Katarina Andrejewa und Darja Tschulzowa umarmen sich während ihres Prozesses in Minsk (Belarus) | REUTERS

Journalisten in Belarus Für einen Livestream ins Gefängnis?

Stand: 16.02.2021 06:22 Uhr

In Belarus könnten zwei TV-Mitarbeiterinnen zu drei Jahren Haft verurteilt werden. Sie hatten im November von einer Oppositionskundgebung live berichtet - laut Anklage eine "Störung der öffentlichen Ordnung".

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Katerina Andrejewa und Darja Tschulzowa sind überzeugt, nur ihren Job gemacht zu haben: zu berichten. Was Journalisten eben tun. Monatelang stand Andrejewa mit schwarzem Mikrofon und blauer Warnweste mit der Aufschrift "Presse" live vor der Kamera.

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

Seit 2017 arbeitet sie als Korrespondentin für den Sender Belsat TV, einen aus Polen finanzierten Satelliten-Fernsehsender. Die Massenproteste waren einer der Karriere-Höhepunkte der jungen Journalistin - jeden Sonntag war sie dabei, interviewte Belarusinnen und Belarusen auf den Sonntagsmärschen. Ihre Kollegin Darja Tschulzowa hielt die Kamera.

Korrespondentin Katerina Andrejewa erlebte historische Momente. "Sie hatte natürlich Angst - wie jeder normale Mensch, der unter solchen Bedingungen arbeitet. Man kann festgenommen und der Freiheit beraubt werden oder Verletzungen erleiden", erzählt ihr Ehemann Ihar Iljasch im Interview dem ARD-Studio Moskau. "Aber sie war bereit, das Risiko einzugehen und ungewöhnliche Wege zu beschreiten."

Katarina Andrejew während ihres Prozesses in Minsk (Belarus) | AP

Katarina Andrejewa drohen bis zu drei Jahre Haft ... Bild: AP

Darja Tschulzowa während des Protesses gegen sie in Minsk (Belarus) |

... ebenso wie ihrer Kollegin Darja Tschulzowa.

Festnahme bei Protesten für Bondarenko

Eine Notfalltasche für den Fall, dass sie festgenommen würde, habe sie immer dabei gehabt. Die brauchte sie am 15. November 2020. Wie sonst auch streamten die beiden jungen Frauen live aus Minsk, vom Platz des Wandels. Es ist ein Platz mit viel Symbolik für die belarusische Protestbewegung: Hier wurde Roman Bondarenko von maskierten Männern geschlagen und abgeführt; ein 31-Jähriger, der am darauffolgenden Tag mit schweren Verletzungen starb.

Aus Protest kamen deshalb Tausende Belarusen eben an diesen Ort, an dem Platz war eine kleine Gedenkstätte entstanden. Katerina Andrejewa und Darja Tschulzowa hatten sich in einer Wohnung im 13. Obergeschoss postiert - mit gutem Blick auf den Platz. Sie berichteten von dort live, filmten, wie Sicherheitskräfte Demonstranten festnahmen, hörten Schüsse. Im Stream habe sie noch erzählt, dass vor ihnen eine Drohne der Sicherheitskräfte geflogen sei, berichtet ihr Ehemann.

Iljasch hatte seine Frau noch kurz am Telefon, in jenem Moment, als diese festgenommen wurde. "Es gab keine Rufe der Polizisten: 'Machen Sie die Tür auf!'", sagt er. "Nein, die haben die Tür einfach eingetreten und Katerina festgenommen." Das Telefonat war zu Ende.

Ihar Iljasch | Demian von Osten

In Sorge um seine Frau: Ihar Iljasch Bild: Demian von Osten

Sie erfülle ihre Pflichten, sagte Andrejewa vor Gericht

Erst dachte er an eine vorübergehende Festnahme, wie sie Katerina schon durchlebt hatte. Doch als er erfuhr, dass die Ermittlungsbehörde Hausdurchsuchungen durchführen ließ, auch bei ihm, war klar: Das ist ernst.

Seit Anfang Februar 2021 stehen Katerina und Darja wegen dieser Liveübertragung vor Gericht. Der Vorwurf: Sie hätten Tätigkeiten, die grob die öffentliche Ordnung verletzen, organisiert und vorbereitet. Ihnen drohen drei Jahre Haft.

Am ersten Prozesstag vor einer Woche hörte das Gericht einige Zeugen an. Auch Katerina Andrejewa wurde das Wort erteilt. Sie sagte, sie sei nicht schuldig, und erläuterte, warum sie ohne Akkreditierung, die in Belarus für journalistisches Arbeiten vorgeschrieben ist, arbeitet: Die Ablehnung der Akkreditierung, sagt sie, verletze ihr durch die Verfassung garantiertes Recht auf Redefreiheit. "Aber ich erfülle weiter meine Pflichten - trotz Festnahmen und zahlreichen Geldstrafen."

"Befreien Sie meine Frau und verschwinden Sie!"

Belsat TV, der Sender, für den die beiden arbeiten, wurde 2007 als belarusischsprachiger Fernsehsender in Polen gegründet. Er ist Teil des polnischen staatlichen Rundfunks und wird zum Großteil vom polnischen Außenministerium bezahlt. Für Belarusen ist er eine wichtige Informationsquelle abseits der staatlichen Fernsehkanäle in Belarus, die nicht nach journalistischen Standards berichten. Journalistinnen und Journalisten von Belsat TV stehen seit Jahren unter Druck, weil ihr Sender in Belarus nicht zugelassen ist. Akkreditierungen erhalten sie nicht.

Heute könnte das Urteil fallen. Die Vorstellung, seine Ehefrau käme jahrelang ins Gefängnis, treibt Ehemann Ihar Iljasch, selbst Journalist, die Tränen in die Augen. "Ich würde natürlich im Land bleiben und auf sie warten", sagt er. "Und ich würde jede mögliche Solidaritätsaktion organisieren, um eine schnelle Freilassung zu erreichen".

Falls er je mit Machthaber Alexander Lukaschenko würde sprechen können, dann wüsste Iljasch genau, was er ihm im Falle einer Verurteilung seiner Frau sagen würde: "Befreien Sie meine Frau und verschwinden Sie!"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Februar 2021 um 13:00 Uhr.