Absperrbänder und ein Polizeiwagen vor dem haus von Vincent van Quickeborne in Kortrijk (Belgien) | dpa
Europamagazin

Belgien Die Drogenmafia greift den Staat an

Stand: 01.10.2022 15:53 Uhr

Seit rund einem Jahr verzeichnet Belgien endlich Erfolge gegen den Drogenhandel. Doch die Banden wehren sich. Der Plan, einen Minister zu entführen, zeigt: Sie folgen dabei Vorbildern aus Lateinamerika.

Von Cornelia Kolden, ARD-Studio Brüssel

Am vergangenen Wochenende hörten die Belgier zum ersten Mal vom Sprecher der Staatsanwaltschaft, was nur um Haaresbreite verhindert worden war: Man habe Hinweise darauf bekommen, dass ein "Angriff auf den belgischen Justizminister" vorbereitet worden sei, sagte Eric Van Duyse. Die Staatsanwaltschaft habe den Minister und das nationale Krisencenter, das für die Sicherheit öffentlicher Personen zuständig ist, sofort informiert.

Vincent Van Quickenborne ist kein Politiker, den viele in Europa auf dem Schirm haben, aber der belgische Justizminister aus der beschaulichen Stadt Kortrijk schaffte es so dann doch in die internationalen Medien - höchst unfreiwillig. Denn was die Staatsanwaltschaft mit "Angriff" umschrieb, sollte offenbar der Versuch einer Entführung sein.

Verdächtiger Wagen in der Nachbarschaft

Dieser Entführungsversuch konnte aufgrund der Vorwarnungen Ende vergangener Woche vereitelt werden. Einer Nachbarin des Ministers war ein Wagen mit niederländischem Kennzeichen aufgefallen, der sich als gestohlen erwies und in dem sich eine automatische Waffe sowie Benzin fanden. Mit diesem Wagen sollte offenbar Van Quickenborne entführt werden.

Zuvor hatte die Polizei in Kortijk routinemäßig einen Wagen aus den Niederlanden überprüft und die Personalien dreier Niederländer aufgenommen. Was die Polizei zu diesem Zeitpunkt nicht wusste und was sie bei solchen Kontrollen auch nicht länderübergreifend abrufen kann: Die Männer waren in den Niederlanden einschlägig vorbestraft und im dortigen Drogenmilieu wohl bekannt.  

Mittlerweile wurde vier verdächtige Niederländer verhaftet, die Ermittlungen laufen.

Vincent van Quickenborne spricht im Parlament in Brüssel (Belgien) | AFP

Wollte die Mafia ihn und damit die Anti-Drogen-Politik Belgiens treffen? Justizminister van Quickenborne Bild: AFP

Ein Minister im "safe house"

Die Staatsanwaltschaft warnt zwar vor vorschnellen Verdächtigungen. Man sei am Beginn der Untersuchungen und wisse, dass in den Medien "auf bestimmte kriminelle Kreise" und "insbesondere die Drogenszene" verwiesen werde. Das sei "eine Möglichkeit, aber nicht die einzige".

Der Minister selbst aber vermutet Drogenkartelle hinter dem Entführungsversuch, hat vorerst einige wichtige Termine abgesagt, und er und seine Familie sind derzeit in einem sogenannten safe house untergebracht. Premierminister Alexander de Croo nennt die Situation "vollkommen unakzeptabel". Aber wie konnte es soweit kommen?

Immer größere Brutalität

"Q", wie den Minister viele gerne nennen, war offenbar ins Visier der Drogenmafia geraten. Die zeichnet sich in den Niederlanden und Belgien durch immer größere Brutalität und spektakuläre Drohgebärden aus.

Ein Anwalt wurde auf offener Straße erschossen, der prominente Investigativ-Journalist Peter R. de Vries ermordet, Unschuldige gerieten ins Kreuzfeuer von Banden. Sogar Ministerpräsident Mark Rutte wurde laut Staatsschutz zur Zielscheibe erklärt.

