Dominic Cummings | dpa

Britische Corona-Politik "Versagt, als sie gebraucht wurde"

Stand: 26.05.2021 15:15 Uhr

Die britische Öffentlichkeit fieberte diesem Termin entgegen: Vor zwei Parlamentsausschüssen hat Ex-Regierungsberater Cummings über die Corona-Politik der Johnson-Regierung ausgesagt. Es wurde das erwartete Spektakel.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Dominic Cummings zeichnete ein desaströses Bild der Regierungsarbeit in den ersten Monaten des Jahres 2020. Der einstige Regierungsberater warf Premierminister Boris Johnson Versagen vor: "Als die Öffentlichkeit die Regierung am meisten brauchte, versagte diese", sagte Cummings vor Abgeordneten zweier Ausschüsse des Unterhauses.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Minister, gehobene Beamte, Berater hätten den Anforderungen nicht genügen können, die die Menschen in einer solchen Krise erwarten dürften. Cummings entschuldigte sich bei den Familien, die Angehörige verloren haben.

Der Berater kritisierte, dass die Regierungsmitglieder der Lage nicht gewachsen waren und falsche Einschätzungen getroffen haben. Johnson habe die Einschätzungen von Wissenschaftlern als "Angstmacherei" abgetan.

Viele Regierungsmitarbeiter waren der Ansicht, wenn Johnson Konferenzen leitet, ist das hinderlich. Er hatte gesagt, Covid sei doch nur wie die Schweinepest. Und er hatte sich live im Fernsehen infizieren lassen wollen, um zu unterstreichen, dass Corona ungefährlich ist.
Vor dem britischen Parlament demonstrieren Gegner von Ex-Regierungsberater Cummings und bezeichnen ihn als einen Lügner. | AFP

Man kann nicht sagen, dass sich Cummings großer Beliebtheit erfreut. Auch Gegner des britischen premiers halten ihn für bösartig und für einen hartnäckigen Lügner. Bild: AFP

Vom Ideengeber zum erbitterten Gegner

Vertreter der Regierung werfen Cummings einen Rachefeldzug vor. Der Berater hatte bis zum Brexit-Referendum 2016 die Kampagne für den Austritt geleitet und war später von Johnson engagiert worden, als dieser Premierminister wurde. Ende 2020 war Cummings im Streit gegangen. Die beiden führen seit Wochen eine Auseinandersetzung um durchgestochene Informationen rund um die Renovierung von Johnsons Wohnung, die über 200.000 Pfund gekostet haben soll.

Cummings veröffentlicht seit Tagen Einzelheiten aus den ersten Monaten des Jahres 2020, die die unprofessionelle Arbeitsweise der Regierung belegen sollen. Auf seinem Twitter-Account hat er einen Thread mit Anschuldigungen und Fotos veröffentlicht, der mittlerweile 65 Einträge zählt.

Herdenimmunität und Windpockenpartys

Die Regierung habe die Anzeichen der sich ausbreitenden Pandemie nicht erkannt, sagte Cummings im Parlament. Im Februar 2020 seien noch viele Verantwortliche im Skiurlaub gewesen. Die Einschätzung der Regierung sei gewesen, einen Lockdown politisch nicht durchsetzen zu können. Johnson soll demnach auf eine Herdenimmunität gesetzt haben. Erst Ende Februar habe man erkannt, dass die vorbereiteten Krisenpläne unbrauchbar seien. Die Regierung habe zu spät zur Arbeit im Homeoffice aufgerufen und Pubs und Sportstätten zu lange offen gelassen.

Der damalige Spitzenbeamte Mark Sedwill habe Mitte März gesagt, Johnson solle die Bevölkerung zu Corona-Partys aufrufen, ähnlich wie Eltern Windpockenpartys für ihre Kinder veranstalten. Das sei offizieller Rat des Gesundheitsministeriums gewesen, behauptete Cummings und forderte den Rücktritt von Gesundheitsminister Matt Hancock: "Der Gesundheitsminister hätte für 15, 20 Dinge entlassen werden müssen - wegen zahlreicher Lügen am Kabinettstisch, aber auch öffentlich."

Johnson kontert mit seinen Erfolgen

In der Fragestunde des Parlaments, in der Premierminister Johnson sich den Anliegen der Abgeordneten stellt, griffen Politiker der Opposition die Vorwürfe von Cummings auf. Johnson verteidigte sich. Der Regierung sei es immer darum gegangen, Leben zu retten, das Gesundheitssystem NHS zu schützen und das Land durch die schlimmste Krise der vergangenen 100 Jahre zu führen. Außerdem verwies Johnson auf das erfolgreiche Impfprogramm der Regierung. Mehr als 57 Prozent aller Briten und Nordiren haben bereits eine erste Impfung erhalten.

Der Premiere versprach Aufklärung. Bereits vor Wochen ist ein Untersuchungsausschuss angekündigt worden, allerdings soll der erst im Frühjahr 2022 eingesetzt werden. Im Vereinigten Königreich sind bislang über 127.700 Personen an oder mit Corona gestorben. Das ist einer der höchsten Werte weltweit.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Mai 2021 um 12:32 Uhr.