Föderation Bosnien-Herzegowina ist. Einen Schlagbaum gibt es ebensowenig wie Checkpoints - es ist ja alles ein gemeinsamer Staat. In der Dorfkneipe sitzen vier Männer, sie alle sind muslimische Bosniaken.

Der 58-jährige Ramiz hat im Krieg gegen die Serben gekämpft. Vor Dodik habe er keine Angst, sagt er. Aber vor dem, was Radenka Šljivić sagt: "Ich habe Angst, dass viele das Land verlassen - wegen dieser Politik, der wirtschaftlichen Lage. Das Land, für das wir gekämpft haben, könnte so verschwinden."

Fake News über Selbstbewaffnung

Neben ihm sitzt der 31-jährige Fahrudin. Er war gerade zwei Jahre alt, als der Krieg in Bosnien ausbrach. Das Wort "Krieg" hört man in letzter Zeit wieder öfter. Zwar schüttelt jeder den Kopf. Aber was ist, wenn jemand durchdreht, angestachelt durch das nationalistische Getöse? Fake News über Nationalisten, die sich Waffen beschaffen, geistern bereits durch Social-Media-Kanäle - und das gefährliche Geraune wird hundertfach geteilt. Was wäre wenn?

"Ich würde kämpfen, wenn es ernst wird", sagt Fahrudin. Er sagt das auch, weil er nicht wirklich glaubt, dass es so kommen könnte: "Ich muss mich verteidigen. Ich habe nichts zu verlieren. Ich habe keine Familie, keine Frau. Ich würde in den Krieg ziehen. Aber - wie mein Kollege sagt: Es wird keinen Krieg geben." Sein "Kollege" Avdo, kam schwerverletzt aus dem letzten Krieg zurück. Für den 48-Jährigen ist das Thema erledigt: "Ich sehe keinen Krieg. Wozu? Wer würde kämpfen? Ich war einmal im Krieg. Ich mache das nicht mehr mit."

"Srebrenica-Prüfung nicht bestanden" 

Und wenn Dodik weiter zündelt? Weil er fürchtet, die Wahlen im Frühjahr zu verlieren und damit Macht, Geld und - das Entscheidende: den Schutz vor Strafverfolgung wegen Korruption?

Dann müsse die Internationale Gemeinschaft eingreifen, findet Ramiz, der Kriegsveteran. "Die internationale Gemeinschaft hat die Srebrenica-Prüfung nicht bestanden", sagt er und meint damit den Völkermord an mehr als 8000 bosnischen Männern. "Jetzt ist die Chance, das zu korrigieren und rechtzeitig einzugreifen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Dezember 2021 um 09:23 Uhr in der Sendung "Europa heute".