Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens macht bei einer Frau einen Antigen-Test für den Zugang zum Cruilla-Musikfestival in Barcelona. | dpa

Idee der spanischen Regierung Die "Grippalisierung" der Corona-Pandemie

Stand: 12.01.2022 12:13 Uhr

Trotz Rekordwerten bei den Neuinfektionen will die spanische Regierung die Corona-Pandemie gern wie eine reguläre Krankheit behandeln. Mediziner warnen vor einer Bagatellisierung.

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Im Vormittagsprogramm des Staatsfernsehens werden Tag für Tag neue Rekordwerte verkündet: Die 14-Tage Inzidenz, die in Spanien der übliche Vergleichsmaßstab ist, liegt bei ungefähr 3000, sagt der Moderator. Die Regierung denke an eine neue Strategie, an die "Grippalisierung". Dabei gehe es darum, Corona zu behandeln, wie die Grippe - als wiederkehrende Krankheit.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Gesundheitsschutz und Wirtschaft in Einklang bringen

Es gehe auch darum, Gesundheitsschutz und Wirtschaft miteinander in Einklang zu bringen, sagt Ministerpräsident Pedro Sanchez - er argumentiert, die Sterblichkeit sei in der aktuellen Coronawelle erheblich niedriger als in früheren. Sie liege bei einem Prozent - gegenüber dreizehn Prozent in zuvorigen.

Der Ministerpräsident sagt, ein Strategiewechsel müsse vorbereitet werden - doch viele Expertinnen und Experten in Spanien halten das für ziemlich forsch. In neun der siebzehn autonomen Gemeinschaften ist die höchste Warnstufe für die Belastung der Intensivstationen überschritten: Mehr als ein Viertel der Betten sind mit Covid-Patienten belegt - und wegen der vielen Infektionen sind auch bei Omikron so viele schwere Fälle dabei, dass die Stationen volllaufen, sagt Intensivmediziner José Guerrero. Auch die allgemeine Belastung der Krankenhäusern sei in den vergangenen Wochen extrem gestiegen, viele verschiebbare Operationen würden komplett abgesagt.

Krankenschwestern kümmern sich um einen Covid-19-Patienten im Basurto-Krankenhaus in Bilbao (Spanien). | EPA

Die Stationen in vielen Krankenhäusern laufen voll. Auch die allgemeine Belastung der Krankenhäuser ist in den vergangenen Wochen extrem gestiegen, viele verschiebbare Operationen wurden komplett abgesagt. Bild: EPA

"Grippalisierung" verharmlose Corona

Die Virologin Margarita del Val, von der angesehenen staatlichen Forschungseinrichtung CSIC, findet, die Idee mit der "Grippalisierung" komme ziemlich früh. Die Welle sei noch lange nicht vorbei, der Höchststand auch an Todeszahlen erst in drei Wochen zu erwarten.

Andere Experten sehen es genauso: Jetzt schon von "Grippalisierung" zu sprechen, bagatellisiere die Krankheit. Wer mit beidseitiger Lungenentzündung durch die Omikron-Variante auf die Intensivstation komme, der sei genauso übel dran, wie Patienten bei früheren Corona-Varianten, sagt Intensivmediziner Guerrero.

Spannbreite von Schutzmaßnahmen

Die einzelnen autonomen Gemeinschaften reagieren nach wie vor recht unterschiedlich auf die steigenden Fallzahlen. In Katalonien gilt wieder eine nächtliche Ausgangssperre, Asturien hat die Bewirtung in Innenräumen verboten, in einigen Regionen gilt bei manchen Aktivitäten 2G.

In der Hauptstadt Madrid dagegen sind im Alltag kaum Einschränkungen zu spüren, abgesehen von einer allgemeinen Maskenpflicht - bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von deutlich über 1000. Zumindest gefühlt ist hier alles schon längst "grippalisiert".

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Januar 2022 um 12:10 Uhr.