Leichen von Zivilisten, die nach Angaben von Einwohnern von Soldaten der russischen Armee getötet wurden, liegen inmitten der russischen Invasion in der Ukraine in Butscha, Region Kiew, auf der Straße | REUTERS

Dutzende Zivilisten bei Kiew getötet "Die Leute wurden einfach abgeknallt"

Stand: 03.04.2022 11:58 Uhr

Dutzende Leichen auf den Straßen, scheinbar wahllos erschossen - aus der Stadt Butscha bei Kiew kommen grauenvolle Berichte und Bilder. Russische Soldaten hätten die Zivilisten getötet, berichten Anwohner.

Von Bernd Musch-Borowska, NDR, z. Zt. an der polnisch-ukrainischen Grenze

Der Großraum Kiew ist offenbar wieder unter ukrainischer Kontrolle. Nachdem sich die russischen Streitkräfte aus den Vororten der Hauptstadt zurückgezogen haben, durchsuchen ukrainische Soldaten nun die wochenlang belagerten Städte.

Auf Filmmaterial, das von Nachrichtenagenturen verbreitet wurde, ist das ganze Ausmaß der Zerstörung zu sehen. In den Straßen von Butscha, westlich von Kiew, liegen überall Leichen auf den Straßen. Zivilisten, die von den russischen Soldaten offenbar wahllos erschossen wurden.

"Mit einem Panzer über sein Auto gefahren"

Das jedenfalls berichteten die Anwohner, die sich in den Kellern ihrer Häuser versteckt hatten. "Diese Leute liefen auf der Straße und sie wurden einfach abgeknallt", erzählt einer - und fügt hinzu, dass es im Nachbarort "noch schlimmer" aussehe. "Die haben einfach geschossen, ohne Fragen zu stellen."

Ein Stück weiter ist ein völlig zerstörtes Auto zu sehen. Hinter dem Steuer der leblose Körper des Fahrers. "Ich kannte den Mann, der wohnte hier in der Gegend", sagt Yuri. "Ein netter, friedlicher Mensch. Die Russen sind einfach mit voller Absicht mit einem Panzer über sein Auto gefahren."

Eine Frau umarmt einen ukrainischen Soldaten, nachdem ein Konvoi von Militär- und Hilfsfahrzeugen am Samstag in Butscha angekommen ist. | AP

Unendliche Erleichterung: Eine Frau umarmt einen ukrainischen Soldaten, nachdem ein Konvoi von Militär- und Hilfsfahrzeugen am Samstag in Butscha angekommen ist. Bild: AP

"Wir saßen zwei Wochen im Keller"

Vasily, ein anderer Einwohner von Butscha, der seine Tränen nicht zurückhalten kann, erzählt: "Wir saßen zwei Wochen im Keller. Kein Essen, kein Licht, keine Heizung. Wir haben Wasser über den Kerzen angewärmt und in unseren Klamotten und Schuhen geschlafen."

Die Rentnerin Maria Zhelezova erzählt, sie sei dem Tod mehrmals knapp entkommen. "Das erste Mal flogen Kugeln durch die Fensterscheibe in meine Wohnung, bis ins Badezimmer. Beim zweiten Mal haben mich beinahe Granatsplitter getroffen und beim dritten Mal war ich auf der Straße und die Maschinengewehrsalven haben mich knapp verfehlt. Ich hatte solche Angst, vor allem um die Kinder."

Auf einer Brücke in Butscha sind Panzerabwehrminen ausgestellt | AP

Panzerminen auf einer Brücke in Butscha. Präsident Selenskyi warnte gestern, wegen der Verminung zu früh in die befreiten Städte zurückzukehren. Bild: AP

Viele Anwohner wollen nun zurückkehren

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz ist in Butscha und im benachbarten Irpin unterwegs, um den Bewohnern der Orte Lebensmittel und medizinische Hilfe anzubieten. "Es gab heftige Kämpfe und wir wollen Essen verteilen und schauen, wie die humanitäre Situation ist. Wir gehen davon aus, dass etwa 3500 Menschen versorgt werden müssen", sagt die Helferin Alyona.

Mit der Nachricht, dass die Städte rund um Kiew wieder unter ukrainischer Kontrolle seien, hat an der polnisch-ukrainischen Grenze eine verstärkte Rückreise von Flüchtlingen begonnen. Allerdings warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gestern davor, zu früh in die befreiten Städte zurückzukehren. Die russischen Streitkräfte hätten überall Minen und Sprengfallen hinterlassen, die erst geräumt werden müssten.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 03. April 2022 um 10:05 Uhr.