Eine Frau geht in Riga an einem mobilen Impfbus vorbei | REUTERS

Steigende Corona-Zahlen Lettland zieht die Notbremse

Stand: 19.10.2021 17:39 Uhr

Die baltischen Staaten sind derzeit Europas Corona-Hotspot. Nirgendwo ist die Zahl der Infizierten so hoch, hinzu kommen niedrige Impfraten. Lettland geht am Donnerstag in einen Lockdown.

Von Sophie Donges, ARD-Studio Stockholm 

Im Foyer des Universitätskrankenhauses in Riga schweißen Handwerker Rohre zusammen, andere schieben immer neue Krankenhausbetten in die Halle, in der bald Patienten untergebracht werden sollen. Diese Bilder zeigt das lettische Fernsehen. Mitten in der Halle steht Chefärztin Eva Strike. Noch nie seit Beginn der Pandemie war die Lage so angespannt wie jetzt, so die Medizinerin. Es fehle vor allem an Personal: "Schwer zu sagen, was jetzt kommt. Vielleicht müssen die Familien sich bald selbst um die Patienten kümmern oder Freiwillige."

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Sie könne nicht sagen, wie viele Helfer sie brauchen werden. "Ich hoffe, die Gesellschaft macht mit und wir werden die Pandemie bald los. Und zwar, bevor wir hier entscheiden müssen, wer welche Behandlung bekommen kann und wer nicht. Das ist die sogenannte rote Grenze."

Das Leben ein paar Wochen anhalten

Von Donnerstag an gelten in Lettland umfangreiche Einschränkungen - die strengsten seit Beginn der Pandemie. So gut wie alle Geschäfte schließen, es wird eine Ausgangssperre für den Abend und die Nacht verhängt. Veranstaltungen müssen abgesagt werden. Nach einer langen Sitzung trat die lettische Regierung gestern Abend vor die Presse.

Das Zentrum der Rigaer Altstadt. | picture alliance / Bildagentur-o

Geschlossene Geschäfte, keine Veranstaltungen: So wie hier wird das Straßenbild in Riga vorerst nicht aussehen. Bild: picture alliance / Bildagentur-o

"Für die Maßnahmen entschuldige ich mich bei den Menschen in Lettland, die für sich, ihre Verwandten und die Gesellschaft Verantwortung übernommen haben und geimpft sind", sagte Gesundheitsminister Daniels Pavluts. "Wir, die Regierung sind schuld daran, dass noch zu wenige Menschen geimpft sind. Deshalb müssen wir Sie bitten, ihr Leben für ein paar Wochen anzuhalten, damit wir nicht das Schlimmste erleben müssen."

Nur knapp die Hälfte der Menschen ist durchgeimpft

Lettland und die anderen baltischen Staaten stehen ganz oben im europäischen Vergleich bei den Neuinfektionen. In Lettland liegt die Sieben-Tage-Inzidenz laut den Zahlen der Johns Hopkins-Universität bei 767,3, knapp 2900 Todesfälle wurden bislang registriert. In allen drei Ländern sind die Impfquoten unterdurchschnittlich. Lettland steht am schlechtesten da, nur knapp die Hälfte der Menschen dort verfügt über einen vollständigen Impfschutz. Und das, obwohl die Regierung schon im Sommer eine Impfpflicht für bestimmte Gruppen eingeführt hatte - im Gesundheitswesen oder im Bildungssektor zum Beispiel.

Arturs Silovs ist Leiter der jungen Ärzte Vereinigung und kritisiert die Regierung: "Der Lockdown ist jetzt keine Überraschung, aber alles kommt viel zu spät, auch die Pflichtimpfung. Im Moment können wir nichts tun. Wir müssen damit leben." 

"Maßnahmen nicht logisch"

In Litauen gibt es Regionen, in denen nur jeder Dritte fertig geimpft ist. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Corona-Politik sei ein Grund für die schlechten Zahlen, so Rimas Jankunas, Wissenschaftler an der Universität in Kaunas. "Eine Umfrage neulich zeigte, dass die Mehrheit der Litauer die Politik der Regierung kritisiert. Die Maßnahmen erscheinen den Menschen nicht logisch, zum Beispiel die Maskenpflicht oder dass man ohne Impfpass einen großen Supermarkt nicht mehr betreten darf."

Kritisch seien vor allem die Minderheiten in den Ländern, heißt es aus Lettland und Litauen. Die müssen nun schnell überzeugt werden, sagen Mediziner. Ein Lockdown sei nur kurzfristig die Antwort auf die hohen Infektionszahlen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 19. Oktober 2021 um 17:20 Uhr.