Der ukrainische Autor Serhij Zhadan im YermilowCentre für zeitgenössische Kunst in Charkiw. | Andrea Beer / wdr
Reportage

Krieg in der Ukraine Wenn Künstler keine Kunst mehr machen

Stand: 14.06.2022 11:52 Uhr

Der Krieg in der Ukraine hat das Leben vieler Menschen grundlegend verändert. So auch das von Oleh Kadanow und Serhij Zhadan. Arbeiteten sie vor dem Krieg noch als Künstler, unterstützen sie jetzt die ukrainische Armee.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. in der Ukraine

Oleh Kadanow stimmt noch kurz die Gitarre, dann geht es los. Der Musiker und Schauspieler lebt in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Charkiw stand vom 24. Februar an im brutalen Fokus russischer Angriffe. Auch für Oleh Kadanow eine blutige Zäsur. Er erinnert sich: "Seit dem zweiten Tag der russischen Invasion habe ich als Freiwilliger gearbeitet. Wir waren die ganze Zeit mit dem ukrainischen Militär an der Frontlinie unterwegs. Wir fahren in die Region Donezk und haben verschiedenes dabei: Ausrüstung, Ferngläser, Drohnen - was die Armee eben braucht".

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Viele Künstler helfen nun der Armee

Er sei längst nicht der Einzige aus der Kulturszene, der das mache, betont der tätowierte 44-Jährige mit den halblangen braunen Haaren. Das Theater, in dem er eigentlich arbeitet, ist geschlossen - doch für Musik bleibt ohnehin keine Zeit. "Ich habe mich noch nicht wieder der Musik zugewandt, weil ich einfach nichts Neues machen kann. Mein Gehirn, mein Kopf sind darauf nicht eingestellt."

Ich denke später, wenn ich alles überdacht habe und wir verstehen und akzeptieren und überleben, dann wird es möglich sein, Lieder mit und ohne Bezug zum Krieg zu schreiben.

Lyrik als Ablenkung

Ins YermilowCentre für zeitgenössische Kunst in Charkiw hat sich an diesem Abend nur eine Handvoll Menschen verirrt. Doch online sind sie mit weiteren Künstlerinnen und Künstlern sowie Zuschauern in Lwiw verbunden, in der Westukraine - rund 1000 Kilometer entfernt. Schwarze Lederjacke, schwarze Jeans, weiße Turnschuhe: Vor Ort in Charkiw liest Serhij Zhadan an diesem Abend Gedichte vor. Er wirkt müde, doch beim Vortragen kommt Leben in ihn.  

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan im YermilowCentre für zeitgenössische Kunst in Charkiw. | Andrea Beer / wdr

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan im YermilowCentre für zeitgenössische Kunst in Charkiw. Bild: Andrea Beer / wdr

Der ukrainische Lyriker und Schriftsteller hat zahlreiche Gedichtbände und Romane veröffentlicht. Sein Werk ist teilweise ins Deutsche übersetzt - darunter "Depeche Mode" oder "Die Erfindung des Jazz im Donbas". Er organisierte Musik- und Literaturfestivals, für das Musiktheater des österreichischen Komponisten Bernhard Gander, "Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr", schrieb Serhij Zhadan den Text. Ende Mai war die Premiere des Stückes an der Deutschen Oper Berlin. Wie viele aus der ukrainischen Kulturszene sammelt auch er nun Spenden für humanitäre Hilfe und die ukrainische Armee. Auf Facebook und Instagram beschreibt er, was er tut.

Zur Zeit arbeite ich nicht literarisch, seit Kriegsbeginn ist das so, denn wir arbeiten alle als Freiwillige.

Auch kulturelle Events seien auf freiwilliger Basis. Die Künstlerinnen und Künstler sammelten dabei Geld für Autos für die Armee, erklärt Zhadan. "Seit dem russischen Angriff haben meine Freunde und ich Dutzende Konzerte gegeben. In der U-Bahn, in Krankenhäusern, für das Militär - aber auch das ist eher Freiwilligenarbeit." 

Blick in die Zukunft ist Blick ins Ungewisse

Die Hände in den Hosentaschen steht Serhij Zhadan neben roten und grünen Zinnsoldaten - zwei Objekten der laufenden Ausstellung des YermilowCentres. Wie es mit dem Schreiben weitergeht, weiß er gerade nicht. Das sei schwer zu sagen. Sein Bewusstsein und die Realität seien zu etwas ganz anderem geworden als bisher - und das sei viel beängstigender und stärker als jede künstlerische Reflexion.

Zhadan erklärt: "Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie ich jetzt, wo ich all diese Dinge jeden Tag sehe, Gedichte schreiben könnte. Kultur ist wie ein Talisman: Ein Mensch zieht in den Krieg und nimmt etwas Wichtiges mit - ein Bild, ein Foto, ein Amulett. Die Kultur wie ein Amulett. Es rettet dich nicht vor einem Panzer oder einer Bombe, aber es erlaubt dir, am Leben festzuhalten".

Mehr als nur Spenden für Armee sammeln

Für den Musiker Oleh Kadanow ist der kurze Abend dennoch mehr als nur Spenden sammeln für Autos für die Armee. "Im Krieg ist alles sehr materiell und mir scheint, wenn wir uns immer mehr nur auf Dinge konzentrieren, die um uns herum passieren - auf Tod, Krankheit - wenn wir nur das machen, dann vergessen wir die subtilen Dinge, die unserer Seele widerfahren." Abende wie diese seien wie Anker, die man werfen könnte, beschreibt Kadanow. An solchen Abenden könne man sich selbst zuhören und spüren, "was irgendwo in der eigenen Mitte los ist".

Später werden die Gitarren weglegt und der Gedichtband geschlossen. Man trinkt noch ein Glas und dann ist Sperrstunde, denn der Krieg in Charkiw wartet nicht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. Juni 2022 um 06:45 Uhr.