Die Titelseite des "Evening Standard" am 24.06.2016 | picture alliance / dpa
Interview

Fünf Jahre nach Brexit-Votum "Über Nacht war alles anders"

Stand: 23.06.2021 03:57 Uhr

Vor fünf Jahren fand das Referendum über Großbritanniens EU-Mitgliedschaft statt. Einen Tag später hieß es: "We're out!" London-Korrespondentin Annette Dittert über den Schock nach dem Votum und die Folgen, die zunehmend sichtbar werden.

tagesschau.de: Dass das Referendum über einen EU-Austritt Großbritanniens 2016 wirklich zugunsten der Brexiteers ausgehen würde, hielten hierzulande viele bis zuletzt für unwahrscheinlich - umso ungläubiger fielen die Blicke am "Morgen danach" aus. Wie erinnern Sie sich an den Moment der Wahrheit in Großbritannien?

Annette Dittert: Am Morgen nach dem Referendum war ich im Zug von Edinburgh nach London. Das Abteil war voller Menschen, alle seltsam ruhig; man spürte eine gewisse Schockstarre. Als mein Telefon klingelte und sie mich Deutsch sprechen hörten, wurde es plötzlich ganz still - und als ich auflegte, brach eine junge Frau mir gegenüber in Tränen aus: "Es tut mir so leid, es war nicht unsere Absicht, dass Sie jetzt wieder nach Deutschland zurückmüssen!" Auf die Idee, dass sich auch für mich jetzt einiges ändern würde, war ich da selbst noch gar nicht gekommen. Und es ging so weiter an diesem seltsamen Tag. Als ich zu Hause ankam, stand auf meinem Hausboot ein großer Blumenstrauß mit einer Notiz der Nachbarn: "Please don’t go!" - "Bitte geh nicht!" So wurde mir allmählich klar, was der Brexit für mich und die anderen EU-Bürger bedeuten würde: dass wir in Großbritannien ab jetzt nicht mehr so einfach und selbstverständlich "dazugehören" würden.

Annette Dittert | NDR/Verena Reinke
Zur Person

Annette Dittert berichtet für die ARD aus London - erst als Korrespondentin, zwischenzeitlich als Autorin, unter anderem im Videoblog "London Calling", und seit 2019 wieder als Korrespondentin und Studioleiterin.

In den Wochen danach änderte sich dann das Lebensgefühl auf der Insel. Für mich war das oft so, als ob plötzlich ein dunkler Schatten über dem Land liege. Man spürte die Teilung des Landes, die Wut und den Ärger der "Remainers", die für den EU-Verbleib gestimmt hatten. Der Triumph der anderen, die aber noch gar nicht wirklich wussten, was sie mit diesem Brexit nun anfangen sollten, war leiser, aber für viele "Remainers" dennoch schwer zu ertragen. Familien begannen sich zu zerstreiten, einige meiner Nachbarn sprechen bis heute kaum mehr miteinander, und ich habe auch selbst einige Freunde verloren.  Es war einfach über Nacht alles anders. Und dieses freundliche, fröhliche, alle willkommen heißende England, das noch 2012 die Olympischen Sommerspielen zu einem solchen Fest hatte werden lassen, verschwand in den Jahren danach immer mehr.

tagesschau.de: Waren die Briten denn im ersten Moment nicht um sich selbst besorgt - oder auch hocherfreut, falls sie für den Brexit gestimmt hatten?

Dittert: In den Straßen von London hat an diesem Tag niemand gejubelt. Selbst die "Brexiteers" waren ein bisschen verblüfft und schockiert, denn sie konnten selbst nicht glauben, dass sie das geschafft haben. Boris Johnson war an dem Tag erst einmal verschwunden. Er hatte, glaube ich, selbst nicht mit dem Ausgang gerechnet und wollte lediglich durch ein starkes Abschneiden beim Referendum seine Position innerhalb der Tory-Partei stärken. In der allgemeinen Verblüffung wunderte sich auch kaum jemand darüber, dass Premier David Cameron das Handtuch warf - auch wenn das im Nachhinein einfach unverantwortlich seinem Land gegenüber war, das er so sicher in die tiefste Krise seit der Nachkriegszeit gestürzt hat. 

