Ein Junge sitzt in einem Bus, der in aus der ukrainischen Stadt Cherson wegbringen soll. | REUTERS

Neun Monate Krieg in der Ukraine Flucht nach der Befreiung

Stand: 24.11.2022 15:17 Uhr

Neun Monate nach Beginn der russischen Invasion ist Cherson befreit. Doch die Stadt ist zerstört. Und die Kämpfe in der Gegend gehen weiter. Vielen Menschen bleibt nur die Flucht.

Von Rebecca Barth, WDR, zurzeit Kiew

Die Rückeroberung Chersons ist der jüngste Erfolg der ukrainischen Streitkräfte. Der Abzug der russischen Soldaten ist für die Mehrheit der verbliebenen Bewohner eine Befreiung. Doch nun, nach neun Monaten Krieg, entscheiden sich viele dazu, die Stadt zu verlassen. Der Grund: Auch in Cherson hat Russland zivile kritische Infrastruktur zerstört.

Leben im Keller

Walentina Stobynska öffnet die Tür zu ihrem Keller. Er sei nie abgeschlossen, damit auch die Nachbarn hier Schutz suchen können, sagt die Bäuerin. "Manchmal sitzen wir hier zu fünft." Stobynska lebt im Dorf Tawrijske in der Region Saporischschja im Südosten der Ukraine. Seit neun Monaten verläuft hier die Frontlinie.

"Der Krieg hat am 24. Februar begonnen, und ab dem 27. oder 28. haben wir hier Schüsse gehört", erklärt Stobynska. "Seit Anfang März haben wir uns im Keller versteckt." Und das müssen sie bis heute. Denn Walentina Stobynska und ihre Nachbarn leben zwischen der ukrainischen und der russischen Artillerie, erzählt sie der Nachrichtenagentur AFP.

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: von Russland annektierte Gebiete.  | ISW/23.11.2022

Dunkelgrün: Vormarsch der russischen Armee. Schraffiert: Von Russland annektierte Gebiete. Bild: ISW/23.11.2022

Beschuss könnte zunehmen

Immer wieder ist der gegenseitige Beschuss zu hören, der vermutlich in dieser Region auch noch zunehmen wird. Der Grund dafür: Die Rückeroberung der südukrainischen Stadt Cherson.

Die Kämpfe könnten sich nun in Richtung Osten verlagern - davon gehen Experten aus. Und die Ukraine hat nicht vor, eine Winterpause einzulegen, erklärt Präsidentenberater Mychajlo Podoljak im lettischen Fernsehen:

Wir werden keine Pause in unserer militärischen Strategie einlegen. Das wäre extrem nachteilig für uns, denn Russland will eine Pause, um im Winter weiter unsere Infrastruktur zu zerstören, die eingezogenen Soldaten zu trainieren und diesen Stellungskrieg fortzuführen.

Zerstörung zwingt zur Flucht

Wo nicht aktiv gekämpft wird, ist es besonders die großflächige Zerstörung der Infrastruktur, die die Menschen in der Ukraine zur Flucht zwingt. Auch aus Cherson. Gerade erst haben die Menschen hier die Befreiung der Stadt gefeiert, die vor zwei Wochen hat die ukrainische Armee die Stadt zurückerobert hat.

Doch lebenswert ist es deswegen in Cherson noch nicht, sagt Olha Kurakowa der Nachrichtenagentur Reuters:

Kein Wasser, kein Strom. Das ist sehr schwierig. Meine Wohnung ist kalt, es gibt keine Heizung. Meine Nerven sind am Ende. Deswegen haben wir beschlossen zu gehen. Die Evakuierung ist kostenlos, und das Geld geht den Leuten aus.
Bewohner der ukrainischen Stadt Cherson steigen in den Zug nach Kiew. | dpa

Bewohner von Cherson verlassen die Stadt in Richtung Kiew. Bild: dpa

Fast alle Wärme- und Wasserkraftwerke beschädigt

Kurakowa steht vor einem Reisebus, der sie nach Lwiw in die Westukraine bringen soll. Doch auch dort kommt es immer wieder zu Stromausfällen. So gut wie alle Wärme- und Wasserkraftwerke der Ukraine sind mittlerweile beschädigt.

Bis April könnten die Stromausfälle anhalten, warnen ukrainische Behörden. Präsidentenberater Podoljak gibt sich optimistisch: "Die Ukraine wird diesen Winter genauso überstehen, wie sie die neun Monate des Krieges überstanden hat."

Die Regierung werde sich dafür einsetzen, dass die kritische Infrastruktur funktioniere und die Menschen zumindest ein gewisses Maß an Strom, Heizung und Wasserversorgung erhielten. "Wir wissen sehr gut, dass Russland nur noch einen Trumpf hat - uns mit Marschflugkörpern zu beschießen", sagt er.

Und genau das macht Russland. Nach den landesweiten, gezielten Angriffen auf die Energieinfrastruktur am Mittwoch sind wieder hunderttausende Menschen ohne Strom und von der Wasserversorgung abgeschnitten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. November 2022 um 14:00 Uhr.