Bundeswehrübung an einem Fluss in Sachsen-Anhalt | dpa
Europamagazin

Europas Armeen im Vergleich Größe wieder gefragt

Stand: 18.06.2022 14:11 Uhr

Lange wurde in vielen EU-Ländern bei den Verteidigungsausgaben gespart. Mit dem Krieg in der Ukraine hat sich das geändert - das zeigt sich auch auf der Rüstungsmesse in Paris. Aber wie steht es um die europäischen Armeen? Und wie um die Bundeswehr?

Von Tobias Dammers und Franziska Wellenzohn, ARD-Studio Brüssel

"Size does matter" - die Größe ist wichtig. So prangt es auf einem Hubschrauber der US-Armee vor den Hallen der Eurosatory, einer der wichtigsten Waffenmessen Europas. Eine Veranstaltung im Nordosten von Paris, auf der sich Waffenproduzenten und -käufer treffen: 1800 Aussteller aus Dutzenden Ländern sind gekommen, darunter auch Vertreter vieler Verteidigungsministerien. Denn der gegenwärtige Bedarf an Munition und Waffen ist groß, auch in der Europäischen Union. 

Tobias Dammers ARD-Studio Brüssel
Franziska Wellenzohn ARD-Studio Brüssel

Personell verfügt Frankreich innerhalb der EU über die größte Armee - mit mehr als 200.000 aktiven Soldaten. Dies geht aus aktuellen Berechnungen des Thinktanks International Institute for Strategic Studies (IISS) hervor. Auf dem zweiten Platz befindet sich Deutschland mit 183.400 Soldaten.

Die personell schwächsten Armeen haben die kleinen Mitgliedsstaaten Malta (1700) und Luxemburg (410). Auffällig ist Griechenland auf Platz vier. Gemessen an der Bevölkerung gibt es hier mit Abstand die meisten Soldaten: 1,34 Prozent der Griechen dienen beim Militär. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 0,23 Prozent. 

Und auch in einer anderen konventionellen Statistik liegt Griechenland laut IISS vorne: Das Land verfügt in der EU über die meisten "Main Battle Tanks", also schwere Kampfpanzer. Viele davon sind allerdings bereits ältere Modelle. Insgesamt zählt das Institut über 1200 schwere griechische Kampfpanzer, in Deutschland sind es 284.

Bundeswehr: Technikprobleme, aber gute Ausbildung

In einer Zeit, in der zum Beispiel Drohnen und künstliche Intelligenz immer wichtiger werden, lassen sich Armeen jedoch nicht nur anhand von Truppenstärke und Panzern vergleichen, meint Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations: Denn "nicht alles, was auf dem Papier steht, kann auch real ins Feld rollen".

Gressel misst die Einsatzbereitschaft von Armeen auch daran, wie synchronisiert sie im Feld agieren können - im technischen und menschlichen Zusammenspiel. Dabei gebe es "Fähigkeitslücken" bei der Bundeswehr, zum Beispiel technische Probleme bei der Funkausstattung und bei Drohnen.

Dafür punkte die Bundeswehr aber bei ihrer Ausbildung und der Erfahrung ihrer Offiziere. Insgesamt sieht Gressel die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr "im Mittelfeld" Europas.

Für seine eigene Sicherheit, so Gressel, könne Deutschland ohne das NATO-Bündnis aber nicht selbst sorgen. Das Schlüsselland in der EU sei Frankreich: der einzige EU-Staat mit Atombombe.

Marder-Schützenpanzer der Bundeswehr (Archivbild 2018) | dpa

Wird immer wieder für eine Lieferung an die Ukraine ins Spiel gebracht: der Schützenpanzer Marder der Bundeswehr Bild: dpa

Das heikle Zwei-Prozent-Ziel

Was fast alle europäische Armeen in den vergangenen Jahren verbindet: Es wurde gespart. Innerhalb des NATO-Bündnisses sind eigentlich Rüstungsinvestitionen von zwei Prozent der jährlichen nationalen Wirtschaftsleistung abgesprochen. Dies erreichen nur wenige EU-Länder. 