Brexit: Austrittsbefürworter jubeln. | dpa

Jubel auf einer Wahlparty der Brexit-Kampagne Leave.eu am 23.06.2016. Bild: dpa

Enttäuschte Brexit-Gegner | AFP

Lange Gesichter hingegen bei Unterstützern der "Stronger In"-Kampagne gegen einen EU-Austritt in der Londoner Royal Festival Hall. Bild: AFP

"Ganze Industriezweige kämpfen ums Überleben"

tagesschau.de: Auf den Schock folgten zähe, jahrelange Verhandlungen über ein Austrittsabkommen. Seit dem 1. Mai 2021 ist der Partnerschaftsvertrag mit der EU endgültig in Kraft. Welche Veränderungen sind nun im Alltag spürbar?

Dittert: Vieles ist wesentlich komplizierter geworden. Wenn wir zum Beispiel im ARD-Studio London EU-Bürger beschäftigen wollen, müssen wir für sie ein Arbeitsvisum beantragen. Das ist ein Riesenaufwand und auch teuer. Kleinere Firmen können sich das kaum mehr leisten. Und auch umgekehrt ist es für die Briten schwieriger, von hier aus noch für längere Zeit auf den europäischen Kontinent zu reisen oder dort zu studieren, weil die britische Regierung außerdem die Mitgliedschaft im Erasmus-Programm beendet hat. Gerade für die Jüngeren ist das bitter. Zur Zeit merkt man das noch gar nicht so, die Pandemie verdeckt viel. Aber diese Brüche mit Kontinentaleuropa werden zunehmend spürbar werden, wenn die Reiseeinschränkungen erst einmal vorbei sind. Erst dann, glaube ich, wird den Briten so richtig bewusst werden, was das neue Verhältnis zur EU für sie bedeutet.

tagesschau.de: Aus Teilen der britischen Wirtschaft ist ja schon zu hören, dass ihnen das ausgehandelte Brexit-Abkommen bislang zum Nachteil gereicht.

Dittert: Ja, das sind ganze Industriezweige, die derzeit wirklich ums Überleben kämpfen. Vor allem kleinere Betriebe kommen mit den komplizierten Zollformularen einfach nicht zurecht. Gerade die Fischer wurden vor dem Brexit ja sehr umworben: dass sie dann mehr fischen könnten, weil sie nicht mehr die Gewässer mit den EU-Fischern teilen müssten. Nicht gesagt wurde ihnen, dass sie ihren Fisch dann nicht mehr verkaufen können, da die Exporte in die EU durch aufwändigen Papierkram beim Zoll jetzt für sie kaum mehr möglich sind. Die britische Regierung lässt die britischen Fischer bislang weitestgehend allein damit - und viele werden das nicht überleben.

Ähnlich trifft es Betriebe, die auf EU-Arbeitnehmer angewiesen sind, die jetzt nicht mehr kommen können. Vor allem die Gastronomie in London und Umgebung. Aber auch hier ist das noch nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen, da viele Hotels und Restaurants noch geschlossen haben. Aber nach der Pandemie wird das spürbarer werden. Neue Handelsverträge auszuhandeln wird viele Jahre dauern, und bis die Loslösung von der EU dann wirklich positive Effekte für die britische Wirtschaft zeigen könnte, wenn überhaupt, werden viele, viele Jahre vergehen. 

"Die meisten haben sich damit abgefunden"

tagesschau.de: Wie präsent sind da die Stimmen der glühenden Brexiteers noch?

