Greta Thunberg hält eine Rede bei der Großdemo am Rande der UN-Klimakonferenz in Glasgow. | dpa

Thunberg bei Klimaprotest "Dies ist jetzt ein Greenwashing-Festival"

Stand: 05.11.2021 18:57 Uhr

In den Hallen der Klimakonferenz ringen Entscheidungsträger über Wege und Mittel, die Erderwärmung zu verlangsamen. Gleichzeitig wirft ihnen Klimaaktivistin Thunberg draußen vor Tausenden Demonstranten Tatenlosigkeit vor.

Auf einer Großdemonstration am Rande der Weltklimakonferenz in Glasgow hat Klimaaktivistin Greta Thunberg der internationalen Gemeinschaft Tatenlosigkeit im Kampf gegen den Klimawandel vorgeworfen. Es sei kein Geheimnis, dass die COP26 versage, sagte die Schwedin am Freitag auf dem George Square im Zentrum der schottischen Großstadt. "Es sollte klar sein, dass wir eine Krise nicht mit denselben Methoden lösen können, die uns überhaupt erst hineingebracht haben."

Den Staats- und Regierungschefs warf die 18-Jährige vor, ganz bewusst darauf hinzuarbeiten, den Status quo zu erhalten und weiterhin Menschen und Natur auszubeuten sowie künftige Lebensbedingungen zu zerstören. "Die Anführer tun nicht nichts - sie schaffen aktiv Schlupflöcher und gestalten Rahmenbedingungen, um sich selbst zu nützen und weiterhin von diesem destruktiven System zu profitieren."

Die Weltklimakonferenz habe sich zu einer PR-Veranstaltung entwickelt, während sich die Regierungen der wohlhabenderen Länder weiterhin weigerten, drastische Klimamaßnahmen zu ergreifen. "Es scheint, dass ihr Hauptziel ist, weiter für den Status quo zu kämpfen", sagte Thunberg, um eine Kritik zu wiederholen, die sie bereits am Vortag via Twitter geäußert hatte: "Dies ist nicht länger eine Klimakonferenz. Dies ist jetzt ein Greenwashing-Festival des globalen Nordens, eine zweiwöchige Feier des Business as usual und des Blablabla."

Sie prangerte an, dass es bereits 26 solcher Klimakonferenzen gegeben habe. "Doch wohin haben sie uns geführt? Mehr als 50 Prozent aller CO2-Emissionen sind seit 1990 ausgestoßen worden, ein Drittel seit 2005."

Tausende Teilnehmer bei Demonstration

An der Demonstration, auf der Thunberg sprach, nahmen Tausende Menschen teil. Sie fordern sofortiges Handeln gegen die Klimakrise. Auf Plakaten waren Slogans zu lesen wie "Kapitalismus killt den Planeten", "Handelt jetzt!" und "Die Dinosaurier dachten auch, sie hätten Zeit".

Vor Thunberg hatte eine ganze Reihe weiterer Klimaschützer aus ärmeren Weltregionen auf der Bühne gesprochen. Sie kamen aus Ländern in Afrika, Asien und Südamerika, wo die Folgen der Klimakrise bereits heute stark zu spüren sind - und das trotz der Tatsache, dass diese Staaten mit ihren viel geringeren Emissionen deutlich weniger zum Klimawandel beigetragen haben wie wohlhabendere Länder wie Deutschland, Großbritannien und die USA.

Al Gore: "Jetzt ist Zeit, auf sie zu hören"

Solidarisch mit den Demonstranten äußerte sich der frühere US-Vizepräsident Al Gore. "An alle in den Hallen der COP26: Jetzt ist die Zeit, auf sie zu hören und zu handeln", schrieb er auf Twitter. In einer Rede sagte er, die Welt könne die Erwartungen der jungen Leute erfüllen - dafür müsse aber Schluss sein mit der Zeit des Aufschiebens, der Ablenkung und dem Festhalten an der Vergangenheit. Die Staatengemeinschaft müsse anerkennen, dass sie nun in eine "Phase der Konsequenzen" eingetreten sei und sie zu einer "Phase der Lösungen" machen.

Der Präsident der Weltklimakonferenz, Alok Sharma, äußerte Verständnis für die Wut vieler Jugendlicher über den zu lange verschleppten Klimaschutz weltweit. "Ich verstehe das, ich habe selber Kinder", sagte er auf einer Veranstaltung, auf der junge Menschen mehr Ehrgeiz und Tempo im Kampf gegen die Klimakrise verlangten. Zugleich verwies Sharma auf jüngste Zusagen, die Hoffnung gäben: Etwa die Zusage großer Wirtschaftsnationen der G20, im Ausland den Bau von Kohlekraftwerken nicht mehr mit öffentlichen Mitteln zu fördern. Auch der neue Pakt von gut 100 Staaten zum Stopp der Entwaldung bis 2030 sei wegweisend. Er räumte aber ein: "Wir müssen zusammen darauf achten, dass sich auch alle an ihre Zusagen halten."

Nach dem Großprotest am Freitag soll bereits am Samstag eine weitere Demonstration folgen, an der sich nach den Erwartungen der Organisatoren erneut Zehntausende beteiligen sollten. Auch hier wird Thunberg eine Rede halten. Der Protest ist Teil eines globalen Aktionstags, der nach Schätzungen der Organisatoren Hunderttausende in mehr als 200 Städten weltweit auf die Straße bringen wird.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. November 2021 um 20:00 Uhr.