Zwei ältere Frauen in der Fußgängerzone in Kopenhagen | dpa

Corona-Beschränkungen fallen Gemischte Gefühle in Dänemark

Stand: 01.02.2022 09:23 Uhr

Es wirkt paradox: Trotz einer Inzidenz von 5000 hebt Dänemark alle Corona-Restriktionen auf. Viele Dänen sind froh, andere warnen - etwa vor einem drohenden Personalmangel in Kitas.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Eine sichtlich gerührte Ministerpräsidentin bedankte sich bei den Menschen in Dänemark. Zwei anstrengende Jahre seien jetzt vorbei, weil so viele Menschen in der Corona-Krise Verantwortung gezeigt hätten, sagte die Sozialdemokratin Mette Frederiksen: "Wir sagen auf Wiedersehen zu den Einschränkungen und willkommen zu dem Leben, wie wir es vor Corona kannten."

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Ab heute dürfen die Däninnen und Dänen sich wieder ohne Mundschutz anlächeln, in Nachtclubs feiern und in ausverkauften Stadien jubeln. Die meisten im Land sind begeistert. "Wir werden jetzt alle Corona bekommen, so wie früher einen Schnupfen, und dann ist es bald vorbei", freut sich ein Mann. Ein Frau sagt: "Es wird super schön. Und es ist an der Zeit. Die Leute haben sich danach gesehnt. Es ist toll!" 

"Es wird schön ohne Restriktionen, aber man muss befürchten, dass es sehr viele Kranke geben wird und dass die Schulen und Krankenhäuser darunter leiden", lautet ein Einwand. Genau das passiert bereits, Kindergarten-Leiterin Cecilie Dalgaard fehlt seit Wochen Personal.

Viele Ausfälle beim Personal

Ihr Dienstplan ist ein reiner Flickenteppich, an manchen Tagen waren nur drei von 20 Mitarbeitenden arbeitsfähig. Jetzt das Land zu öffnen, sorge doch für noch mehr Kranke, fürchtet sie. "Kein Politiker hört uns zu, niemand nimmt das ernst, und das ist sehr frustrierend. Wir stehen da mit den weinenden Eltern und Mitarbeitenden. Das ist wirklich nicht lustig."

Die 70 Kinder der Einrichtung - die jüngsten sind zehn Monate alt - bräuchten feste Bezugspersonen und nicht ständig wechselnde Aushilfskräfte. Trotzdem bleibt der Pädagogin Dalgaard nichts anderes übrig, als wahllos Personal zu rekrutieren: "Ich frage Leute: Habt ihr was zu tun? Sonst helft uns, auf die Kinder aufzupassen. Ich habe fremde Menschen eingestellt, die ich auf Facebook gefunden habe. Das ist doch kein pädagogisches Angebot. Das ist einfach nur grobe Betreuung."

Drohender Personalmangel auch in anderen Bereichen

Die Sorge der Kita-Leiterin, dass es noch schlimmer werden könnte, ist berechtigt. Auch Vertreter der dänischen Gesundheitsbehörde rechnen mit weiter steigenden Infektionszahlen durch Omikron, der Peak sei noch nicht erreicht. Mehrere Verbände und Gewerkschaften schlagen Alarm, denn der Personalmangel in wichtigen Bereichen könnte zu einem ernsthaften Problem werden. Die dänische Handelskammer rechnet vor, dass in den kommenden Wochen schlimmstenfalls jeder zehnte Arbeitnehmer ausfallen könnte. 

Bei Omikron habe man sich zum ersten Mal entschlossen, eine Durchseuchung in Kauf zu nehmen, so Jens Lundgren, Professor für Infektionskrankheiten: "Wir haben erstmals in der Pandemie eine natürliche Entwicklung einer Virusvariante in der Bevölkerung zugelassen. Alle bisherigen Wellen erreichten ihren Höhepunkt während der Beschränkungen und wurden durch diese gestoppt. Im Fall von Omikron konnte sich die Variante in der gesamten Bevölkerung ungehindert ausbreiten."

Noch vor knapp zwei Wochen lag der Inzidenzwert bei etwa 3000, inzwischen wurde die 5000er-Marke erreicht. Gleichzeitig rechnete der dänische Gesundheitsminister vergangene Woche vor, habe sich die Zahl der Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen seit Anfang Januar halbiert.

Eine Entwicklung, die Thomas Benfield vom Hvidovre Hospital in Kopenhagen bestätigen kann: "Es ist paradox: Wir haben einerseits die Rekord-Infektionszahlen, aber die Hälfte der Infizierten ist nur mit und nicht wegen Corona hier. Und die anderen sind nicht so schwer krank wie früher. Daher ist der Druck auf unsere Krankenhäuser viel geringer."

Mediziner wenig besorgt über Langzeitfolgen

Innerhalb eines Monats hatte sich zuletzt jeder zehnte Däne infiziert. Gleichzeitig zeigt sich der Mediziner wenig besorgt über mittelfristige Effekte der hohen Durchseuchung. Benfield befürchtet nicht viele Fälle von Long Covid. "Man könnte vermuten, dass viel mehr Leute Spätfolgen bekommen, weil es so viele Infektionen gibt. Andererseits gibt es ja auch viele, die sehr leichte Symptome haben, was gegen Spätfolgen spricht."

Laut der dänischen Gesundheitsbehörde haben rund vier von fünf Dänen bereits eine hohe Immunität entwickelt. Deshalb könne man nun Corona auch nicht mehr als gesellschaftskritische Krankheit einstufen, was in Dänemark die rechtliche Grundlage für Einschränkungen ist.

Für Dälgor sind das nur Zahlen. Ihr Alltag im Kindergarten sei ein Albtraum, der nicht endet: "Das ist mit das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Und wenn ich daran denke, dass es so weitergeht und wir wieder einfach im Stich gelassen werden, bin ich mir nicht sicher, ob ich in diesem Beruf bleiben will."

Doch nun kehrt sie erstmal in ihren Kindergarten zurück - nachdem sie selbst in häuslicher Quarantäne eine zweite Corona-Infektion auskuriert hat.

 

 

 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Februar 2022 um 07:22 Uhr.