Angehörige der Polizei der bosnischen Serben bei einer Übung in den Jahorina-Bergen im Oktober 2021 | AP

Bosnien und Herzegowina Das Ende eines mühsamen Friedens?

Stand: 20.11.2021 09:15 Uhr

Gerade 25 Jahre alt ist der heutige Staat Bosnien und Herzegowina. Die junge Generation will von Krieg nichts mehr wissen, doch nationalistische Rhetorik verfängt - insbesondere unter den Serben. Bricht das Land auseinander?

Von Wolfgang Vichtl, ARD-Studio Wien

Zulejha Keco ist ein Nachkriegskind, 24 Jahre alt, geboren in Sarajevo im zweiten Jahr nach dem Abkommen von Dayton, das 1995 den Krieg zwischen bosnischen Serben und Bosniaken beendete und das friedliche Zusammenleben in Bosnien und Herzegowina garantieren soll. Aber die Alten sagen schon wieder: "Es riecht nach Krieg" - wie damals.

Wolfgang Vichtl ARD-Studio Wien

Keco schüttelt den Kopf: Wer solle denn kämpfen - wofür und warum?, fragt sie. Sie tanzt lieber, zusammen mit Serben, Kroaten, Slowenen und Tänzern aus der sogenannten Republik Srpska, dem serbischen Landesteil im Staat Bosnien und Herzegowina. Sie erzählt vom gemeinsamen "Ex-Jugoslavien-Spirit", dem gemeinsamen Geist des früheren Jugoslawien in ihrer Truppe, dem "Balkan Dance Project".

Zulejha Keco

Die Ballerina Zulejha Keco sagt, sie wolle nicht Teil einer neuen Kriegsgeneration sein.

Keine "neue Kriegsgeneration"

Keco ist Ballerina am Nationaltheater in Sarajevo. "Ich will nicht Teil einer neuen Kriegsgeneration werden", sagt sie sehr bestimmt. Keco spricht hervorragend Deutsch, sie hat Germanistik studiert. Natürlich werde sie nachdenken, ob sie auch nach Deutschland gehen soll, wie viele ihrer Freunde - wenn es schlimmer wird. 70 Prozent ihrer Generation denkt so. Noch ist es für sie nicht so weit.

Christian Schmidt ist der Hohe Repräsentant der internationalen Gemeinschaft für Bosnien und Herzegowina inklusive der Republika Srpska. Mit weitreichenden Vollmachten soll er überwachen, was in Dayton vereinbart wurde. Keco und ihre Generation müsse keine Angst haben, sagt Schmidt: Die internationale Gemeinschaft sei da, das sei anders als damals.

Dauerpropaganda gegen "Dayton"

Schmidt kommt gerade aus einem Gespräch mit Nicht-Regierungsorganisationen in Bosnien und Herzegowina, alle Volksgruppen waren vertreten. "Das Dayton-Abkommen nicht aushöhlen" sei deren Appell gewesen. Schmidt zeigt sich beeindruckt.

Sein Start im neuen Amt war schwierig, begleitet von Dauer-Provokationen seines Gegenspielers Milorad Dodik, dem nationalistischen Leitwolf des serbisch dominierten Landesteils. Dodik tönte, er werde aus der gemeinsamen Armee Bosniens und Herzegowinas aussteigen und - mit den serbischen Einheiten - eine eigene gründen, dazu eigene Polizei, eigene Finanzbehörden. Im Klartext: eine Drohung mit der Abspaltung.

Milorad Dodik gestikuliert vor einer Karte der serbischen Teilrepublik von Bosnien-Herzegwina | REUTERS

Droht verstärkt mit der Abspaltung der bosnischen Serben: Milorad Dodik. Bild: REUTERS

Bosnien und Herzegowina: ein Staat, drei Ethnien, mindestens zwei Welten. Dodik erkennt Schmidt nicht als Hohen Repräsentanten an. Der Serbe versteckt sich hinter Russland, das Dodiks separatistischen Kurs stützt. Dodik ist Mitglied des dreiköpfigen Präsidiums des Gesamtstaats Bosnien und Herzegowina. Er residiert auch in Banja Luka in der Republika Srpska, hinter einer sozialistischen Prunkfassade, nur 190 Kilometer von Sarajevo entfernt, trotzdem dauert die Autofahrt dorthin dreieinhalb bis vier Stunden.