Erst vor Kurzem musste die niederländische Kronprinzessin Amalia nach Drohungen Zuflucht im Königspalast suchen. Dabei war sie erst gerade als Studentin ausgezogen, um ein relativ alltägliches Leben zu führen.

Niederländische Banden greifen nach Belgien über

Dieses Vorgehen der Banden, ihre Gewaltbereitschaft und direkte Konfrontation mit der Staatsmacht lehnt sich an ihre lateinamerikanischen Vorbilder an. Hinter den Taten vermutet man mehrere rivalisierende Banden, die ursprünglich in den Niederlanden verankert sind, aber zunehmend nach Belgien übergreifen.

Dort ist insbesondere Antwerpen mit seinem großen Hafen in den Fokus gerückt. Aber auch in Brüssel und bis in die tiefste Provinz reichen die Arme der Drogenbarone.

Eskalierende Gewalt in Antwerpens Straßen

Seit mehreren Jahren schon gehören Schießereien und Sprengstoffanschläge zum Alltag in Antwerpen und diversen Vororten. Sehr zum Unbehagen des Bürgermeisters Bart de Wever, der - stramm rechtskonservativ - eigentlich Gesetz und Ordnung in die Stadt bringen wollte. Diesen Sommer sah er sich gezwungen, sogar den nationalen Sicherheitsrat um Hilfe zu ersuchen.

Dabei konnte Belgien einige spektakuläre Erfolge verbuchen. Den Belgiern gelang es 2021, das Verschlüsselungssystem Sky ECC zu knacken, über das vor allem die Drogenmafia kommunizierte.

Seit die Polizei mitliest, hat es Razzien gegeben, bei denen rund 90 Tonnen Kokain im Wert von 4,5 Milliarden Euro beschlagnahmt werden konnten. Und das ist vermutlich nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Mengen, die ins Land geschleust werden.

Staat im Staate

Dass sich mit so viel Geld ein Staat im Staat errichten lässt, Behörden, Sicherheitskräfte, Justiz womöglich korrumpierbar sind, ist die eigentliche Gefahr. Mehr als 1000 Verhaftungen sind im Laufe der letzten zwei Jahre vorgenommen worden, etliches Geld und zahlreiche Waffen beschlagnahmt worden. In Belgien hat man keine Zweifel, dass dies nur ein Kopf der Hydra ist.

Belgiens oberster Generalstaatsanwalt, Ignacio de la Serna, warnte im Februar: "Die Mafia nimmt das Land in Besitz" und forderte mehr Personal. Und Brüssels Generalstaatsanwalt, Johan Delmulle, sprach von der Gefahr, dass Belgien ein "Narco-Staat" wird.

Sich nicht zermürben lassen

So hat Quickenborne wiederum hat mehrfach angekündigt, er wolle die Polizei mit 300 Millionen Euro mehr unterstützen. Die zuständige Behörden strebt danach, alle Hafencontainer zu 100 Prozent zu checken; Geschäfte, die mit Drogenhandel in Verbindung stehen, dürfen schneller geschlossen werden; mehr Mittel soll es geben, um die Finanzstrukturen der Drogenmafia aufzudecken.

Darüber hinaus hat Quickenborne in den Arabischen Emiraten Verträge unterschrieben, die die Auslieferung von Drogenbossen und die Beschlagnahmung ihrer Vermögen ermöglicht. Offenbar war all dies genug, um die Wut der Drogenkartelle auf sich zu ziehen.

Minister "Q." allerdings zeigt sich bis jetzt eher kampfeslustig. "Nolite te bastardes carborundorum", twitterte er unmittelbar nach dem Entführungsversuch. Der pseudolateinische Spruch stammt aus "The Handmaid's Tale" und heißt in etwa: Lass Dich nicht von den Bastarden zermürben!

Über dieses Thema berichtet das Erste im "Europamagazin" am 02. Oktober 2022 um 12:45 Uhr.