Butler James dreht sich zum Tigerteppich um. | dpa

"Dinner for One" Miss Sophies Tigerfell - endlich museumsreif

Stand: 31.12.2021 09:34 Uhr

Jahr um Jahr stolpert Butler James in "Dinner for One" über Miss Sophies Tigerfell. In England ist der Sketch völlig unbekannt - dort rottete das Requisit vor sich hin. Nun soll der Tiger ins Museum. Dabei hat er einiges mitgemacht.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

"Ich werde diese Wildkatze umbringen", schimpft Butler James im Kult-Sketch "Dinner for One" entnervt. Ob er damit das Tigerfell meint, über das er im Verlauf des Geburtstagsessens von Miss Sophie x-Mal stolpert? Sicher jedenfalls hätte sich der Darsteller Freddie Frinton niemals träumen lassen, wo sich dieses Tigerfell 50 Jahre nach seinem Tod befinden würde: Es wartet in einem klimatisierten Museumsdepot in Deutschland darauf, in ein noch zu gründendes Museum in Norddeutschland überführt zu werden. Aber der Reihe nach.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

In den 1950er-Jahren tingelt Frinton durch die Provinz und spielt an kleinen Varieté-Theatern an der englischen Südküste. Eines Tages entdeckt er den Tigerkopf mit Fell dran zufällig im Schaufenster eines Kolonialwarenladens in Bexhill, schildert seine Witwe Nora Harding in Zeitungsinterviews. Es scheint ihm ideal für den Sketch. Und so geht das Fell mit auf Tournee - wenn das Auto zu voll ist, dann schnallt Frinton den Tiger kurzerhand aufs Dach, um abends immer wieder darüber zu stolpern.

May Warden als Miss Sophie und Freddie Frinton als Butler James in einer Szene aus "Dinner for One oder: Der 90. Geburtstag" | picture alliance/dpa/WDR/NDR

Der Weg zu den nächsten Aufträgen von Miss Sophie ist für Butler James voller Tücken. Er muss um den Tisch und das Tigerfell herum - und immer wieder trinken. Bild: picture alliance/dpa/WDR/NDR

Auf der Insel ein Fall für die Provinz

Während das Kurz-Schauspiel "Dinner for One" in England eine Angelegenheit für Provinztheater bleibt, kommt 1962 ein bekannter deutscher Showmaster in ein bekanntes englisches Seebad und meint, das Stück könne das deutsche Publikum interessieren, erinnert sich der englische Journalist Mike Peak:

Ich habe gehört, dass die Deutschen das Stück auf der Pier in Blackpool gesehen und es in Deutschland für das Fernsehen aufgezeichnet haben. In Großbritannien hat es dafür nie Interesse gegeben. Und es wird wohl auch nie mehr ein Teil der britischen Kultur werden." 

Kult dank Frankenfeld

Aber in Deutschland wird der Sketch fester Bestandteil der ewigen Humorkultur. 1963 zeigt Peter Frankenfeld die Szene erstmals im deutschen Fernsehen, in seiner Sendung "Guten Abend, Peter Frankenfeld".

Nur fünf Jahre später stirbt Frinton überraschend mit nur 59 Jahren. Darum kann er den Erfolg, den "Dinner for One" ab den 1970er-Jahren als jährliche Kult-Sendung auf dem europäischen Kontinent erfährt, gar nicht mehr selbst erleben.

Aber seine Witwe ist überrascht, dass nach so langer Zeit noch immer so viele Menschen darüber lachen. Und der Journalist Peake befürchtet, das Publikum auf dem Kontinent halte das Ganze für typisch britischen Humor, dabei sei die Szene doch recht altmodisch und der "british sense of humor" habe viel mehr Ecken und Kanten zu bieten.   

May Warden als Miss Sophie und Freddie Frinton als Butler James in einer Szene aus "Dinner for One oder: Der 90. Geburtstag" | picture alliance/dpa/NDR

Und dann heißt es am Ende stets: "The same procedure as last year?" "The same procedure as every year!" Bild: picture alliance/dpa/NDR

 Plüschflicken auf dem Tigerfell

Doch zurück zum Tigerfell: 2013 heftet sich der Journalist Espen Aas, der für den norwegischen Rundfunk in London arbeitet, an die Fersen des Tigers. Nach einiger Zurückhaltung gestatten ihm die Angehörigen von Freddie Frinton schließlich einen Besuch bei sich zu Hause, nördlich von London.

Sie bewahrten das Fell in einer Art Schuppen auf, zusammen mit anderen Requisiten, mit alten Fotos, mit Kostümen, mit einer lebensgroßen Pappfigur von Freddie Frinton, mit der ich ein Selfie gemacht habe. Und eben das Tigerfell, das wirklich sehr abgewetzt war.

Deutlich zu sehen sind Flickspuren am Hinterkopf - wo Frinton Hunderte Male darüber gestolpert ist. Und weil er damals kein Tigerfell finden konnte, nahm er Plüsch mit Leopardenmuster. Nach der Wiederentdeckung des Tigers durch Espen Aas und seine Berichte beginnt ein bewegtes Leben für die angestaubte Requisite.

Das Auge des Tigers

Auch Dorothee Starke, die Leiterin des Kulturamts in Bremerhaven, hat Kontakt zu Frintons Verwandten. Sie hat dem Tiger in die Augen gesehen und berichtet:

Er guckt ziemlich gruselig, das Maul ist aufgerissen, die Augen sind recht krall, man sieht eben hinten diesen Flicken, der Leopardenmuster hat. Und man sieht auch am Rand, ein, zwei Stellen, die einfach völlig abgewetzt sind." 

Bremerhaven ist die Partnerstadt von Grimsby, einer ostenglischen Hafenstadt, in der Frinton 1909 geboren wurde. Und so schließt sich für Kulturamtsleiterin Starke ein Kreis: Auf Initiative von Grimsby sollen der Tiger und andere Requisiten nach Bremerhaven kommen. Denn es wäre ja schön, wenn der Nachlass nach Deutschland ginge, wo Frintons Werk ganz anders gewürdigt werde als in seiner englischen Heimat.

Das Tigerfell aus "Dinner for One" war 2020 im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig ausgestellt. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

So sieht das Tigerfell aus "Dinner for One" heute aus - 2020 war es im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig ausgestellt. Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Nach dem Sketch die "Dinner for One"-Show

Im Kulturamt von Bremerhaven ist man Feuer und Flamme: Geplant ist ein Museum mit Restaurant und Theater. Darin gezeigt werden soll die Verbindung zwischen Frinton, Grimsby und Bremerhaven, den zwei ähnlichen Hafenstädten mit vergleichbarer Vergangenheit und vergleichbaren Problemen. Frinton arbeitete als junger Mann im Fischereihafen von Grimsby, Bremerhaven hatte eine ähnliche Varieté-Tradition wie die englischen Hafenstädte.

Nach dem Museumsbesuch sollen die Besucher das "Dinner for One" mit Mulligatawny Soup, Port und allem Drum und Dran genießen können - und anschließend eine "Dinner for One"-Show sehen. Bis Starke aber die passende Immobilie und ein Betreiberkonzept gefunden hat, muss das Tigerfell noch warten.

Im Museum gezeigt zu werden, ist für den Tiger nicht neu: Vor zwei Jahren war er in der Ausstellung "Very British" im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen. Dort lagert er jetzt im klimatisierten Magazin - fast ein bisschen viel Luxus für die robuste Wildkatze.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. Dezember 2021 um 09:48 Uhr.