Serhii Matjuk hat aufgehört zu zählen, wie viele Tote er bereits in Butscha begraben hat, Ukraine. | Silke Diettrich
Reportage

Gräueltaten von Butscha Der Totengräber, der aufgehört hat, zu zählen

Stand: 15.04.2022 22:34 Uhr

Totengräber Serhij weiß nicht mehr, wie viele Opfer er nach dem Massaker von Butscha schon begraben hat. Er will, dass die Toten eine würdevolle Ruhe finden - und muss dabei selbst um sein Leben fürchten.

Von Silke Diettrich, WDR, zzt. Butscha

Eisregen prasselt auf die Plastikblumen, die die Gräber schmücken. So viele neue sind in den vergangenen Tagen dazugekommen. Serhij hat kaum Zeit zu reden, er hebt Gräber aus, damit die Toten von Butscha eine würdige Ruhe finden: "Am Anfang ist mir das noch schwergefallen. Nachts konnte ich kaum schlafen. Jetzt habe ich mich ein wenig mehr daran gewöhnt. Trotzdem: Es ist immer noch schlimm für mich, die toten Kinder aufzusammeln und sie zu beerdigen", sagt Serhij.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Er ist selbst Vater. Jetzt ist nur sein Hund bei ihm. Seine Frau und die Kinder sind nach Finnland geflohen, als der Krieg begann. Auch wenn sie Heimweh haben, es ist die richtige Entscheidung gewesen: "Sie haben Frauen und Kinder getötet. Vor einigen Tagen haben wir im Wald eine ganze Familie in ihrem Auto gesehen, alle erschossen. Sie hatten Holz gehackt. Den Russen war egal, wen sie da getötet haben. Es scheint ihnen auch jetzt einfach egal zu sein."

Frische Gräber auf dem Friedhof von Butscha, Ukraine. | Silke Diettrich

Frische Gräber auf dem Friedhof von Butscha, Ukraine. Bild: Silke Diettrich

Russische Soldaten werden "Orks" genannt

Es ist eiskalt auf dem Friedhof. Serhij macht nur kurz Pause. Zieht sich seine Handschuhe zurecht. Er trägt weder eine dicke Jacke, noch Mütze oder Schal. Das Graben hält ihn warm. So schnell bringe ihn wohl nichts um, sagt er. Das hätten ja nicht mal die "Orks" geschafft. "Orks", so nennen viele hier in der Ukraine die russischen Soldaten.

Wegen der "Orks" jedenfalls, sagt er, sei er unzählige Male selbst kurz davor gewesen, auf diesem Friedhof als Leiche zu landen: "Wenn wir raus sind, um die Leichen einzusammeln, haben sie uns das an einer Ecke erlaubt, an der anderen Ecke haben sie auf uns geschossen. Zwei Autos von uns sind dabei draufgegangen."

An den Checkpoints hätten russische Soldaten mit ihren Waffen auf ihn gezielt. Einmal hätten sie ihn auch gefangen genommen. Er habe sich ausziehen müssen, sei 24 Stunden lang gefesselt gewesen, sagt Serhij. Keine Folter. Dann hätten sie ihn laufen lassen.

Er habe einfach Glück gehabt, sagt er: "Wir haben in den letzten Tagen Leichen hierher gebracht, die von ihren Nachbarn in Gärten auf die Schnelle vergraben wurden. Viele von diesen Menschen sind nicht einfach gestorben, sie wurden umgebracht. Die Leute hier sagen, es gäbe noch immer weitere Leichen, die wir einsammeln müssten."

Serhij schaufelt weiter. Es gibt noch viel zu tun, bevor es dunkel wird und die Ausgangssperre beginnt. Er weiß nicht, wie viele tote Menschen er in den vergangenen Wochen aufgesammelt und begraben hat. Serhij hat aufgehört zu zählen. Wichtig seien jetzt die, die überlebt haben: "Die Leute, die hier geblieben sind, sind viel näher zusammengerückt. Wir sind eine große Gemeinschaft. Jede hilft jedem. Brot gegen Zigaretten oder was auch immer. Ich habe Hoffnung, ja ich hoffe!"

Butscha, die Stadt hat weltweit Schlagzeilen gemacht als Ort des Grauens und der Kriegsverbrechen. Serhij, der Totengräber aber sagt, Butscha sei nun die Stadt, die er über alles liebt. "Yes, yes, I now love this town, Bucha."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. April 2022 um 11:05 Uhr.