Ein Mann zeigt in Pepinster (Belgien) das Ausmaß der Zerstörung nach dem Hochwasser. | EPA

Flutkatastrophe in Belgien Gefahr unterschätzt, zu spät gewarnt?

Stand: 19.07.2021 16:10 Uhr

Auch in Belgien wird das Ausmaß der beispiellosen Überflutungen zunehmend sichtbar. Noch geht es vor allem ums Aufräumen und Helfen. Doch auch immer lauter wird diskutiert, ob die Unwetterlage unterschätzt wurde.

Von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Mehr als 120 Städte, Gemeinden, Dörfer in Belgien - getroffen von Wassermassen, wie man sie in derartiger Menge und in so kurzer Zeit noch nie über Häuser und Straßen hereinbrechend erlebt hat. So sagen sie es dort, im Süden und Südosten des Landes, in den Ardennen oder am Rand des Hohen Venn. Eigentlich sind das idyllische Mittelgebirgslandschaften. Sie liegen an den belgischen Provinzen Lüttich, Namur und Luxemburg, die von Hunderten kleinen und etwas größeren Flüssen durchzogen werden. Diese Wasserläufe haben schon immer auch ab und zu Hochwasser geführt, man war daran gewöhnt. Aber solche reißenden Flutwellen hatte es bis jetzt noch nicht gegeben.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Und deshalb wird eine Frage in der Wallonie inzwischen immer lauter gestellt: Sind die Anwohner möglicherweise zu spät gewarnt worden? Hätten also Menschenleben gerettet werden können, wenn die Behörden aufmerksamer gewesen wären?

Bilder wie nach einem Krieg

So etwas wie eine Antwort findet man derzeit im 10.000-Einwohner-Städtchen Pepinster, nur knapp 40 Kilometer weit entfernt von der Grenze zu Deutschland. Es liegt in einem Tal liegt, in dem zwei Seitenflüsse der Maas aufeinandertreffen. An deren Ufern sehen die Gebäude jetzt aus wie nach einem Krieg. Das Wasser hat kilometerlange Schneisen der Zerstörung geschlagen. Annelies Verlinden, die Innenministerin der belgischen Zentralregierung, hat den Ort besucht und danach gesagt: Erst wenn man das alles mit eigenen Augen gesehen habe, könne man eine Idee vom Ausmaß der Zerstörung bekommen.

Und es ist der Bürgermeister von Pepinster, Philippe Goudin, der einräumt: Im belgischen Krisenzentrum habe es möglicherweise vor den Überflutungen und den extrem schnell steigenden Flusspegeln tatsächlich eine Fehleinschätzung gegeben. Man habe geglaubt, die Fluten würden beherrschbar bleiben. Und dann sei es irgendwann zu spät gewesen.

Auch in Belgien wird man also genau untersuchen müssen, ob öffentliche Warnsysteme versagt haben und welche Lehren man für künftige Katastrophen zieht.

Im Fokus bislang: Aufräumarbeiten

Politisch wird das aber im Moment noch nicht ernsthaft diskutiert. Im Fokus stehen jetzt vielmehr die Aufräumarbeiten und vor allem: die Suche nach den immer noch Vermissten. Deren Zahl wird inzwischen mit etwa 150 angegeben. Bei den meisten davon dürfte es sich um Menschen handeln, die sich auch aufgrund der nach wie vor schlechten Telefonverbindungen in der Katastrophenregion einfach noch nicht bei den Behörden gemeldet haben.

Gleichwohl kann es laut offiziellen Stellen sein, dass die Zahl der Todesopfer in den nächsten Stunden und Tagen noch steigt. Bisher verzeichnet man 36 Tote.

Armeelaster transportiert Menschen durch die Überflutungsgebiete zwischen Bergen und Nieuw Bergen (Belgien) | AFP

In manchen Gegenden kommen nur noch Armeelaster durch - so hoch und so weit hat sich das Wasser ausgedehnt. Bild: AFP

Helfer am Rande ihrer Kräfte

Inzwischen werde in den Trümmern auch nicht mehr nach Überlebenden gesucht, denn es gebe kaum noch Hoffnung darauf, jetzt noch welche zu finden. Und das Katastrophengebiet ist groß, etwa doppelt so groß wie das Saarland. Bart Reyemaekers, der Chef des belgischen Krisenzentrums, muss in einer Pressekonferenz heute mehrmals mit den Tränen kämpfen und seine Ausführungen schließlich abbrechen - das Entsetzen über das, was geschehen ist, was Opfer und Helfer erleben mussten, lässt sich nur schwer in Worte fassen.

Was dringend gebraucht wird: Notunterkünfte für all diejenigen, die ihr Dach über dem Kopf verloren haben, weil Häuser und Wohnungen von den Fluten einfach weggespült wurden oder weil sie nun einsturzgefährdet sind. Die Rede ist von Tausenden, die jetzt ohne Bleibe dastehen, vor den Trümmern ihrer materiellen Existenz.

Appelle an die Versicherungen

Und völlig ungeklärt ist bislang die Frage, wer für diese Schäden aufkommen soll, die insgesamt durchaus in dreistellige Millionenhöhe gehen dürften. Zwar soll schnell und möglichst unkompliziert auch finanziell geholfen werden, aber konkrete Zusagen gibt es noch nicht. Stattdessen der Appell der Regierungen in den betroffenen Provinzen an die Versicherungswirtschaft, zumindest für eine zügige Übergangshilfe zu sorgen.

Die Versicherer haben zwar ihre grundsätzliche Bereitschaft dazu signalisiert, doch am Ende dürfte das allein bei weitem nicht ausreichen. Also wird auch in Belgien über staatliche Unterstützung geredet und darüber, wie sie zu den betroffenen Menschen kommen kann.

Möglich bei alledem, dass diese Katastrophe das oft zerstrittene Land mit seiner flämischen Region und der französischsprachigen Wallonie wieder enger zusammenrücken lässt. Auf jeden Fall gibt es auch in Belgien angesichts dieses Schreckens eine Welle nie gekannter Hilfsbereitschaft.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Juli 2021 um 09:11 Uhr.