Protestaktion im Wald.
Reportage

Opposition in Belarus Von Protest zu innerem Widerstand

Stand: 30.04.2021 21:34 Uhr

Seit August protestieren die Belarusen gegen Wahlfälschungen und das System Lukaschenko. Inzwischen hat der Machtapparat sie von den Straßen vertrieben - doch im Geheimen geht der Widerstand weiter.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, zurzeit Minsk

"Ich habe das Gefühl, als ob das in einem anderen Leben war", sagt Maria Pugatschewa. Videos der Proteste aus dem vergangenen Jahr flimmern über ihren Laptop. Sie sitzt in ihrer kleinen Einzimmerwohnung in Minsk. Die Wände sind relativ kahl. Sie hat fast alles weggeschafft, was ihr Probleme bereiten könnte: die rot-weißen Regenschirme, weiß-rot-weiße Flaggen. Denn Marias Wohnung wurde durchsucht, sie selber saß zehn Tage im Gefängnis.

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

"Nur" zehn Tage, wie sie betont. "Ich hatte einen guten Anwalt", lächelt die junge Frau. Ihren Job hat sie verloren, nachdem der Geheimdienst bei ihrem Arbeitgeber anrief. Jetzt brauche sie eine Pause: "Es ist sehr schwer, wenn du ein Protestleben führst und nie durchatmest. Das ist großer Stress! Auch zehn Tage im Gefängnis zu sitzen, ist großer Stress."

"Man hat die Menschen eingeschüchtert"

Minsk in diesen Tagen wirkt, als wäre nie etwas gewesen. Gelbe Linienbusse fahren durch die breiten sowjetischen Prachtstraßen, am Unabhängigkeitsplatz kündigt Sowjetsymbolik die Militärparade zum 9. Mai an, dem "Tag des Sieges" der Sowjetunion über Nazideutschland. Nirgendwo in der Öffentlichkeit sieht man weiß-rot-weiße Flaggen der Opposition, die meisten Menschen gehen unauffällig ihrem Alltag nach. Von Protesten keine Spur. "Ich bin traurig, dass man die Menschen so eingeschüchtert hat, dass sie sich jetzt nicht mehr trauen auf die Straße zu gehen", sagt Maria.

Maria Pugatschewa demonstrierte monatelang - und saß dafür im Gefängnis, verlor ihre Arbeit.

Maria Pugatschewa demonstrierte monatelang - und saß dafür im Gefängnis, verlor ihre Arbeit.

Bis zu 200.000 Menschen waren bei den Sonntagsmärschen vergangenes Jahr auf den Beinen. Im Herbst begann dann die Polizei, immer massiver gegen Demonstranten vorzugehen. Man kam nicht mehr nur für ein paar Tage ins Gefängnis, sondern für einen ganzen Monat. Dann begannen die Behörden mit Strafverfahren gegen Aktivisten. 360 politische Gefangene zählt die Menschenrechtsorganisation Wjasna Ende April.

Lukaschenko denkt nicht ans Aufgeben

Doch Maria sagt, es sei noch nicht vorbei:

All diese Hunderttausend Leute, die im August, September und Oktober auf die Straße gegangen sind, die gibt es weiterhin. Sie sind noch hier.

Die Menschen hätten aber nicht verstanden, dass es etwas länger dauern würde. "Was konnte man schon erwarten von einem Mann, der 26 Jahre lang alles gemacht hat, was er wollte?" Er werde nicht auf einmal "auf Wiedersehen" sagen, meint sie.

Für Alexander Lukaschenko ist Belarus alles. 1994 wurde er belarusischer Präsident - zu einer Zeit, als Wladimir Putin gerade einmal Vizebürgermeister von St. Petersburg war. Lukaschenko hat seine Widersacher immer wieder besiegt, aus dem Weg geschafft und sich auch nach zweifelhaften Wahlen an der Macht gehalten. Die Proteste im vergangenen Herbst waren die schwersten in seiner Zeit an der Macht, doch ans Aufgeben denkt er nicht.

Politologe sieht Versäumnisse der Opposition

"Die Machthaber haben die Straßenproteste fast komplett niedergeschlagen und jetzt gibt es so etwas wie konterrevolutionäre Prozesse", sagt der Minsker Politologe Jewgenij Prejgerman. "Die Macht kämpft auf allen Fronten gegen das, was passiert ist. Gleichzeitig ist unter den Menschen der innere emotionale Protest weiter aktuell, bei manchen womöglich sogar noch größer geworden."

Der Regierung sei es gelungen, sämtliche Führungsfiguren der Protestbewegung auszuschalten, sagt Prejgerman - sie kamen entweder ins Gefängnis oder flohen außer Landes. Prejgerman ist auch der Ansicht, dass die Protestbewegung zu wenig die starke Abhängigkeit Belarus’ von Russland berücksichtigt habe: "Die politische Alternative hat nicht klar erläutert, wofür sie steht. Und vor allem hat sie das nicht jenen erklärt, die Teil des Systems sind."

Heimlicher Protest im Wald

Doch einige Oppositionsaktivisten wollen trotzdem beweisen, dass der Protest nicht vorbei ist. In einem Waldstück bei Minsk ziehen sie rot-weiße Kleidung an und hängen eine riesengroße weiß-rot-weiße Flagge auf: die Farben der Opposition. Der Ort ist geheim, damit die Polizei nicht sofort kommt. Und es gibt Beobachtungsposten, die vor der Polizei warnen sollen.

Etwa 15 Teilnehmer tanzen in einer Choreografie zu Musik, schwenken dabei die rot-weißen Flaggen. Zwei Männer filmen den Tanz mit Kamera und einer Drohne, um es später im Netz zu zeigen. Die Protestbewegung gibt es noch, so die Botschaft.

Oksana ist eine der Organisatorinnen. Sie zeigt sich nur vermummt vor der Kamera.

Oksana ist eine der Organisatorinnen. Sie zeigt sich nur vermummt vor der Kamera.

"Ja, ich verstehe, dass es schwierig ist, mit friedlichen Märschen und Protestaktionen eine Diktatur zu besiegen", sagt Oksana, die die Performance organisiert hat. "Aber die Belarusen sind nicht bereit für kriegerischen Widerstand. Friedliche Bürger haben keine Waffen."

Ob dieser Protest am Ende ausreiche, das wisse sie nicht. Aber dies seien nun mal die Möglichkeiten, die sie hätten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. April 2021 um 22:35 Uhr.