Wohnblock im dänischen Aarhus, Stadtteil Gellerup. | ARD-Studio Stockholm
Weltspiegel

Dänemarks Zuwanderungspolitik Das Aarhus-Experiment

Stand: 11.07.2021 12:24 Uhr

Per "Ghetto-Gesetz" will Dänemark die Bevölkerung von Vierteln durchmischen, in denen viele sogenannte "nicht-westliche" Zuwanderer leben. In einem Aarhuser Vorort werden 1000 Wohnungen abgerissen. Löst das bestehende soziale Probleme?

Von Kristopher Sell und Julia Wäschenbach, ARD-Studio Stockholm

Mustafa Faour wohnt mit seiner Frau und drei Kindern in Gellerup, einem Vorort im Westen der zweitgrößten dänischen Stadt Aarhus. Durch die Wohnung im zweiten Stock führt ein schmaler Flur, im Wohnzimmer läuft der Fernseher. Das Zuhause bietet genug Platz für die Familie. Doch die Faours werden ausziehen müssen.

Grund ist das 2018 verabschiedete, so genannte dänische "Ghetto-Gesetz". Es wurde im Frühjahr von der sozialdemokratisch geführten Regierung in Kopenhagen zwar formal in "Parallelgesellschaftsgesetz" umbenannt, aber gleichzeitig noch einmal verschärft. Es sieht vor, dass in allen Wohngegenden in Dänemark künftig nur noch höchstens 30 Prozent "nicht-westliche Einwanderer" leben sollen. In den 15 so bezeichneten harten Ghettos, wo der Anteil dieser Menschen besonders hoch ist, greifen drastische Maßnahmen: 350 Sozialwohnungen sind in Gellerup bislang abgerissen worden, 600 sollen folgen.

Damit will die Kommune unter anderem Platz für neue Eigentumswohnungen schaffen. Auf den Wartelisten für neue oder sanierte Mietwohnungen werden beispielsweise Gutverdienende bevorzugt. So soll die Zusammensetzung der Bewohnerschaft verändert werden.

Typisch dänische Namen an der Tür

Die Wohnung der Faours ist nicht vom Abriss bedroht. Die Wohnungsgesellschaft will sie aber wie viele andere renovieren, verkleinern und danach neu vermieten.

"Meine Familie und ich werden ein Zimmer und ein Bad verlieren", sagt Faour. Seine Eltern sind vor vielen Jahren vor dem Krieg im Libanon geflogen. Der 34-Jährige ist in Gellerup aufgewachsen, sein Herz hängt an dem Viertel. Jetzt sieht er sich nach einem neuen Zuhause um.

In derselben Straße, ein paar Hundert Meter weiter, zeigt ein bereits renoviertes Gebäude, wie auch sein Wohnblock in Zukunft aussehen könnte. Auf den Klingelschildern in dem modernen Hausflur stehen viele typisch dänische Namen wie Jensen oder Nielsen. Hier wohnt Ester Engrob. Die Rentnerin ist vor zwei Jahren nach Gellerup gezogen. Menschen wie sie möchte die dänische Regierung mit dem Gesetz anlocken, um Viertel wie Gellerup zu durchmischen.

Auch Schulen und Büros werden gebaut

"Es sind mehr Dänen eingezogen, seit sie mit dem Renovieren begonnen haben", sagt Engrob. Was aus der Familie geworden ist, die vorher in ihrer Wohnung gelebt hat, weiß sie nicht. Die 73-Jährige fühlt sich in Gellerup wohl. "Ich erlebe das nicht als Parallelgesellschaft", sagt sie. "Wir sind 80 verschiedene Nationalitäten - wie kann das parallel sein?"

Die dänische Regierung sieht das anders. Vier von fünf Bewohnern in Gellerup sind nicht-westliche Einwanderer. Knapp die Hälfte ist nicht auf dem Arbeitsmarkt. Die Kriminalität ist höher als anderswo in Dänemark. Das sollen die Kommune Aarhus und die Wohnungsgesellschaft ändern, indem sie den Anteil der Sozialwohnungen in Gellerup auf unter 40 Prozent bringen. Nicht nur neue Wohnungen, sondern auch Schulen und Büros entstehen.

Mustafa Faour | ARD-Studio Stockholm

Mustafa Faour muss mit seiner Familie umziehen .... Bild: ARD-Studio Stockholm

Ester Engrob | ARD-Studio Stockholm

... während Ester Engrob eine der neueren Bewohner des Viertels ist. Bild: ARD-Studio Stockholm

Umbau als großes Experiment

"Das hier ist ja ein sehr großes Experiment", sagt Keld Laursen, Direktor der Wohnungsgesellschaft Braband, die für den Umbau steht. Er hofft auf einen "positiven Nachbar-Effekt": Gellerup soll sich zu einem Stadtteil entwickelten, in dem Benachteiligte Tür an Tür mit neuen Bewohnern leben, die mehr Ressourcen haben. Doch dazu gehört eben Verdrängung.

Mustafa Faour, der in Gellerup als "dansk dreng", als dänischer Junge gilt, sieht die Probleme in seinem Viertel. Er glaubt aber nicht, dass sie sich durch den Umbau lösen lassen: "Ich glaube kaum, dass man den Menschen, die wenig Dänisch sprechen und noch nie auf dem Arbeitsmarkt waren, hilft, indem man sie in eine andere Wohnung zwingt."

Auch er fühlt sich verdrängt. Vor allem aber fühlt er sich ungerecht behandelt. In der Innenstadt von Aarhus betreibt der 34-Jährige eine schicke Falafelbar. Studenten und Touristen kommen hier vorbei. Ihnen serviert Faour Gellerup Mezze und erzählt von seinem Stadtteil. 2019 lief das Geschäft so gut, dass der Unternehmer den Spitzensteuersatz in Dänemark bezahlte. "Aber obwohl ich meine eigene Firma habe, mein eigenes Geld verdiene und keine Hilfe der Behörden in Anspruch nehme, zähle ich in der Statistik wegen meines nicht-westlichen Hintergrunds negativ."

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel - am Sonntag um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 11. Juli 2021 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
fathaland slim 11.07.2021 • 15:31 Uhr

15:12, Adeo60

>>. Das Thema Intergration wird auch in Zukunft entscheidend für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, deren wirtschaftliche und soziale Entwicklung sein.<< Ja. Da gebe ich Ihnen zu 100% Recht. Und das gilt nicht nur für Deutschland. Solange es ein solch immenses Wohlstandsgefälle auf unserer Welt gibt, droht die Sache immer wieder zu explodieren. Der Schlüssel zur Integration ist die wirtschaftliche Teilhabe. National wie international. Wer ökonomisch abgehängt und abgeschrieben ist, wird sich nie integrieren. Ein Teufelskreis.