Reisende laufen mit ihren Koffern durch die Abflughalle des Flughafens in Düsseldorf, nachdem in Nordrhein-Westfalen Anfang Juni 2021 die Sommerferien gestartet sind. | dpa

Coronavirus EU-Kommissar glaubt an "starke Urlaubssaison"

Stand: 10.07.2021 12:43 Uhr

Urlaubsländer wie Spanien und Portugal kämpfen mit steigenden Corona-Zahlen. Trotzdem hält EU-Kommissar Gentiloni das Reisen im Sommer für möglich. In Deutschland schwankt die Stimmung zwischen Optimismus und Vorsicht.

Spanien, Portugal, die Niederlande, Großbritannien - in mehreren Ländern Europas nimmt die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus derzeit wieder zu. Trotzdem versucht die EU, möglichen Bedenken in Bezug auf eine Urlaubsreise entgegenzutreten.

"Wir müssen uns jetzt vor zu großer Aufregung hüten und Überreaktionen vermeiden", warnte EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Voraussetzungen seien andere als im vergangenen Jahr - dank der Impfungen. Dadurch, dass immer mehr EU-Bürger einen Impfschutz hätten, würden höhere Fallzahlen nicht "automatisch zu einer gefährlicheren Lage führen". Gentiloni glaubt an eine "starke Urlaubssaison".

Darum warnte er die EU-Mitgliedsstaaten auch davor, "einseitige, ungerechtfertigte Reisebeschränkungen" zu verhängen. "Einseitige Aktionen werden nur die Unsicherheit in Europa erhöhen."

Ganz Spanien gilt wieder als Risikogebiet

Erst am Freitag hatte Deutschland Spanien wieder komplett zum Risikogebiet erklärt - inklusive der beliebten Urlaubsziele Mallorca und den Balearen. Ab Sonntag soll zudem Zypern als Hochinzidenzgebiet gelten.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Spanien liegt mittlerweile wieder bei 179. Laut der Johns-Hopkins-Universität meldeten die Gesundheitsbehörden des Landes am Freitag mehr als 21.800 Neuinfektionen binnen eines Tages. Zu Beginn der Woche waren es sogar mehr als 32.600 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden.

Spanien hatte auf die neue Einstufung mit herber Kritik reagiert. Die Tourismusministerin Reyes Maroto betonte, Spanien sei nach wie vor ein "sicheres Reiseziel" und es sei falsch, dass einige Länder ihre Risikobewertung nur von den Inzidenzzahlen abhängig machten.

Frankreich ruft zum Impfen vor dem Reisen auf

Doch die Bundesregierung blickt nicht als Einzige mit Sorge auf die steigenden Infektionszahlen in Spanien. Auch der französische Staatssekretär für europäische Angelegenheiten, Clément Beaune, warnte davor, im Sommerurlaub nach Spanien oder Portugal zu reisen. Ganz so weit ging Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian zwar nicht, doch aus seiner Sicht sollten nur Franzosen in diese beiden Länder reisen, die bereits gegen das Coronavirus geimpft seien.

Auch Portugal kämpft bereits seit Wochen wieder mit steigenden Infektionszahlen, vor allem wegen der Ausbreitung der Delta-Variante. Schon Mitte Juni ergriff das Land aus diesem Grund massive Vorsichtsmaßnahmen und riegelte die Hauptstadt Lissabon über die Wochenenden ab. Deutschland stufte Portugal darum Ende Juni als Virusvariantengebiet ein, mittlerweile gilt es als Hochinzidenzgebiet.

Täglich wieder Zehntausende Fälle in Großbritannien

Neben Spanien und Portugal verzeichnet im europäischen Raum vor allem Großbritannien seit Mitte Juni wieder stark zunehmende Ansteckungen. Den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität zufolge überschritt der Wert der täglichen Neuinfektionen vor rund drei Wochen erstmals wieder die Marke von 10.000 im Vereinigten Königreich. Zuletzt meldete die britische Regierung am Freitag mehr als 35.700 neue Fälle binnen 24 Stunden.

Warnung vor zu frühem Aus der Maßnahmen

Entwicklungen, die auch bei einigen deutschen Politikern die Bedenken schüren, im Kampf gegen die Coronakrise zu früh Entwarnung zu geben. "Die Pandemielage erscheint derzeit entspannt. Das ist ein Trugschluss", hatte die niedersächsische Gesundheitsministerin Daniela Behrens erst am Freitag in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" gewarnt. Sie rechne mit einer vierten Welle und verweist darauf, dass auch im vergangenen Sommer das Infektionsgeschehen zunächst etwas zurückgegangen war.

Und gerade mit Blick auf die Reisen in den Sommermonaten müsse man abwarten, "wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt, wenn alle aus dem Urlaub wieder da sind, wenn die Delta-Variante in ganz Europa die vorherrschende Variante ist".

Auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht sprach sich im Gespräch mit der "Augsburger Allgemeinen" gegen ein zu frühes Aus für sämtliche Corona-Maßnahmen in Deutschland aus. "Die Pandemie ist noch nicht überstanden", betonte die SPD-Politikerin. Mithilfe der Impfungen müsse weiterhin das Ziel einer Herdenimmunität angestrebt werden. Doch Lambrecht verwies auch auf Risikogruppen wie Menschen mit Vorerkrankungen, die sich nicht impfen lassen könnten. Gleiches gelte für Kinder unter zwölf Jahren, da für sie bislang kein Vakzin zugelassen sei.

Einen Alltag ohne Maske und Mindestabstand kann sich auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek nicht so bald vorstellen. Diese Maßnahmen würden "auch noch zum Schuljahresbeginn" gelten, sagte er gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Dass Menschen gerade im Sommer in "schon lange ausgewählten Urlaubsziele fahren wollten", sei verständlich. Doch der CSU-Politiker fügte hinzu: "Jede und jeder muss sich einfach gut überlegen, welche Konsequenzen das haben kann - bis hin zur Quarantäne bei der Rückkehr."

Die Hoffnung auf ein zeitnahes Ende der Pandemie

Deutlich mehr Optimismus verbreitete da vor einigen Tagen Bundesaußenminister Heiko Maas. Sobald allen Menschen in Deutschland ein Impfangebot gemacht werden konnte, gibt es aus seiner Sicht keine rechtliche und politische Rechtfertigung mehr für ein Fortbestehen der Corona-Einschränkungen. Und das könnte bereits im August der Fall sein. Allerdings kam von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sofort Widerspruch: Bis August könnten noch nicht alle durchgeimpft sein. Konkrete Zeitpunkte, wann welche Auflagen aufgehoben werden könnten - aus Sicht des CDU-Politikers schwierig.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher zeigt sich da etwas geduldiger, doch auch er glaubt an einen absehbaren Schlussstrich unter der Krise: "Ich denke, wir werden die Pandemie dieses Jahr hinter uns lassen." Im Gegensatz zu Niedersachsens Gesundheitsministerin Behrens verweist er auf das, was sich seit dem vergangenen Sommer verbessert habe. Es gebe Impfstoffe, die auch gegen die Virusvarianten Schutz böten. Es gebe umfassende Teststrategien, um Infektionsketten schnell erkennen und unterbrechen zu können.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Juli 2021 um 09:50 Uhr und 12:00 Uhr.