Dittert: In der Nacht vom 31. Januar, als der Brexit vollzogen wurde, gab es eine kleine Jubelfeier auf dem Platz vor dem Parlament. Die war aber sehr schnell wieder vorbei. Johnson ging nicht einmal vor die Tür der 10 Downing Street - und auch sonst wollte sich in dieser Nacht außer Nigel Farage keiner so recht mit den Brexit-Anhängern sehen lassen. Die "Remainers" saßen währenddessen zu Hause; viele, die ich gut kenne, haben das bis heute schlecht verkraftet. Die meisten haben sich damit abgefunden, aber das Land bleibt gespalten in dieser Frage. Ich würde sagen, mindestens die Hälfte der Briten ist nach wie vor sehr unglücklich über die Entscheidung und ihre Folgen, und ich vermute auch, dass das so bleiben wird. 

UKIP-Chef Nigel Farage steht auf einem Wahlkampfbus in Newcastle. | AFP

Das Gesicht von Nigel Farage prangte eins auf einem Wahlkampfbus für den Brexit. Nach dem Votum gab der UKIP-Chef schnell seinen Rücktritt bekannt (Archivbild vom 26.05.2016). Bild: AFP

tagesschau.de: Was wird der zunehmende Unmut für den heutigen Premier Johnson bedeuten?

Dittert: Es wird interessant, inwieweit es ihm weiter gelingt, den Briten seinen harten Brexit als Erfolg zu verkaufen. Bisher hat er die Nachteile für die genannten Industriezweige stets bestritten, Fragen von Journalisten dazu wischt er vom Tisch oder beantwortet sie erst gar nicht. Und, wie gesagt, die Pandemie verdeckt im Moment noch viele der negativen Brexit-Folgen. Wenn das vorbei ist, dann wird es interessant, ob die Stimmung doch noch kippt. Ich bin da allerdings ein bisschen skeptisch. Denn dazu bräuchte es eine starke Opposition - und die gibt es derzeit nicht. Die Labour-Partei hat ja im Dezember 2019 mit für den Brexit-Deal gestimmt. Damit haben sie sich zu "Komplizen" gemacht und können den Deal und seine Folgen für die britische Wirtschaft deshalb jetzt nicht so hart kritisieren, wie es eine Opposition eigentlich müsste. 

"Brüche zwischen den vier Nationen verschärft"

tagesschau.de: Wie sind die Aussichten, dass sich aus den anderen Landesteilen Großbritanniens Widerstand formieren wird? Schottland etwa macht aus seinen Unabhängigkeitswünschen ja keinen Hehl...

Dittert: Der Brexit zerstört momentan vieles - ob er auch schöpferische Wirkung entfaltet, wird sich zeigen. Aber er hat vor allem Fliehkräfte im fragilen Gebilde des Vereinigten Königreichs freigesetzt. Die Schotten sind eine zutiefst sozialdemokratische Gesellschaft, die Johnsons zunehmend von englischem Nationalismus geprägten Regierungsstil skeptisch gegenüberstehen. Andererseits ist die Unabhängigkeit für die Schotten nach dem Brexit sehr viel schwieriger und komplizierter geworden: Sie hätten dann ja eine EU-Außengrenze quer durch die Insel. Bei der engen Verflechtung zwischen Schottland und England würde das jetzt sehr kompliziert.

Auch in Wales ist die Unabhängigkeitsbewegung stärker geworden, wenn auch nicht so stark wie in Schottland. Und in Nordirland gibt es durch das verhandelte Abkommen jetzt ebenfalls immer größere Probleme: Johnson hat die Grenze ja in die Irische See verlegt und dadurch Nordirland im Grunde vom britischen Festland abgetrennt. Das verschärft die Spannungen zwischen den verschiedenen Fraktionen in Nordirland. 

Ganz generell kann man deshalb sagen: Der Brexit hat die Brüche, die es zwischen den vier Nationen vorher auch schon gab, verschärft - und es ist nicht mehr unvorstellbar, dass das Vereinigte Königreich in seiner jetzigen Form tatsächlich irgendwann auseinanderfällt. 

Die Fragen stellte Jasper Steinlein, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Juni 2021 um 07:55 Uhr.