Wo ist das Geld geblieben?

Svetlana Cenic nennt Dodik einen Autokraten, den die internationale Gemeinschaft groß gemacht habe. Mit gemeinsamen Fotos nach gemeinsamen Gesprächen, mit Subventionen, die im System Dodik versickern. "Sie gaben so viel Geld, wo sind die Ergebnisse?", fragt sie. Die Autobahn Sarajevo-Banja Luka zum Beispiel sollte längst fertig sein. Cenic ist Wirtschaftsexpertin, war mal Ministerin in einem der frühen Kabinette Dodiks, zuständig für Finanzen - parteilos, das ist ihr wichtig.

"Korruption ist Lebensstil in Bosnien und Herzegowina", sagt Tanja Topic, die in Banja Luka für die deutsche Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet. Keiner der Regierenden hier wolle einen Rechtsstaat haben, sagt sie, denn das würde bedeuten, dass sie im Gefängnis landeten.

Die Zukunft des serbischen Landesteils sieht sie düster. Früher seien die Männer als Gastarbeiter weggegangen. Jetzt sind es ganze Familien, die ihre Häuser verkaufen, weil sie "die Zukunft ihrer Kinder nicht verspielen möchten". Während Dodiks Propaganda tönt: Am schönsten sei das Leben doch hier, in der Republika Srpska.

Gegner des bosnisch-serbischen Politikers Dodik demonstrieren in Banja-Luka (Bosnien-Herzegowina) im Oktober 2021 | AP

Dodiks Gegner werfen ihm Korruption vor - sie fordern seinen Rückzug. Bild: AP

"Republika Srpska ist ruiniert"

Viele hier wissen, wie es wirklich ist. Und stützen Dodik trotzdem. Umfrage auf der Straße: Die Republika Srpska sei ruiniert, sagt Miroslav, 40, Manager. Er gibt die Schuld für die Misere der bosniakischen Führung in Sarajevo, die versuche, den Srpska-Serben die Autonomie zu nehmen: "Dodik versucht, diese Autonomie zu erhalten, deshalb müssen wir ihn unterstützen." "Es gibt keinen besseren als Dodik", sagt eine Rentnerin im Vorbeigehen.

Dodik erzähle die Geschichten, die serbische Ohren gerne hören, sagt Srdjan Puhalo, Sozialpsychologe aus Banja Luka. Puhalo spricht von jahrelanger "Agonie", von der Strategie Dodiks, alle Institutionen so niederzumachen, bis es "die Menschen irgendwann satt haben und darum bitten werden, auseinander gehen zu dürfen", getrennt nach Ethnien: Serben, Bosniaken, Kroaten.

Mitglieder der Polizei der bosnischen Serben bei einer Übung in den Jahorina-Bergen im Oktober 2021 | AP

Eine Übung der bosnisch-serbischen Polizei in den Jahorina-Bergen im vergangenen Oktober wurde als Teil der Austrittsdrohungen Dodiks verstanden. Bild: AP

Was kann Schmidt noch erreichen?

Der Hohe Repräsentant kann das verhindern. Er kann gewählte Politiker entlassen, Gesetze kippen. Manche nennen ihn trotzdem einen zahnlosen Tiger, auch Srdjan Puhalo - obwohl: Er stockt und vergleicht Schmidt mit der deutschen Fußballnationalmannschaft. Die spielten auch oft neunzig Minuten erfolglos - "vielleicht schießt er im letzten Moment ein Tor?"

Natürlich gebe es eine rote Linie, sagt Christian Schmidt. Wann ist die für ihn erreicht, wann zeigt er Dodik das Stoppschild? "Solche Sachen kündigt man nicht an, solche Sachen macht man, wenn’s notwendig ist", sagt er.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. November 2021 um 09:20 Uhr.