Im Jahr 2020 war Griechenland Spitzenreiter in der EU und gab mit 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) den größten Anteil aus. Danach folgte Lettland mit 2,5 Prozent.

Deutschland liegt auf Platz 16: Es investierte 1,1 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Die geringsten Militärausgaben gemessen am BIP hatten Malta und Irland.

Militärexperte Gressel hält die Mehrfachstrukturen innerhalb der EU für ineffizient. Der Etat jeder kleinen Armee jedes Mitgliedsstaates finanziere jeweils auch Kosten für ein Verteidigungsministerium, eine Offiziersschule und die Grundversorgung der Materialerhaltung. Zu wenig bleibe übrig, um in Kampfbataillone oder Forschung zu investieren.

Weit zurück im globalen Vergleich

Zusammengenommen investieren die EU-Länder zumindest mehr als früher. Seit 1999 haben sie ihre Ausgaben für Verteidigung laut EU-Kommission um 20 Prozent erhöht.

Im internationalen Vergleich ist das allerdings nicht viel. Die USA erhöhten ihre Investitionen im gleichen Zeitraum um 66 Prozent, Russland um 292 Prozent und China um 592 Prozent.

Absolut geben aber weiterhin die USA das meiste Geld für Rüstung aus: Im vergangenen Jahr laut IISS rund 754 Milliarden US-Dollar - ungefähr so viel wie die darauffolgenden 13 Länder in der Statistik zusammen.

Nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine hat Deutschland, wie andere EU-Länder auch, Milliardeninvestitionen für die Modernisierung seines Militärs angekündigt.

Neuer Panzer aus Deutschland

Die neue europäische Investitionsbereitschaft in Rüstungsgüter ist auch bereits auf der Pariser Waffenmesse angekommen, zum Beispiel beim Düsseldorfer Konzern Rheinmetall. Vorstandschef Armin Papperger zufolge hat Rheinmetall bereits erste Aufträge erhalten und plant, 3500 neue Mitarbeiter einzustellen.

Ein Großteil der deutschen Bevölkerung habe verstanden, so Papperger, "dass Sicherheit nicht umsonst sei". Zuvor sei das "verdrängt" worden.

In Paris präsentiert Rheinmetall auch eine der größten Überraschungen der Messe: einen neuen Kampfpanzer KF51, den "Panther". Er ist der modernisierte Nachfolger des "Leopard 2", den auch Vertreter der Ukraine immer wieder für den Kampf gegen Russland fordern.

Der Panzer "KF51" von Rheinmetall auf einer Rüstungsmesse in Frankreich | REUTERS

Soll den "Leopard 2" ablösen: der Kampfpanzer KF51 Bild: REUTERS

Die Vorteile von Kooperation

Die EU-Kommission fordert, dass Investitionen in Rüstung langfristig vor allem in Innovationen fließen sollen. Sonst "bestehe die große Gefahr, dass wir irrelevant werden", fasst es der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell zusammen. Außerdem sollen Rüstungsgüter "koordiniert" und gemeinsam auf europäischer Ebene angeschafft werden und nicht mehr von jedem Land für sich.

Hannah Neumann, die friedenspolitische Sprecherin der Grünen im EU-Parlament, unterstützt diese Idee. Insbesondere müsse dringend benötigte Munition und Waffen strategisch sinnvoll in der EU verteilt werden - und nicht in nationalen Alleingängen. Allerdings sehe sie "ganz akut die Gefahr", dass in der gegenwärtigen Lage jeder Mitgliedsstaat auf eigene Bedürfnisse schaue.

So könnten gleich zwei Probleme entstehen: Durch den entstehenden Überbietungswettbewerb auf dem Verteidigungsmarkt könnte am Ende die Rüstungsindustrie mehr profitieren als die Sicherheit der EU. Und: Wirtschaftliche schwächere Länder könnten sich dringend benötigte Güter dadurch nicht mehr leisten.

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