Spritzen mit Impfstoffen gegen Covid-19 und die Grippe in Spanien | dpa

Corona in Spanien Es geht auch ohne Impfpflicht - noch

Stand: 21.11.2021 01:33 Uhr

Lange Zeit hat sich die deutsche Politik gegen eine Corona-Impfpflicht gewehrt. Jetzt soll sie für Pflegepersonal doch kommen, wie auch in anderen EU- Staaten. Spanien macht vor, wie es auch ohne geht.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Eine Impfpflicht für Beschäftigte in Krankenhäusern und Altenheimen? Rosa Goméz blickt irritiert. "Warum soll das nötig sein?", fragt die Krankenschwester. Sie arbeitet im Gesundheitszentrum von Carabanchel, einem der südlichen Stadtbezirke von Madrid. "Die Impfquote unter meinen 90 Kollegen liegt bei 100 Prozent", erzählt sie. "Aber sie haben sich nicht impfen lassen, weil es eine Pflicht gewesen wäre - nein, aus Überzeugung, aus Verantwortung ihren Kollegen und den Patienten gegenüber."

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid

Dass es tatsächlich Beschäftigte in Gesundheitsberufen gibt, die sich gegen die Corona-Impfung aussprechen, kann Rosa Gómez kaum glauben. Als sie hört, dass in manchen deutschen Altenheimen die Impfquote der Mitarbeiter unter 50 Prozent liegt, versteinert sich ihre Miene.

Gesundheitssystem weitgehend durchgeimpft

In Spanien sind 98 Prozent des Krankenhauspersonals vollständig geimpft sowie etwa 90 Prozent der Altenpflegerinnen und -pfleger. Sie waren es, die den dramatischen Beginn der Pandemie hautnah miterleben mussten: die völlig überfüllten Kliniken in Spanien und die Altenheime, in denen reihenweise alte Menschen starben. Das Viertel von Rosa Gómez war besonders hart getroffen: Der Süden von Madrid hatte zeitweise die höchsten Infektionenszahlen von ganz Spanien.

"Es war schrecklich. Diese Hilflosigkeit, diese Verletzlichkeit, der wir im Gesundheitszentrum ausgesetzt waren. Es fehlten Masken, es fehlte Schutzkleidung", berichter Gómez. "Uns war klar, dass der einzige Ausweg aus diesem Drama die Impfung ist. Damit wir uns wieder mit anderen treffen können, uns sicher im Alltag fühlen und an unserem Arbeitsplatz. Und genauso kam es auch."

Ziel auch ohne Zwang erreicht

Die Spanierinnen und Spanier haben sich in Scharen impfen lassen, um ihr altes Leben zurück zu bekommen. Rund 80 Prozent der Über-Zwölfjährigen haben den vollständigen Impfschutz. Und das habe man ohne Pflicht, ohne Zwang oder besondere Anreize erreicht, erklärt der Präventivmediziner José Jonay Ojeda aus Madrid: "Vor allem die gute epidemiologische Lage im Frühsommer hat dazu geführt, dass die Debatte, ob die Impfung verpflichtend sein sollte oder freiwillig bleibt, nie so richtig an Fahrt aufgenommen hat."

Doch im Laufe des Sommers 2021 verschlechtern sich die Zahlen auch in Spanien: Vor allem junge Menschen, ganze Schulklassen, infizierten sich auf Abschlussfahrten mit dem Virus - weil sie bisher nicht geimpft waren. Dazu geriet die Impfkampagne auch unter Älteren etwas ins Stocken: Viele fuhren lieber in den Urlaub, als den zweiten Impftermin wahrzunehmen. Einige Politiker hatten die Sorge, dass die Lage kippen könnte - zum Beispiel Miguel Ángel Revilla, der Präsident der Regionalregierung von Kantabrien im Norden Spaniens.

Trotzdem Überlegungen über Impfpflicht

"Ich habe Ministerpräsident Sánchez darum gebeten, einen legalen Weg zu suchen, um eine Impfpflicht durchzusetzen", sagte Revilla im August. "Auch wenn es in Spanien kaum Impfskeptiker gibt, können sie das Leben derjenigen erschweren, die sich impfen lassen und von der Wirkung überzeugt sind. Die Gesellschaft kann nicht zulassen, dass einige wenige uns in Gefahr bringen."

Der kantabrische Regionalpräsident hat vor ein paar Tagen nachgelegt: Seiner Ansicht nach sollte notfalls das Militär dafür eingespannt werden, um eine Impfpflicht auch durchzusetzen. Mit solch deutlichen Worten steht Miguel Ángel Revilla bisher so gut wie allein in Spanien da.

Die Zentralregierung in Madrid bleibt bei ihrer Haltung, dass die Impfung freiwillig sein sollte. Auch wenn die Infektionszahlen wieder steigen, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei etwa 60. Präventivmediziner José Jonay Ojeda spricht sich dafür aus, nun gezielt auf diejenigen zuzugehen, die bisher nicht geimpft sind und sie noch von der Impfung zu überzeugen: "Ich glaube, wenn wir gleich mit der Idee einer Impfpflicht um die Ecke kommen, bevor wir nicht alles versucht haben, die Menschen von sich aus zum Impfen zu bewegen, könnte das die Gruppe der Impfkritiker stärken. Daher sollten wir vorher alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen, bevor wir eine Pflicht ins Spiel bringen."

Booster-Impfungen notwendig

Kürzlich erst schrieben Mediziner in der Fachzeitschrift "The Lancet", dass Spanien beste Chancen habe, bald die Herdenimmunität zu erreichen - wegen der erfolgreichen Impfkampagne. Allerdings heben die Autoren auch hervor, dass der positive Trend mit den Booster-Impfungen gefestigt werden müsse.

Spanien boostert schon fleißig: Allein in der vergangenen Woche haben die Gesundheitsbehörden fast eine Million Drittimpfungen verabreicht. Kümmern müssen sich die Spanierinnen und Spanier um ihre Booster nicht selbst: Sie bekommen einen Terminvorschlag von den zuständigen Behörden per SMS oder WhatsApp-Nachricht aufs Handy. Es ist das unkomplizierte Modell, nach dem das Land auch schon die vielen Erst- und Zweitimpfungen organisiert hat.

Krankenschwester Rosa Gómez erzählt, dass in ihrem Gesundheitszentrum in Carabanchel so gut wie niemand den Booster-Termin nicht wahrnimmt. Alle kämen - und das ohne Verpflichtung. "Wenn wir Ihnen die Spritze verpassen, lächeln fast alle Patienten und bedanken sich bei uns für die Impfung."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. November 2021 um 18:21 Uhr.