Ein LKW auf dem Weg zum Hafen von Dover (Archivbild). | Bildquelle: REUTERS

Handelsverkehr an den Grenzen Das Bürokratie-Chaos des Brexit

Stand: 09.01.2021 02:08 Uhr

Die Brexit-Folgen an den Grenzen werden spürbar. Fahrer, denen die richtigen Papiere fehlen. Unternehmen, die täglich von neuen Hürden beim Warenfluss lernen. Der Brexit verursacht ein neues Bürokratie-Chaos.

Von Jenny Beyen, ARD-Studio London

Seit neun Tagen ist Großbritannien nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes und der Zollunion, und das bekommen Firmen und Menschen auf der Insel deutlich zu spüren. In Supermärkten bleiben Regale leer, Lkw-Ladungen werden an der Grenze wegen fehlender Papiere abgewiesen, und der Paketzusteller DPD hat den Versand von Paketen aus Großbritannien in die EU für die nächsten Tage komplett eingestellt.

Denn trotz Handelsabkommen mit der EU müssen britischen Firmen ihre Produkte über Online-Systeme anmelden - handelt es sich dabei zum Beispiel um Lebensmittel oder lebende Tiere, braucht es noch jede Menge weitere Zusatz-Papiere.

Noch wesentlich mehr Störungen erwartet

Wie all das funktioniert, haben die Unternehmen erst kurz vor dem Jahreswechsel erfahren. Viel zu spät, findet Shane Brennan von "Cold Chain Federation", einem Verband für Tiefkühl-Lebensmittel. Schon jetzt gebe es deshalb Probleme am Eurotunnel und am Hafen von Dover, obwohl gerade nicht mal die Hälfte des üblichen Verkehrs laufe.

 "Trotz dieses geringen Verkehrs gibt es viel Verwirrung und viele Verspätungen. Und den Fahrern wird gesagt, sie würden diesmal mit ihren fehlerhaften Papieren noch durchgelassen, aber beim nächsten Mal nicht mehr. Und deshalb glauben wir, dass es dort bald wesentlich mehr Störungen geben wird."

Französische Behörden haben schon angekündigt, ab Montag strenger zu sein und keine Ausnahmen mehr zu machen bei fehlenden oder fehlerhaften Papieren. Die Papiere seien aber nur ein Teil des Problems, erklärt Shane Brennan.

"Es geht hier ja nicht nur um eine Person, nur um den Fahrer oder den Unternehmer dahinter. Es geht auch um das Grenzpersonal, die Fährgesellschaften und das medizinische Personal an der Grenze. Und all diese einzelnen Elemente arbeiten in dieser Woche zum ersten Mal zusammen - und das bei wenig Verkehr. Und die Erfahrungen bisher zeigen, dass es nicht reibungslos funktioniert."

Existenzängste wegen Problemen an den Grenzen

Bis sich das eingespielt habe, könne es Monate dauern. Zeit, die viele Unternehmen nicht haben, vor allem, wenn sie frische Lebensmittel transportieren. Viele schottische Fischer fürchten deshalb schon um ihre Existenz. Donna Fordyce von Seafood Scotland sagte gegenüber der BBC:

 "Meeresfrüchte und Fische sind ein sehr komplexes Feld: Es gibt über 65 Sorten, und viele Unternehmen transportieren verschiedene Sorten, die von verschiedenen Fischerbooten kommen. Und die Systeme sind erst seit 29.12. im Einsatz, sie sind einfach nicht ausgetestet. Es gibt dort zum Beispiel verschiedene Namen für dieselbe Sorte, mal auf Italienisch, mal auf Englisch - es ist einfach sehr kompliziert und komplex."

Ähnliche Berichte gibt es für den Transport von Waren von und nach Nordirland. Um eine harte Grenze zu Irland hin zu vermeiden, ist Nordirland enger an die EU gebunden als der Rest des Königreichs. Die entsprechenden Kontrollen finden an den Häfen statt, die imaginäre Grenze zur EU befindet sich de facto in der Irischen See.

Reihenweise Beschwerden bei Abgeordneten

Bei den Abgeordneten in London hagelt es durch all diese Probleme seit Tagen Beschweren. Zwar gibt es spezielle Service-Stellen der Regierung, um mit der neuen Bürokratie zu helfen, diese seien aber völlig überlastet, heißt es in den Beschwerdebriefen. Der britische Transportminister Grant Shapps bleibt trotzdem gelassen. Er erklärte gestern:

"Die Regierung arbeitet eng mit den Unternehmen zusammen. Und der Handel über die Grenzen hinweg hat ja nicht aufgehört, im Gegenteil, es läuft sogar reibungslos. Und von den befürchteten kilometerlangen Staus ist auch nichts zu sehen."

Der Grund für das Fehlen von Staus ist nach Meinung vieler Handelsverbände wie "UK Logistics" aber nicht das gut funktionierende System der Regierung. Viel mehr seien sämtliche Unternehmen gerade damit beschäftigt, die neuen Anforderungen zu verstehen und umzusetzen und würden deshalb versuchen, ihre Transporte so lange wie möglich hinauszuzögern.

Brexit-Nachklapp: Situation an den Grenzen
Jenny Beyen, ARD London
08.01.2021 23:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. Januar 2021 um 09:52 Uhr.

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