In einem Café in Luzern (Schweiz) sitzen zahlreiche Besucher.

Lockdowns in Nachbarstaaten Wo trotz hoher Zahlen gelockert wird

Stand: 28.04.2021 17:48 Uhr

In Nachbarstaaten wie der Schweiz, Frankreich oder den Niederlanden sind die Inzidenzwerte ähnlich hoch wie in Deutschland, teils sogar höher. Dennoch geht man dort schon zu Lockerungen über. Ein Überblick.

Schweiz: Wie auf einem anderen Planeten

Wer aus Deutschland oder Frankreich in die Schweiz kommt, kann sich fast schon wie auf einem anderen Planeten fühlen - die Terrassen von Cafés und Restaurants sind voll. Auch der Besuch von Kino, Theater und Konzerten ist wieder erlaubt, jedenfalls für maximal 50 Menschen im Publikum. Sogar in Fitnessstudios darf seit dem 19. April wieder geschwitzt werden.

Bei ungefähr gleich hoher Inzidenz wie in Deutschland - aktuell knapp über 165 - hat die Schweiz anders entschieden: statt Notbremse Vollgas bei den Öffnungen. Und das, obwohl die wissenschaftliche Taskforce, die die Regierung in der Coronapolitik berät, von Lockerungen abgeraten hatte und obwohl ursprünglich von der Regierung festgelegte Richtwerte überschritten waren - zum Beispiel bei Fallzahlen und R-Wert. Aber der Druck aus der Wirtschaft war groß.  

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit bezeichnete die Pandemielage am Dienstag als "beruhigend". Es gebe eine gewisse Stabilisierung bei der Zahl der Neuinfektionen und auch den Krankenhauseinweisungen. Allerdings ist es noch zu früh, um die Auswirkungen der Lockerungen zu erkennen. Kathrin Hondl, ARD-Studio Zürich

Frankreich: Mehr Freiraum mit Einschränkungen

In Frankreich wird ab 3. Mai langsam wieder gelockert. Dann dürfen sich die Menschen zumindest tagsüber wieder frei bewegen und nicht nur im Umkreis von zehn Kilometern um ihren Wohnort. Dann fallen auch die Reisebeschränkungen von einer Region in die andere weg. Das heißt, dass die Menschen auch innerhalb des Landes wieder reisen dürfen. Was wohl erst mal bleiben wird, ist die Ausgangssperre, abends ab 19 Uhr. Präsident Emmanuel Macron hat zwar Hoffnung gemacht, dass die ein bisschen weiter nach hinten verlegt werden könnte, aber wann das sein sollte, ist unklar. Details will Macron am kommenden Freitag bekanntgeben.

Mitte Mai sollen dann die Terrassen der Cafés und Restaurants aufmachen dürfen, auch einige Kulturstätten und die Geschäfte, die nicht lebensnotwendige Ware verkaufen - zuerst wahrscheinlich erst einmal die kleinen Einzelhändler. Der genaue Fahrplan aber ist noch nicht bekannt. Details will Macron am kommenden Freitag bekanntgeben.

Es soll aber geöffnet werden, obwohl die Zahlen sehr hoch sind. Die Inzidenz liegt bei über 300 und das Virus zirkuliert im ganzen Land. Trotzdem kann man die Inzidenz in Frankreich nur schwer mit der in Deutschland vergleichen. In Frankreich werden rund 3,5 Millionen Tests pro Woche durchgeführt, in Deutschland sind es wesentlich weniger.

Frankreich gilt für Deutschland weiter als Hochinzidenzgebiet. So lange das so ist, müssen deutsche Touristen, wenn sie aus Frankreich kommen, einen negativen Corona-Test vorlegen. Der darf nicht älter als 48 Stunden sein. Über mögliche Quarantäneregeln entscheiden die Bundesländer. Bei der Einreise nach Frankreich aus einem anderen EU-Land gilt schon seit einigen Wochen: Es muss ein negativer PCR-Test vorhanden sein, der maximal 72 Stunden alt sein darf. Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Italien: Ab Gelb geht mehr

In Italien steht die Ampel fast im ganzen Land auf gelb, mit Ausnahme von ein paar Regionen in Süditalien. Das heißt: Bars und Restaurants dürfen seit Wochenbeginn wieder Gäste empfangen - im Außenbereich und bis maximal 22 Uhr. Auch Theater, Kinos und Museen sind für eine begrenzte Zahl an Besuchern. Die Menschen dürfen auch wieder ans Meer fahren, die Strände sind offen, ebenso die Geschäfte. Diese Lockerungen seien ein vertretbares Risiko, sagt die Regierung in Rom, weil die Infektionszahlen zurückgingen.

