Panzer der russischen Armee bei einer Übung im Bezirk Rostow (Januar 2021) | EPA

Manöver in Belarus Möglichst sichtbar - für die NATO

Stand: 10.02.2022 04:33 Uhr

Ein großes Militärmanöver in Belarus erhöht die Nervosität in der Region. Die Führung in Moskau und Minsk betont den defensiven Charakter, während die Ukraine sich umzingelt sieht. Doch geht es tatsächlich um sie?

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau

Unions-Entschlossenheit heißt das gemeinsame Manöver von Russland und Belarus, das von heute an bis zum 20. Februar in seine heiße Phase tritt. Die Militärübung findet laut russischem Verteidigungsminister Sergej Schoigu an fünf unterschiedlichen Orten in Belarus statt. Sie befinden sich zum größten Teil im Westen des Landes, an den Grenzen zu Polen und der Ukraine. Schoigu hatte schon vor einer Woche unterstrichen, dass sich Russland an internationale Verpflichtungen halte und Transparenz walten lasse.

Ich betone, dass die Teilnehmerzahl des Manövers die im Wiener Dokument festgelegte Zahl für Manöver mit konventionellen Waffengattungen nicht übersteigt. Wir sind nicht verpflichtet, unsere Partner zu informieren. Trotzdem hat das russische Verteidigungsministerium freiwillig Militärattachés ausländischer Staaten über das gemeinsame Manöver informiert.

Das würde bedeuten, dass weniger als 13.000 Soldaten, 300 Panzer, 500 gepanzerte Fahrzeuge und 3500 Fallschirmjäger dabei sein können. Geübt werden soll laut offizieller Darstellung die Abwehr eines gegnerischen Angriffs, insbesondere der Schutz des Luftraums und der Staatsgrenzen, weshalb auch Luftwaffen- und Luftabwehrgruppen daran teilnehmen, so Schoigu.

Das letzte fehlende Puzzleteil?

Angesichts des russischen Truppenaufmarsches entlang der ukrainischen Grenze mit mehr als 125.000 Soldaten befürchtet der Westen, das Manöver sei das letzte noch fehlende Puzzleteil, damit Russland die Ukraine angreifen könne. Der ukrainische Militärexperte Mykola Sunhurowskyj sieht sein Land nun von fast allen Seiten umzingelt - "nicht nur von den Volksrepubliken Luhansk und Donezk aus oder im Süden bei Mariupol, sondern jetzt auch entlang der Grenze zu Belarus. Da unsere Truppen begrenzt sind, sind wir im Prinzip von allen Seiten eingekreist, mit Ausnahme des Westens. Wir sind gezwungen, unsere Kräfte jetzt entlang der Grenze zu verteilen, und das schafft günstige Bedingungen für die Verbände russischer Truppen."

Niemand könne allerdings sagen, wo ein Angriff erfolge, glaubt Sunhurowskyj - möglich seien auch Provokationen der selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk oder sogar von Belarus aus. Der dortige Machthaber Lukaschenko hatte bereits der Ukraine gedroht, im Falle eines Krieges Russland gegen die Ukraine zu unterstützen. Im Interview mit dem russischen Staatsfernsehen sagte er:

Wenn sie uns oder Russland angreifen, dann werden wir kämpfen und uns verteidigen. Die belarusische Armee wird genauso handeln wie die russische. Natürlich wird das eine gemeinsame Antwort sein - meinen Sie, wir scherzen heute hier an der Südgrenze?

Vielleicht auch eine Botschaft an den Westen

Doch bei der Einschätzung dieses Manövers und den wirklichen Absichten Putins gehen die Meinungen der Beobachter nach wie vor auseinander. Waleri Schirjajew, russischer Militärexperte der unabhängigen Zeitung "Nowaja Gaseta" sieht darin vor allem eine Botschaft an den Westen:

Nach jetzigem Stand, wenn alle Militärtransporter entladen sind, ist absolut klar, dass die Luftabwehr gen Westen gerichtet ist, nicht gen Ukraine - obwohl Lukaschenko, als er die Notwendigkeit des Manövers erklärte, die Ukraine als Gegner bezeichnet hat. Aber das ist ein echtes Manöver, um Druck auf die Verhandlungspartner bei der Frage der Nichterweiterung der NATO zu erhöhen.

Außerdem sei die Übung aufreizend langsam vorbereitet worden. Der Großteil der Teilnehmer komme aus dem Fernen Osten. Allein bis Nowosibirsk seien sie schon über eine Woche unterwegs gewesen, berichtet Schirjajew; eine Stadt mehr als 3000 Kilometer entfernt von Moskau - "damit die NATO-Satelliten alles sehen und man in den westlichen Medien darüber spekulieren kann, warum sie fahren und fahren und fahren".

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 10. Februar 2022 um 07:13 Uhr und 08:12 Uhr.