Brustimplantat von Poly Implant

Urteil im Brustimplantate-Skandal TÜV Rheinland muss Frauen entschädigen

Stand: 20.05.2021 13:28 Uhr

Rund zehn Jahre nach dem Brustimplantate-Skandal um den französischen Hersteller PIP hat ein Gericht den TÜV Rheinland zu Schadensersatzzahlungen verurteilt. Der TÜV habe fahrlässig gehandelt. Die Höhe der Entschädigung ist noch offen.

Tausende Frauen können nach jahrelangem Streit um Schadensersatz für mangelhafte Brustimplantate nun auf Entschädigungen hoffen. Ein Berufungsgericht in Paris verurteilte den TÜV Rheinland, der die Implantate der Firma Poly Implant (PIP) zertifiziert hatte, zu Schadenersatzzahlungen. Der TÜV habe fahrlässig gehandelt, begründete das Gericht sein Urteil.

Allerdings wies das Gericht gleichzeitig die Klagen Hunderter Frauen ab - insbesondere in den Fällen, in denen Implantate vor September 2006 implantiert wurden. "Der TÜV Rheinland nimmt zur Kenntnis, dass ein großer Teil der Klagen vom Pariser Berufungsgericht abgewiesen wurde", erklärte die Anwältin des TÜV, Christelle Coslin, laut Mitteilung. Man weise aber zurück, dass der TÜV Rheinland in den anderen Fällen haftbar sei.

Auswirkung auch für Opfer in weiteren Ländern?

"Wir freuen uns über dieses Ergebnis, das den Zweifeln an der Verantwortung des TÜV endgültig ein Ende setzt", sagte dagegen der Rechtsanwalt des Opferverbandes PIPA, Olivier Aumaitrer. "Nach zehn Jahren des Wartens und heftigen Kampfes muss der deutsche Zertifizierer die Opfer vollständig entschädigen." Die Höhe und der Zeitpunkt der Entschädigungen müssen nach PIPA-Angaben noch festgelegt werden. Es sei Schadensersatz von mehreren zehntausend Euro je Opfer beantragt worden, teilte PIPA mit. Eine Entscheidung werde im September erwartet. Das Urteil könnte Auswirkungen auf Zehntausende weitere Opfer von Großbritannien bis Lateinamerika haben.

2700 Frauen hatten den Fall vor Gericht gebracht. Von 2001 bis 2010 hatten mehr als 300.000 Frauen die mangelhaften Implantate erhalten, die mit industriellem Silikon befüllt waren. So hatte der französische Hersteller PIP Ermittlern zufolge allein in einem Jahr 1,2 Millionen Euro eingespart. Die Implantate wiesen überdurchschnittlich häufig Risse auf, Hinweise auf ein höheres Vorkommen von Brustkrebs fanden sich nicht. Etwa 15.000 Frauen hatten allein in Frankreich die Operationen wieder rückgängig machen lassen.

TÜV hatte Berufung eingelegt

Im Jahr 2013 hatte ein Gericht im südfranzösischen Toulon den TÜV Rheinland zu Schadensersatzzahlungen verurteilt. Jede Geschädigte sollte 3000 Euro erhalten. Der TÜV hatte damals Berufung eingelegt. In einem weiteren Verfahren mussten sich der Chef von PIP, Jean-Claude Mas, und vier hochrangige Manager vor Gericht für den Skandal verantworten. Mas wurde wegen Betruges zu vier Jahren Haft verurteilt. In einem Verfahren vor dem Bundesgerichtshof (BGH) vor vier Jahren hatte eine Klägerin aus Rheinland-Pfalz ihren Schadenersatzprozess gegen den TÜV Rheinland verloren. Damals hatte der BGH keine Pflichtverletzungen festgestellt.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 20. Mai 2021 um 13:37 Uhr.