Derzeit liegt die Inzidenz in Italien bei rund 150, also etwas niedriger als in Deutschland. Allerdings bleibt die seit einem halben Jahr geltende nächtliche Ausgangssperre in Kraft, um 22 Uhr müssen weiterhin alle in Italien nach Hause. Mit zu schnellen Öffnungen hat das Land auch schlechte Erfahrungen gemacht. Sardinien war im März weiße Zone, fast alles war offen. Dann schoss die Infektionskurve nach oben, jetzt ist Sardinien tiefrot und alles wieder geschlossen. Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Dänemark: Eine App erleichtert Öffnungen

Dänemark macht schon seit Anfang April schrittweise auf, und dabei spielt eine App eine wichtige Rolle: Dieser Corona-Pass zeigt nämlich an, ob der Besitzer bereits geimpft ist, gerade negativ getestet wurde oder bereits erkrankt war. Und dann ist die App wie eine Eintrittskarte für den Friseur, Restaurants und Museum - man muss sie immer einmal vorzeigen und darf dann rein. Viele Restaurants finden das umständlich, vor allem, weil die Gäste mindestens 30 Minuten vorher Tische reservieren müssen, und manche Fast-Food-Ketten bieten deshalb nur Außer-Haus-Verkauf an. Auch bei Fußballspielen sind inzwischen wieder 500 Zuschauer erlaubt - aber auch nur, wenn sie den Pass vorweisen können.

Die Schulen öffnen schrittweise auch wieder und Ende Mai soll dann das Leben relativ normal sein, immer im Verbindung mit dem Corona-Pass. Die Zahl der Neuinfektionen ist in Dänemark im Moment halb so hoch wie in Deutschland. Die dänischen Behörden beobachten diese Zahlen weiterhin und betonen, dass sich der Plan natürlich immer verändern kann und dass sie regional gegebenenfalls auch wieder Öffnungen zurücknehmen müssen. Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Niederlande: Lockerungen trotz Warnungen

In den Niederlanden ist nach drei Monaten die nächtliche Ausgangssperre am Morgen zu Ende gegangen. Außerdem dürfen Restaurants und Kneipen draußen wieder Gäste empfangen, allerdings nur von 12:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Und Geschäfte können ihre Kunden unter Auflagen ab sofort ohne Terminabsprache bedienen.

Die Lockerungen kommen nach Ansicht einiger Virologen zu früh. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt landesweit bei etwa 320 und ist damit doppelt so hoch wie in Deutschland. Die Prognosen aber seien positiv, sagt Premier Mark Rutte. Deshalb hält er die Risiken, die die Lockerungen mit sich bringen, für verantwortbar.

Die Reisebeschränkungen für Touristen und Tagesausflügler bleiben übrigens bestehen. Deutsche, die in die Niederlande einreisen, brauchen einen aktuellen Corona-Test. Bei längeren Aufenthalten müssen sie zudem für mindestens fünf Tage in Quarantäne. Ludger Kazmierczak, WDR-Studio Kleve

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. April 2021 um 20:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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redfan96 28.04.2021 • 23:20 Uhr

Dieses Kleben an der Inzidenz

Dieses Kleben an der Inzidenz in D ist einfach indiskutabel. Neuestes Beispiel Helgoland, 0 Covid-Fälle seit der 1. Welle und müssen wg. dieser "sinnvollen" Bundesbremse alles dicht machen und Ausgangssperre gibt es auch. Warum? Weil sie verwaltungstechnisch zu Pinneberg gehören und da war heute die Inzidenz über 100. In diesem Fall wünsche ich mir den Spirit der Insulaner zurück, alles etwas anders zu machen. Hier zeigt sich wirklich die ganze Absurdität der sogen. "Notbremse". Unsere Nachbarländer sind alle viel realistischer im Umgang mit den Inzidenzen. Sie nehmen den Leuten die Angst, fachen sie nicht noch an. Wo sind denn die Zahlen, die uns noch vor Ostern prognostiziert wurden? 200 nach Ostern, 500 Ende April /Anfang Mai. Ich sehe keine Exponentialfunktion in der Kurve, eher ein Hochplateau. Eine Inzidenz von 100 bedeutet, dass 1 von 1000 infiziert ist, aber nicht notwendigerweise erkrankt. Wo zählt man denn die Leute, die wg. des DauerLD wi. und psych. am Ende sind?