Eine Spritze liegt an eine Ampulle mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca gelehnt. | AFP

Zweifel an AstraZeneca-Impfstoff WHO plädiert für Fortsetzung der Impfungen

Stand: 12.03.2021 22:54 Uhr

Aus Sorge vor Blutgerinnseln als Folge einer AstraZeneca-Impfung wollen mehrere Länder vorerst nicht mehr mit dem Vakzin impfen. Aus Sicht der WHO und der EMA ein Fehler. Auch Bundesgesundheitsminister Spahn hält an dem Wirkstoff fest.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich dafür ausgesprochen, weiter mit dem Wirkstoff von AstraZeneca gegen das Coronavirus zu impfen. Margaret Harris, Sprecherin der WHO betonte, es gebe keinen Grund, das Vakzin nicht einzusetzen.

Gegen den Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers waren Bedenken aufgekommen, nachdem sich bei einigen Personen, die mit dem Wirkstoff geimpft worden waren, Blutgerinnsel gebildet hatten. In einem Fall könnten die Gerinnsel sogar zum Tod geführt haben. Daraufhin hatte als erstes Dänemark angekündigt, die Impfungen mit dem Mittel vorerst auszusetzen. Norwegen und Island schlossen sich dieser Entscheidung an.

EU-weit wurden der Arzneimittelagentur EMA bis 10. März nach eigenen Angaben 30 Fälle von "thromboembolischen Ereignissen" bei fast fünf Millionen mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpften Menschen in der EU gemeldet. Nach Ansicht der Behörde sei das jedoch nicht mehr als statistisch zufällig und komme auch ohne Impfung in der Bevölkerung vor.

"Es gibt keinen Grund zur Sorge"

Dass einige Länder ihre Impfungen mit dem Vakzin von AstraZenca vorübergehend aussetzen, wertete Leif Erik Sander, Infektiologe an der Berliner Charité, als Vorsichtsmaßnahme. "Aktuell gibt es keinen Grund zur Sorge und wir können weiter impfen", sagte er im Interview mit den tagesthemen. Die Zahlen für Thrombosen lägen in einem Bereich, der auch in der Normalbevölkerung zu erwarten wäre. Auch bei Ungeimpften würden diese Erkrankungen ähnlich häufig vorkommen. "Es ist vielleicht so, dass einen zeitlichen Zusammenhang geben kann", sagte Sander. "Aber aktuell besteht eigentlich kein Grund zur Sorge, dass die Impfung dieses Ereignis ausgelöst hat."

Dass die WHO weiterhin am Vakzin von AstraZenca festhält, sei richtig, so Sander. Er verwies auf fünf Millionen AstraZeneca-Impfungen, bei lediglich 30 Fällen mit möglichen Nebenwirkungen. Das sei weniger als eine schwere Allergie auf 100.000 Impfungen. "Eigentlich weniger als bei anderen Impfungen", sagte Sander.

Trotz steigender Infektionen verhängt Bulgarien Impfstopp

Bulgarien will den Impfstoff dennoch vorübergehend nicht einsetzen, trotz wieder ansteigender Infektionszahlen in dem Land. Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität verzeichnete das Land mit rund 6,9 Millionen Einwohnern am Donnerstag gegenüber dem Vortag mehr als 3100 Neuinfektionen. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Bulgarien bezifferte das US-Institut mit 248,3. In 16 der insgesamt 28 bulgarischen Regionen wurden darum die Corona-Maßnahmen nochmals verschärft. Mittelschulen, Gymnasien und Hochschulen dürfen nur noch Fernunterricht abhalten, Theater und Kinos müssen schließen und geschäftliche Konferenzen oder Tagungen sind seit Freitag untersagt.

Trotzdem pocht der bulgarische Gesundheitsminister Kostadin Angelow auf eine klare Stellungnahme der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), bevor neben den Impfstoffen von BionTech und Pfizer sowie von Moderna auch das Vakzin von AstraZeneca wieder verabreicht werden soll.

EMA befürwortet weitere Nutzung des Wirkstoffes

Sowohl die EMA als auch die WHO haben genaue Untersuchungen angekündigt. Bislang, so betonen beide Institutionen, gebe es aber keine Hinweise darauf, dass ein Zusammenhang zwischen der AstraZeneca-Impfung und den Blutgerinnseln bestehe. Auch die EMA hatte bereits dazu aufgerufen, den Wirkstoff weiter einzusetzen, da die Vorteile des Impfstoffes gegenüber den Risiken überwiegen würden.

Eine Einschätzung, die in Deutschland sowohl das Paul-Ehrlich-Institut als auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn teilen. Spahn sagte, er bedauere es, dass einige Länder die Impfungen zeitweise eingestellt hätten. Gleichzeitig nehme die Bundesregierung die Meldungen über die Bedenken "sehr, sehr ernst". Es sei aber sehr wichtig, zwischen einem rein zeitlichen Zusammenhang zwischen einer Impfung und einer Thrombose und einem ursächlichen Zusammenhang zu unterscheiden.

Nach wie vor Unsicherheiten bei Impfstoff-Lieferungen

Beim Thema Impfen steht die Bundesregierung nach wie vor unter Druck. Zuletzt wurde gemeinsam mit den Bundesländern der Entschluss gefasst, dass spätestens ab der Woche vom 19. April an auch in Hausarztpraxen geimpft werden solle. Doch dafür braucht es genügend Impfdosen - und laut Spahn ist es bei einigen Herstellern noch nicht sicher, wie viel sie im kommenden Monat an die Bundesrepublik liefern können.

Am besten eingespielt habe sich die Planung mit den Konzernen BioNTech und Pfizer. Rund neun Millionen Impfdosen des gemeinsam entwickelten Vakzins haben die Unternehmen für April angekündigt. Und im gesamten zweiten Quartal sollen 40 Millionen der für Deutschland erwarteten 60 Millionen Impfdosen von den beiden Konzernen kommen.

Beim US-Hersteller Moderna und AstraZeneca steht die Planung laut Spahn noch nicht auf so sicheren Füßen. Auch mit Blick auf den Impfstoff von Johnson & Johnson, der am Donnerstag in der EU zugelassen worden war, ist offenbar noch Geduld gefragt. Zehn Millionen Impfdosen hat die Bundesregierung für das zweite Quartal bestellt. Doch die ersten Lieferungen des US-Herstellers seien wohl frühestens ab Mitte oder Ende April zu erwarten, so Spahn.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. März 2021 um 14:00 Uhr.

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Moderation 12.03.2021 • 19:03 Uhr

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