Ein Boot liegt am Strand des jamaikanischen Küstenorts Negril (Archivbild). | dpa

Inselstaaten bei Klimakonferenz "Wir werden unserer Zukunft beraubt"

Stand: 03.11.2021 04:01 Uhr

Beim Klimagipfel in Glasgow sorgen vor allem die von Industriestaaten geplanten Initiativen für Schlagzeilen. Vielen Inselstaaten gehen diese aber noch nicht weit genug. Sie mahnen: Uns droht der Untergang.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London, z.Zt. Glasgow

Der Hilfeschrei kommt aus vielen Regionen der Erde, und er ist in Glasgow deutlich zu hören. Viele Inselstaaten fürchten um ihre Existenz. Surangel Whipps, der Präsident von Palau, einer Inselgruppe im westlichen Pazifik, ist verzweifelt.

Die sengende Sonne beschert uns unerträgliche Hitze. Das sich erwärmende Meer dringt in unser Land. Unsere Ressourcen verschwinden vor unseren Augen. Und wir werden unserer Zukunft beraubt. Offen gesagt: Der langsame Tod hat keine Würde. Dann bombardieren Sie doch unsere Inseln, anstatt uns leiden zu lassen, nur damit wir unseren langsamen, verhängnisvollen Niedergang miterleben.
Imke Köhler ARD-Studio London

Die Premierministerin von der Karibikinsel Barbados, Mia Mottley, klingt ähnlich. Sie redet den Delegierten ins Gewissen und fasst die Misere ihres Landes in dem Satz zusammen: "Wir wollen auch in 100 Jahren noch existieren."

Der Untergang droht

Die Klimaerwärmung lässt den Meeresspiegel steigen - viele Inselstaaten und Küstenregionen drohen in absehbarer Zeit unterzugehen. Die Forderung ist deshalb unmissverständlich: Die Industrieländer, die im Wesentlichen für den Treibhauseffekt verantwortlich sind, sollen mehr tun für den Klimaschutz und mehr Geld geben, damit die Entwicklungsländer Klimaschutz betreiben und sich dem Klimawandel anpassen können.

100 Milliarden Dollar hätten seit 2020 dafür pro Jahr mobilisiert werden sollen, aber die Summe ist bisher nicht zusammengekommen. Voraussichtlich wird das erst 2023 der Fall sein.

Gestritten wird aber auch über die Verwendung des Geldes. Dem Pariser Klimaabkommen zufolge sollten Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen gleichermaßen, also jeweils zu 50 Prozent, berücksichtigt werden. Tatsächlich aber steht für Anpassungsmaßnahmen, wie etwa die Erhöhung von Deichen, deutlich weniger Geld zur Verfügung - wahrscheinlich auch deshalb, weil es häufig kein attraktives Investment ist.

Anpassung wird noch stiefmütterlich behandelt

Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, räumt ein, dass hier noch mehr passieren muss:

Wir dürfen auch bei [der] Anpassung nicht nachlassen, wir müssen mehr machen. Deutschland ist ziemlich weit vorne, wir sind jetzt im Augenblick bei 40 Prozent. Und ich hoffe, dass wir da jetzt ein Stück vorankommen, ohne, dass es dazu führt, dass wir die Klimaschutzinvestitionen irgendwie kleinreden.

Was bei den anvisierten 100 Milliarden Dollar noch gar nicht vorgesehen ist, sind Zahlungen für Schäden und Verluste, die durch den Klimawandel entstehen. Derzeit wird darüber verhandelt, ob es dafür künftig Kompensationen geben soll.

Vorwürfe an Industriestaaten

Maina Talia ist Geschäftsführer des Climate Action Network von Tuvalu, einer Insel im Pazifischen Ozean, die zum Commonwealth gehört und nur knapp über dem Meeresspiegel liegt. Talia macht im Gespräch deutlich, wie dringend sein Land das Geld benötigt, gleichzeitig hat er das Gefühl, dass sich die Industriestaaten nur Zeit erkaufen, anstatt selbst ernsthaft den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Talia warnt: "Wenn Australien uns von seinen Grenzen fernhalten will, dann muss es was tun. Wenn die Australier das nicht tun, werden wir am Ende in ihrem Land sein."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. November 2021 um 23:31 Uhr.